Verzahnung von Wirtschaft und Kultur wichtig

Die Stadthalle im Wasserlosen Tal sieht sich nicht als reine Veranstaltungshalle, sondern auch als Kongress- und Seminarzen­trum, das Besucher aus der ganzen Region anzieht.
Die Stadthalle im Wasserlosen Tal sieht sich nicht als reine Veranstaltungshalle, sondern auch als Kongress- und Seminarzen­trum, das Besucher aus der ganzen Region anzieht.
Foto: Michael Kleinrensing
Die Stadt an der Volme spricht mit ihrem kulturellen Angebot auch das Umland an. Doch wie genau gestaltet sich in Zeiten knapper Kassen das kulturelle Leben Hagens?

Hagen.. Wir haben ein Stadttheater mit Philharmonischem Orchester, das private Theater an der Volme, das Karl-Ernst-Osthaus-Museum mit dem angegliederten Hohenhof, das Emil-Schumacher-Museum, außerdem das Museum für Ur- und Frühgeschichte im Wasserschloss Werdringen, das Stadtmuseum im Historischen Centrum in Eilpe und das Freilichtmuseum in der Sel­becke.

Wir haben etliche Galerien, eine Stadthalle, eine städtische Musikschule und eine Volkshochschule, vier Kulturzen­tren und mit zwei Kinos – dem Groß-Kino Cine­star auf der Springe und dem Programm­kino Babylon in der Pelmke – zwei Lichtspielhäuser mit gewollt unterschiedlichem Angebot.

Auch Oberzentrum für die Region

Und trotzdem hört man gebetsmühlenartig immer wieder den gleichen Satz von etlichen Bürgern unserer Stadt: „In Hagen ist doch nichts los.“ Das mag müßig sein und nicht der Wahrheit entsprechen. Hagen will mit seinem ohne Zweifel vielfältigen kulturellen Angebot auch nicht nur die eigenen Bewohner befriedigen, sondern sieht sich als Oberzentrum, das in die Region ausstrahlt.

Knackpunkt des Ganzen – das hat auch die Resonanz unserer Leser auf die Frage „Was braucht Hagens Kultur?“gezeigt – ist natürlich wie so oft das Geld. Kultur kostet Geld und arbeitet oftmals nicht kostendeckend.

Was können und was wollen wir uns künftig den Bereich Kunst und Kultur, in dem zweifelsohne auch (Volks-)Bildung vermittelt wird, kosten lassen? – das ist die zentrale Frage, die viele Hagener egal welchen Alters, sozialen Status oder Bildungsgrad beschäftigt.

Die Stadt Hagen gibt jährlich für den Bereich Kultur rund 25 Millionen Euro aus, davon enthält das Stadttheater rund 15 Millionen. Die Stadthalle wird mit einem jährlichen Zuschuss von 500 000 Euro unterstützt, in die Kulturzentren fließt Geld (siehe Kasten), ebenso in Veranstaltungen, die vom Kulturbüro organisiert werden.

Bereich Business als Stütze

Aber wie kann man kulturelles Leben gestalten in Zeiten knapper städtischer Kassen?

Jörn Raith, seit knapp vier Jahren Geschäftsführer der Stadthalle, setzt in seinem Haus auf ein extrem breites Angebot. „Bei uns finden Veranstaltungen für alle statt – vom Sinfoniekonzert bis hin zur Karnevalsparty, von Kabarett bis Migrations-Comedy. Seit 2012 verfolge ich ein Ziel: Den Bereich Kultur, der sich auch in meinem Haus finanziell nicht trägt, durch den Bereich Business zu stützen.“

Damit spielt Raith auf den Kongress-, Seminar- und Tagungssektor in der Stadthalle an, der zahlen­mäßig ein Viertel am Anteil der Gesamtveranstaltungen ausmacht, jedoch drei Viertel zur Kostendeckung beiträgt. „Das Seminarprogramm, das sich meist tagsüber ­abspielt, tut dem abendlichen Kulturprogramm nicht weh. Anders ausgedrückt: Business stützt Kultur“, postuliert der Stadthallen-Chef, der seit Jahren auch Vorsitzender im deutschen Fachverband für Kongress- und Seminarwirtschaft ist und auch deshalb stets auf die für beide Seiten gewinnbringende Verzahnung von Wirtschaft und Kultur Wert legt.

Kulturmanager statt Schöngeist

Doch Raith ist kein Einzelkämpfer. Auch die Geschäftsführer der Hagener Kulturzentren sehen sich schon lange nicht mehr als reine Schöngeister, die anspruchsvolle Kultur anbieten, sondern agieren auch als Kulturmanager, die ihr Angebot der Nachfrage anpassen. Was sie andererseits zum Spagat zwischen „Mainstream“-Kultur, die die Reihen füllt, und progressiv-experimenteller Kunst, die auch aneckt, zwingt.

Yvonne Hinz

„Das Mantra ,Hagen ist pleite’ höre ich jetzt schon seit 40 Jahren“

Jürgen Breuer ist Geschäftsführer der Pelmke:

Kulturelle Grundversorgung ist ein Lebensmittel und notwendig für das Zusammenleben in einer Stadt. Wer dieses Lebensmittel nicht hat, bekommt Mangelerscheinungen und wird die Stadt verlassen. Es wird immer beteuert, dass die Kultur in Hagen wichtig und gut ist, aber dann kommt sofort „ja, aber Hagen ist pleite“. Dieses Mantra höre ich jetzt schon seit 40 Jahren. Und so müssen sich besonders die freien Kulturzen­tren seit Jahren mit real schrumpfenden Almosen begnügen.

Aber gerade dort geht es auch ums Experimentieren und Querdenken. Eigeninitiative und Beteiligung sind wichtige Faktoren und Lernfelder für gesellschaftliche Entwicklung.

Auf der anderen Seite ist es nicht so, dass überhaupt kein Geld mehr vorhanden wäre. Die Straßenbauprojekte der letzten Jahre lassen einen schon staunen. Als jemand, der lange in Hagen lebt, habe ich den Eindruck, dass in jedem Kreativ-Workshop in Schulen oder im Kulturbereich mehr neue Ideen entwickelt werden als es Politik und Verwaltung bei der Bewältigung der Probleme bisher zustande bringen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass junge und kreative Menschen mehr Einfluss auf die Belange dieser Stadt bekommen und sich altgediente Polit-Recken mal zurückziehen.

„Auch Migranten sollen sich stärker für Kultur engagieren“

Nuri Irak ist Künstler mit türkischen Wurzeln:

Die Kulturlandschaft in Hagen ist ziemlich kahlgeschlagen. Durch permanent harte Sparmaßnahmen bleibt vor allem der freien Kultur keine Luft zum Atmen. Langfristig gesehen geht das nicht gut. Allein durch das Engagement weniger privater Personen und einigen mittelständischen und großen Unternehmen kann das Mindeste geleistet und am Leben erhalten bleiben. Was Hagen braucht ist nicht neu – Geld.

Städte wie Hagen und andere Kommunen, die extrem verschuldet sind, brauchen dringend einen Schuldenschnitt. Damit das chronische Asthma, das zum Kollaps führt, gelindert wird. Es können nicht allein durch Sparmaßnahmen und Gebührenerhöhungen Probleme gelöst werden. Schon lange versucht jede Sparte – Theater, Sport, Kultureinrichtungen – mit wenig Schaden davon zu kommen.

Doch durch Lobbyisten vertretene kommen besser weg. Neue Ideen, Pläne oder Vorschläge werden häufig gegeneinander ausgespielt. Leider ist die breite Masse der Hagener nicht besonders an Kultur interessiert.

Doch eine Stadt ohne Kultur ist wie eine Betonstadt ohne Wald, ohne geistigen Sauerstoff. Ich appelliere auch an Bürger mit Migrationshintergrund: Engagiert euch stärker für die Kulturszene in Hagen!

 
 

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