Unterwegs auf 400 Millionen Jahre alten Spuren

Der Hohenlimburger Thomas Becker (Mitte)  ist Professor für Paläontologie an der Universität Münster.
Der Hohenlimburger Thomas Becker (Mitte) ist Professor für Paläontologie an der Universität Münster.
Foto: WP

Hohenlimburg..  Wer meint, Historiker oder Antiquitätenhändler beschäftigen sich mit uralten Begebenheiten und Gegenständen, muss sich in diesem Falle eines Besseren belehren lassen. Denn über Objekte, die gerade mal ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel haben, kann Thomas Becker nur schmunzeln – eine solche Zeitspanne kommt in seinem Beruf wenigen Sekunden gleich. Der Professor für Paläontologie an der Universität Münster hat sich nämlich der Ammoniten-Forschung verschrieben. Und die längst ausgestorbenen Kopffüßler lebten bereits vor 400 Millionen Jahren in den Weltmeeren.

Prof. Dr. Becker ist das, was man einen echten Elseyer Jungen nennen darf. Geboren im dortigen Krankenhaus, wuchs er in der Wiesenstraße auf, besuchte zunächst vier Jahre die Elseyer Volksschule und anschließend das heimische Gymnasium. Nach dem Abitur folgte der erste Wohnungswechsel: Doch obwohl Thomas Becker in Bochum mit dem Geologie- und Paläontologie-Studium begann, blieb er Elsey treu und zog in die Georg-Scheer-Straße.

Schon in jungen Jahren hegte der Hohenlimburger großes Interesse an der Natur und durchstreifte mit Ralf Blauscheck die heimischen Wälder. Während sich sein Freund aber in erster Linie um putzmuntere Tiere kümmerte und heute die Biologische Station Hagen leitet, widmete sich Becker verstärkt den Lebewesen längst vergangener Erdzeitalter und promovierte schließlich über Ammoniten-Vorfahren im Devon. Besonderes Augenmerk legte er dabei auf eine globale ökologische Krise, die sich vor etwa 375 Millionen Jahren ereignete und weltweit nur eine einzige Ammoniten-Art überlebte. „Ein echter Opportunist eben“, sagt Becker heute lachend über diesen Gewinner der Krise, dem der Hohenlimburger einen wissenschaftlichen Namen geben durfte. Da der Kopffüßler wie Phoenix aus der Asche kam, nannte er ihn folgerichtig „Phoenixites“. Dass Thomas Becker seit Jugendzeiten begeisterter Basketballer ist, selbst für den TV Hohenlimburg 1871 spielte und den Bundesligisten SSV, Brandt und seit 2004 Phoenix Hagen die Daumen drückt, ist allerdings ein amüsanter Zufall.

Welch geistige und körperliche Arbeit ein Doktortitel erfordert, verdeutlicht eine einzige Zahl: Im Laufe seiner Forschung sammelte und bestimmte Becker mehr als 10 000 fossile Ammoniten, vornehmlich in Südfrankreich und Marokko.

Somit galt und gilt der Hohenlimburger als anerkannter Experte für evolutionäre Entwicklungen nach globalen Krisen. „Wenn man sich damit beschäftigt, kommt es einem manchmal wie Science Fiction vor“, sagt der 55-Jährige, „denn die damaligen Meeresspiegelschwankungen betrugen nicht zwei, sondern 100 Meter. In der Kreidezeit befand sich der Strand in Bochum.“

Genaue Definition der Erdzeitalter

Apropos Bochum: Die Ruhrgebietsstadt verließ Becker nach einem zwischenzeitlichen Intermezzo an der University of Southampton 1990 in Richtung Freie Universität Berlin, ehe er 1995 die Leitung der Abteilung „Wirbellosen-Paläontologie“ am Naturkundemuseum der Berliner Humboldt-Universität übernahm. Nachdem er im Jahr 2000 an der Freien Uni habilitiert wurde, berief ihn die Universität Münster, wo er seither den Lehrstuhl für Paläontologie innehat und unter anderem an einer Verfeinerung der geologischen Zeitskala arbeitet. Welch großes Renommee er auf diesem Gebiet besitzt, beweist die Tatsache, dass er lange Jahre als einziger gewählter deutscher Vertreter einer internationalen Kommission angehörte, die unterschiedliche Erdzeitalter definiert.

„Ein Heidenspaß“

Neben internationalen Forschungen bestimmen auch Vorlesungen seine Arbeit. „Dabei ist das Fach in seiner ganzen Breite vertreten“, berichtet der Wissenschaftler, „es geht um die Evolution und das Leben auf unserem Planeten, sodass auch Dinosaurier mal Erwähnung finden.“

Irgendwann, so könnte der Laie meinen, hat man die Nase voll von steinalten Fossilien. Doch bei dem 55-Jährigen ist das Gegenteil der Fall: „Ich würde am liebsten noch mindestens 20 Jahre weiterarbeiten – mir macht es einen Heidenspaß!“

 
 

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