Vorbehalte bei Gästen gegen Behinderte im Service

Hoffen auf mehr Gäste:  Geschäftsführer Andreas Pelka und Bankettleiter Stefan Schulthoff. (v.l.)
Hoffen auf mehr Gäste: Geschäftsführer Andreas Pelka und Bankettleiter Stefan Schulthoff. (v.l.)
Foto: WP Michael Kleinrensing
Seit fast drei Jahren arbeitet die Traditions-Gaststätte „Aufm Kamp“ in der Selbecke als integrativer Betrieb: Behinderten wird hier eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt gegeben. Doch noch immer, so die Betreiber, gebe es Vorbehalte bei Gästen. Manche wollen nicht von Behinderten bedient werden.

Hagen-Selbecke. Es ist eine auf den ersten Blick ganz unverfängliche Frage, doch Andreas Pelka (32) schmerzt sie. „Kann man bei Ihnen denn auch noch essen?“, hört der Geschäftsführer der Gaststätte „Aufm Kamp“ in der Selbecke immer wieder am Telefon. Natürliche gebe es etwas zu essen.

Und zwar sieben Tage in der Woche und mit einer vielfältigen Speisekarte, sagt Pelka dann. Aber offensichtlich trauen das eine ganze Reihe Hagener der alt-eingesessenen Gaststätte nicht mehr zu, seit sie vor fast drei Jahren in einen integrativen Betrieb umgewandelt worden ist.

Also in einen Betrieb, in dem zur Hälfte Menschen mit Behinderung arbeiten: Menschen mit geistiger Behinderung, mit Lernbehinderungen sowie psychisch erkrankte und körperlich eingeschränkte Menschen.

Einzigartig in der Region

Damit ist der Hotel-/Restaurantbetrieb „Aufm Kamp“ etwas Besonderes, sogar etwas Einzigartiges in der Region, vielleicht sogar in ganz Deutschland. Denn integrative Gastronomiebetriebe, die von Wohlfahrtsverbänden betrieben werden, gibt es zwar viele. Dass einer wie in der Selbecke privatwirtschaftlich geführt wird, ist dagegen eine Besonderheit.

„Wir sind ein Wirtschaftsbetrieb“, sagt Andreas Pelka. „Wir sind keine Beschäftigungsmaßnahem. Wir ermöglichen hier Menschen mit Behinderung eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt.“ Für die Gäste bedeute das damit auch: Sie könnten all die Erwartungen an Hotel und Restaurant stellen, die sie auch an einen herkömmlichen Betrieb stellen. In punkto Service genauso wie in punkto Qualität des Essens.

Ralf Möller (45), Küchenchef und zudem gelernter Konditor, stimmt dem Geschäftsführer ebenso zu wie Steffen Schulthoff (38), der als Bankettchef mit der Planung, Vermarktung und Leitung der Veranstaltungen betraut ist, sich aber auch um Service und Weinkarte kümmert. Möller ist seit dem 1. September im Betrieb und wirkt selbst ein wenig erstaunt: „Ich habe schnell gemerkt, dass die Arbeit in der Küche mit Behinderten nicht sehr unterschiedlich ist. Und wir kochen von A bis Z. Von Currywurst bis Hummer.“

Schauspieler zu Gast

Bankettleiter Steffen Schulthoff ist schon seit Beginn dabei. Er ist selbst körperlich eingeschränkt, leidet an Morbus Bechterew, einer Erkrankung der Wirbelsäulengelenke. Nicht ohne Stolz erzählt er, was man in den vergangenen Jahren bereits geleistet habe:

Beim bekanntesten Internet-Hotelbuchungsservice HRS gebe es ganz überwiegend positive Bewertungen durch die Gäste. Für Hagen sei es sogar die beste Bewertung. TV-Stars wie Uwe Rohde, der in Wilsberg-Krimis oder den Budenbrooks mitgespielt hat, gehörte ebenso zu den Gästen in den 20 Zimmern mit 47 Betten wie „Das-Boot“-Star Claude-Oliver Rudolph. Die Rotarier und der Lions-Club kämen regelmäßig. „Und die achten absolut auf Qualität.“

Gast will Behinderte nicht sehen

Aber läuft es denn auch wirtschaftlich? Andreas Pelka zieht eine gemischte Bilanz: „Wir sind noch nicht in den schwarzen Zahlen.“ Der studierte Sozialarbeiter und frühere Caritas-Mitarbeiter hat einen Fünf-Jahres-Geschäftsplan für das Hotel-Restaurant aufgestellt. Bei Tagungen, dem Außer-Haus-Lieferservice und Hochzeiten ist man durchaus im Plan. „Aber davon allein kann ein Betrieb mit unseren Öffnungszeiten nicht leben. Die A-la-Carte-Gäste fehlen.“ Also auch die Hagener, die einfach mal so zum Essen vorbei kommen.

Und da sind sie wieder, die Vorbehalte. So wie bei der älteren Dame, die ihren Geburtstag „Aufm Kamp“ feiern wollte, sich aber erbeten hatte, dass behinderte Mitarbeiter nicht beim Servieren zu sehen sein sollten. „Das hat mich sehr geärgert“, so Pelka. „Aber wir sind nicht in der Lage, so einen Auftrag ablehnen zu können.“

Und man arbeitet daran, die Gemeinnützigk

eit und damit die steuerlichen Vorteile zu erlangen. Pelka: „So wie sie die integrativen Betriebe der Wohlfahrtsverbände auch haben.“ Doch trotz aller Schwierigkeiten sagt Andreas Pelka nach fast drei Jahren: „Ich habe den Schritt, das Experiment hier zu wagen, nie bereut.“

 
 

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