Verdacht schädigt Ruf der gesamten Familie

Jens Kotainy.
Jens Kotainy.
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Hohenlimburg..  Vom einen auf den anderen Tag hat sich nicht nur sein Leben, sondern das seiner ganzen Familie verändert. Der Hohenlimburger Jens Kotainy galt als eines der größten Schach-Talente in Deutschland. Aber jetzt will er von Bauern, Dame und König nichts mehr wissen.

Zur Erinnerung: Bei den Dortmunder Schachtagen im Juli soll der Bundesligaspieler – SF Katernberg und SG Bochum 31 – während seiner Partien unerlaubte technische Hilfsmittel verwendet haben und wurde daraufhin in der vorletzten Runde disqualifiziert. Bis dato hatte er sieben von sieben Partien siegreich beendet. Der Schiedsrichter beobachtete, wie Kotainy während des Spiels häufig in seine linke Hosentasche fasste, in der sich sein Handy befand. Die Turnierleitung forderte die Herausgabe des Handys nach der siebten Runde und stellte verblüfft fest, dass es ausgeschaltet war (dies konnten der Schiedsrichter und Turnierleiter Goldschmidt bezeugen; sie hielten das Handy selbst in der Hand).

Vor der nächsten Runde gab Kotainy sein Handy im Flugzeugmodus ohne Sperre freiwillig ab, so dass es hätte jeder einschalten können. Dann vibrierte es plötzlich in der Hand des Schiedsrichters. Der Vorwurf gegen Kotainy: Der Spieler empfange via Handy eine Art Morse-Code. Die Spielzüge, die er so empfangen haben soll, hätte ein Computer errechnet und an das Telefon gesendet.

„Habe nicht betrogen“

Damals wie heute sagt Jens Kotainy: „Ich habe nicht betrogen!“ Das Hohenlimburger Schach-Talent hat selten mit einem richtigen Trainer gearbeitet, sondern hauptsächlich mit einem Computer. So führte er häufig Züge aus, die auch ein Computer so errechnet hätte. „Die hatten mich seit fünf Jahren auf dem Kieker“, erläutert Jens Kotainy. „Das wurde schlimmer, als ich mich gegen einen Vereinswechsel nach Dortmund entschieden habe.“

Aber warum vibrierte während des Turniers urplötzlich das Handy? Kotainy ist nicht der einzige Spieler, der ein Handy bei Spielen dabei hat. „Mein Handy hat zuvor mein Bruder genutzt.“ Da das Handy bereits einmal verloren wurde, habe Bruder und Informatiker Gregor eine Anti-Diebstahl-Software dafür entwickelt. Das Programm melde über das Internet, wo das Telefon gerade ist. „Alle zehn Sekunden vibriert das Telefon, wenn es gerade keinen Internetempfang hat“, erläutert Gregor Kotainy.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Betrugsverdacht, das Verfahren ist aber laut Vater Norbert Kotainy eingestellt. Auch der Deutsche Schachbund hat gegen seinen Sohn keine Sperre verhängt. So ist Jens Kotainy auf dieser Seite rehabilitiert. Doch er mag nicht mehr. „Wenn ich jetzt einmal schlecht spiele, zeigen wieder alle mit dem Finger auf mich.“ Der 19-Jährige ist froh, dass sich die Wogen mittlerweile geglättet haben.

Aber Familie Kotainy ohne den Schachsport? Eigentlich kaum vorstellbar. Aber die Rückschläge – darunter leidet die gesamte Familie – sind kaum zu verdauen. Jens Kotainy wurde aus dem C-Kader gestrichen, auch die Chance, sich der Sport-Förderkompanie der Bundeswehr anzuschließen, wurde ihm genommen.

Auch Vater Norbert hat viel für seinen Sohn und den Schach investiert. „Ich habe viele ausländische Spieler, die für SF Katernberg spielten, zu Spielen und Turnieren gefahren. Dafür habe ich nicht einen Cent Spritgeld bekommen.“ Jens Kotainy hat drei Jahre in der Bundesliga gespielt, nach eigener Aussage ohne Aufwandsentschädigung, obwohl er immer die weiten Fahrten nach Essen auf sich nehmen musste.

Auch der Ruf seiner Eltern ist schwer geschädigt. Bis zu diesem besagten Tag haben Grazyna und Norbert Kotainy erfolgreich als Makler gearbeitet. Doch sie verloren viele Kunden und müssen sich wohl in absehbarer Zeit beruflich anders orientieren.

Hetzjagd

„Es war eine Hetzjagd gegen uns. Jeder Kunde fragte, was da los sei“, so Grazyna Kotainy, die im Gespräch mit dieser Zeitung mit den Tränen kämpfen musste. „Und Norbert Kotainy ergänzt: „Jens ist Dritter bei den deutschen Meisterschaften und Jugend-Europameisterschaften geworden, ist amtierender NRW-Meister und hat ein Schnell-Schachturnier gewonnen. Das hat Menschen und Medien kaum interessiert.“

Trotz der Rückschläge zeigt sich die gesamte Familie Kotainy kämpferisch. „Ich werde das nicht auf mir sitzen lassen. Wenn wir finanziell wieder besser dastehen, werden wir wegen Verleumdung klagen“, sagt Grazyna Kotainy.

Jens Kotainy studiert derzeit an der Fachhochschule Hagen Elektrotechnik. Auch er möchte wieder Sport treiben. „Ich war schon immer ein Typ, der Wettkämpfe bestreiten möchte.“ In seinem Blut fließt förmlich sportliches Talent, war er doch in seiner Jugendzeit auch ein hervorragender Tischtennis-Spieler und ein klasse Tänzer. „Ich werde erst einmal in Ruhe das Ende des Semesters abwarten. Dann werde ich mich für eine Sportart entscheiden.“ Schach wird es jedoch nicht sein....

 
 

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