Vom langsamen Sterben des ältesten Baumes

Ein Naturdenkmal: Die Priorlinde in Priorei ist nicht mehr zu retten.
Ein Naturdenkmal: Die Priorlinde in Priorei ist nicht mehr zu retten.
Foto: WP

Hagen..  Es ist einer der ältesten Bäume der Stadt. Wenn nicht sogar der älteste in Hagen. Das genaue Alter ist ungewiss, aber die Priorlinde kann durchaus schon 1000 Jahre alt sein. Doch jetzt ist der Baum am Ende seiner Lebenszeit angekommen. Er stirbt.

Ein Mann, der 70 Jahre alt ist. Ein Mann, der im Schatten eines Baumes aufgewachsen ist. Und ein Mann, der heute immer noch dort lebt. Der Baum lebt nicht mehr. Der Baum stirbt langsam vor sich hin. Und der Mann, der ihn einst in seiner ganzen Pracht erlebt hat, trauert.

Wolfgang Vitte heißt der Mann. Und der Baum, den er bis in den Tod begleitet hat, ist einer der ältesten in der ganzen Stadt. Wenn nicht sogar der älteste. Fast jeder kennt die Priorlinde im Hagener Süden.

„Früher“, sagt Wolfgang Vitte, „früher - da sind ganze Busse aus dem Ruhrgebiet hier heraus gekommen. Der Baum war ein Anziehungspunkt für unsere Gaststätte.“

Direkt neben der Linde haben er und seine Frau ein Ausflugslokal betrieben, für das bereits im Jahr 1911 eine Konzession beantragt wurde. Die Menschen haben an den Fenstern und draußen gesessen, sie haben Kaffee getrunken und leckeren Kuchen gegessen. Und sie haben dabei auf den Baum geschaut.

„Ich habe die Gaststätte von meinen Eltern übernommen“, sagt Vitte. „Die wiederum haben sie von einem Onkel geerbt.“ Auch das einst florierende Ausflugslokal ist gestorben. „Aus Altersgründen haben wir aufgegeben. Man findet heute niemanden mehr, der ein solches Lokal übernimmt. Man muss die Dinge eben nehmen, wie sie sind“, sagt Wolfgang Vitte. Und meint damit wohl die Gaststätte und den Baum.

Braunfäulepilz hat den Baum fest im Griff

Was die Priorlinde betrifft, sind die Dinge nicht gut. Der Braunfäulepilz hat den Baum fest im Griff. Und dieser Schädling, der sich von innen nach außen durch den Stamm frisst, bedeutet den Tod auf Raten. Unaufhaltsam.

Die Umwelteinflüsse mögen der Priorlinde zu schaffen gemacht haben. Aber Harald de Vrieß vom Umweltamt der Stadt Hagen glaubt, dass der Anfang vom Ende schon ausgangs der 60er Jahre besiegelt wurde. Ausgerechnet, als es die Zeitgenossen besonders gut mit dem Baum meinten. „Seinerzeit ist die Priorlinde vom einzigen Baumchirurgen Deutschlands umfangreich saniert worden“, sagt er. Stahlseile und dicke Schrauben sollten dafür sorgen, dass der Baum zusammenhält. Röhrchen wurden eingezogen, damit Wasser abfließen kann. „Aus heutiger Sicht hat man damals einiges falsch gemacht.“

Verbunden war die Sanierung durch Michael Maurer aus Nürnberg mit einer umfangreichen Ausarbeitung zur Kandelaberlinde mit rund 7,50 Metern Stammumfang. Denn nur wenig ist aus der Historie überliefert. Apostellinde, Kaffeetrinkerlinde oder Tanzbaum mag sie einst gewesen sein, so führte Maurer aus. Gerichtsbaum wohl eher nicht. „Sicherlich“, so schrieb er, „hat man aber in der Priorei Löhne unter der Linde ausbezahlt, Verträge geschlossen und kleines ,Hausgericht’ gehalten über die Hörigen des Klosters.“ Klassische Dorflinde und gesellschaftlicher Treffpunkt war sie Maurers Ansicht nach nicht.

„Niemand weiß genau, wie alt die Linde ist. Ob es 1000 Jahre sind? Das ist schwierig zu beurteilen“, sagt Harald de Vrieß, der sich lange Jahre um das einzigartige Naturdenkmal in Priorei gekümmert hat. Dafür ist eines gewiss: „Der Baum ist am Ende seiner Lebenszeit angekommen. Keime sind eingedrungen. Die Stämmlinge werden immer stärker belastet. Eine Stärkung ist nicht mehr möglich.“

Ein Leidensweg

Auch de Vrieß, der Mann aus der Verwaltung, ist traurig. Auch dieser Mann hat den Baum, der von Betonklötzen und Stahlseilen gestützt wird, ein Stück seines Lebensweges begleitet. Jenes letzte Stück, das für die Priorlinde mehr ein Leidensweg war.

„Als ich bei der Stadt angefangen habe, sah die Priorlinde noch prächtig aus“, erzählt de Vrieß. „Heute sehe ich nur noch den kümmerlichen Rest. Das ist frustrierend.“

Dabei keimte einst ein kleiner Hoffnungsschimmer. Ein neuer Zweig war aus dem Hauptstamm herausgewachsen. „Zumindest genetisch gesehen hätte das bedeutet, dass die Priorlinde fortbesteht“, sagt Harald de Vrieß. „Aber irgendjemand hat den Keimling abgeschnitten.“

 
 

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