Was ein Versprechen fürs Leben wirklich bedeutet

Brigitta und Lothar Dahlbüdding meistern eine besondere Situation. Vor acht Jahren erlitt Lothar einen Schlaganfall. Ihre Liebe  gibt den beiden Kraft, die Situation anzunehmen wie sie ist.
Brigitta und Lothar Dahlbüdding meistern eine besondere Situation. Vor acht Jahren erlitt Lothar einen Schlaganfall. Ihre Liebe gibt den beiden Kraft, die Situation anzunehmen wie sie ist.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Brigitta und Lothar Dahlbüdding haben einen der schwersten Schicksalschläge erlitten, den eine Ehe belasten kann. Von Tag eins an war für sie aber klar: Wir haben uns geschworen, immer zusammen zu halten.

Hagen.. Man darf weinen. Natürlich darf man das. Wie soll ein Mensch auch reagieren, wenn nichts mehr sein wird wie es einmal war? Gerade noch, da bist du mit deinen Kumpels am Wochenende 70 Kilometer Rennrad gefahren. Gerade noch hast du im Hagener Theater in der Finanzbuchaltung geschackert wie ein Verrückter. Gerade noch hast du mit deiner Frau am Strand von Mallorca Wein getrunken. Vielleicht hat man es viel zu selten ausgesprochen, aber: Das Leben war richtig, richtig schön. Und jetzt? Lothar Dahlbüdding zieht seinen linken Arm zurecht. Er spürt ihn nicht, er ist schwer wie Stein. Mit der rechten Hand macht er eine zarte Faust, deutet einen Schlag auf den Tisch an. „Hier wird nicht geweint“, sagt er. Was es wirklich bedeutet, dass man für immer, unwiderruflich und kompromisslos für seinen Partner einsteht? Man muss Menschen treffen, die das tun, um es zu spüren. Wir haben Brigitta und Lothar Dahlbüdding getroffen.

20. Juni 2008. Der Urlaub war vorbei. Er hatte einen dieser Arbeitstage hinter sich, die wir alle nach dem Urlaub erleben. Wieder ankommen, wieder reinfuchsen. Am Abend wollte er mit Brigitta die Urlaubsfotos entwickeln lassen und etwas essen gehen. Sie wartet am Bühneneingang des Theaters auf ihn. Er arbeitet dort, ist verantwortlich für die Finanzen. Als er aus dem Theater kommt, sieht er sie. Er sagt: „Und, wo gehen wir jetzt als Erstes hin? Fotos oder essen gehen?“ Sie sagt: „Ich glaube, wir gehen nirgendwo mehr hin. Du hattest gerade einen Schlaganfall.“ In seinem Schenkel hatte sich binnen weniger Sekunden eine gefährliche Thrombose gelöst.

Wenn Lothar Dahlbüdding früher Fußball gespielt hätte, dann wäre er heute eine bundesweite Legende. Im Prinzip ist er das auch. Aber die Szene des Basketballsports ist so viel kleiner als die Fußball-Welt. Dahlbüdding ist Teil jener Mannschaft, die Hagen vor 42 Jahren so unglaublich stolz machte. Das Team um den Amerikaner Jimmy Wilkins kehrte am Sonntag, den 7. April 1974, an die Volme zurück und hatte mit dem Gewinn der Deutschen Basketballmeisterschaft gegen den USC Heidelberg Szenen ausgelöst, die es in Hagen so nie wieder gegeben hat. Zigtausende empfingen die Helden am Hauptbahnhof. In und um die Ischelandhalle hatten fast 10 000 Menschen das Finalhinspiel in Hagen verfolgt. Jetzt fuhren die Sieger nach ihrem Triumph in Heidelberg in Cabrios durch Hagen. Hagener zu sein, das hieß an diesem Tag, einer von jenen zu sein, aus dessen Stadt diese Männer kamen. Der hervorragende Distanzschütze Lothar Dahlbüdding war und ist einer von ihnen. Ein ewiger Champion.

Kampfgeist eines Sportlers

Es ist sehr wichtig, seine Sport-Karriere zu erwähnen. Nicht weil er dadurch irgendwie berühmter als andere Schlaganfallpatienten wäre. Sondern weil in diesem Mann etwas lodert, dass auch eine halbseitige Körperlähmung und die Beeinträchtigung seines Sichtfeldes nicht auslöschen kann. Jemanden wie ihn nennen die Amerikaner einen „Competitor“. Einer, in dem der Kampfgeist wohnt, der Wege finden möchte, die nicht immer zum Erfolg über die anderen, aber vor allem zum Erfolg über sich selbst führt. Wir leihen uns ein Zitat bei einem, der noch millionenfach besser Basketball gespielt hat als Lothar Dahlbüdding – bei Michael Jordan. „Hindernisse müssen dich nicht aufhalten. Wenn du gegen eine Wand rennst, dreh dich nicht um und renne weg. Überlege dir einen Weg wie du darüber klettern, hindurchgehen oder um sieh herum gehen kannst.“ Diese Mentalität steckt auch in Dahlbüdding. Und sie macht einen Schlaganfall zu einem Basketballspiel – das gewonnen werden muss.

Das Eheleben der Dahlbüddings sollte seit jenem 20. Juni 2008 nie wieder so sein wie es einmal war. Über 40 Jahre zusammen. Das ganze Leben geteilt. Die Hochs, die Tiefs. Plötzlich ist einer der Pfleger des anderen. Du gehst nicht mehr allein auf die Toilette, du gehst ja anfangs noch nicht einmal alleine vom Sofa zum Essenstisch. Du bist zurückkatapultiert worden in eine Zeit, an die du dich gar nicht selbst erinnern kannst: in die ganz frühen Kindertage.

„Ich genieße das Leben“

Während dir das geschieht, bist du Mitte 50. Hallo? Da schmieden die meisten Leute doch heute langfristige Zukunftspläne. Mittfünfziger und Mittsechziger sind heute vital, sportlich und wollen genießen. „Das tue ich“, sagt Lothar Dahlbüdding. Und das einzige Mal in unserem Gespräch rollt eine Träne seine Wange herunter, als er hinterhersagt: „Weil meine Frau mich überall mit hin nimmt. So bleibe ich Teil dieser Gesellschaft.“

Ihr Leben für seins? Als Außenstehender ist man versucht, das so einzuschätzen. Eine Ehefrau steckt neben ihrer Arbeitsstelle die komplette Energie in die Betreuung ihres Mannes, der nach außen vielleicht nicht mehr der Mann ist, der er einmal war. Sie baut ihr ganzes Leben um. So, dass er leben kann.

„Ja, ich habe geheult. Ich habe die Brocken in die Ecke geschmissen und gefragt: Warum wir? Aber wir haben uns geschworen, ein Leben lang zusammen zu halten. Für mich ist es Liebe, diese Situation anzunehmen wie sie ist“, sagt Brigitta.

Er arbeitet wie besessen in der Rehabilitation. Viele motorische Fähigkeiten hat er zurückerlangen können. Er besucht Heimspiele von Phoenix Hagen. Er geht wieder ins Theater. Klar, alles nur mit Hilfe. Gestützt, gehalten. Aber: Er ist, wie ein Basketballer sagen würde, zurück auf dem Feld. Er hat den Weg um die Mauer gefunden, von der Michael Jordan gesprochen hat.

„Ohne Brigitta wäre nichts davon möglich. Sie steckt zurück, damit ich leben kann.“ Einen Menschen zu lieben, sich selbst zurück zu nehmen, sich ohne Wenn und Aber in seinen Dienst zu stellen – dieses Beispiel zeigt, wie man das mit Wahrhhaftigkeit füllt.

Aufmunterung für Betroffene

„Wir machen uns eine schöne Zeit, eine schöne Zukunft“, sagt Brigitta Dahlbüdding. Ihr Mann Lothar mag ein Deutscher Meister sein. Ein Gewinner. Ein Champion. So wie seine Frau ihn immer dafür bewundert hat, für seine Kampfkraft – so erkennt er das in dieser Phase des Lebens in ihr.

„Bitte“, sagt Lothar Dahlbüdding, „wir erzählen nichts von uns in der Zeitung, damit eine Herz-Schmerz-Geschichte dabei rauskommt. Ich würde es nur toll finden, wenn unser Beispiel bei anderen Menschen dafür sorgen kann, dass sie weitermachen. Das Leben ist schön, und es macht Spaß daran teilzunehmen.“

 
 

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