Unternehmen verkauft Tariflohnverzicht als Belohnung

Die Bilstein Gruppe hat zwei Werke in Hohenlimburg. Im Werk I sind die Mitarbeiter der HL Logistik GmbH tätig.
Die Bilstein Gruppe hat zwei Werke in Hohenlimburg. Im Werk I sind die Mitarbeiter der HL Logistik GmbH tätig.
Foto: www.blossey.eu
Ein Verzicht auf den Tariflohn und jegliche Beratung durch den Betriebsrat – das soll eine Belohnung für besonders verdiente Mitarbeiter sein. Dieses Angebot an die Belegschaft der HL Logistik GmbH (Haller) sorgt für einen Aufschrei bei den Hagener Gewerkschaften.

Hohenlimburg..  Ein Verzicht auf den Tariflohn und jegliche Beratung durch den Betriebsrat – das soll eine Belohnung für besonders verdiente Mitarbeiter sein. Dieses Angebot an die Belegschaft der HL Logistik GmbH (Haller) sorgt für einen Aufschrei bei den Hagener Gewerkschaften. Das Unternehmen sitzt zwar im baden-württembergischen Ebersbach, doch betroffen sind rund 30 Mitarbeiter in Hohenlimburg. Sie arbeiten seit rund drei Jahren im heimischen Kaltwalzunternehmen Bilstein GmbH und hatten damals dort den Staplerverkehr übernommen.

Jetzt erhielten die HL-Logistik-Mitarbeiter Post, unterzeichnet von Geschäftsführer Gerold Haller. Die fängt freundlich an: „Wir möchten Mitarbeitern, die uns in der Vergangenheit äußerst positiv durch ihr Engagement für unser Unternehmen aufgefallen sind, eine besondere Wertschätzung entgegen bringen. Sie gehören dazu.“

Was unter Wertschätzung verstanden wird, steht im nächsten Absatz: Um die internen Abläufe zu optimieren, wolle man künftig Springer-Positionen besetzten. Für die Stellen brauche man „herausragende Mitarbeiter,“ die bereit seien, personelle Engpässe, die durch Krankheit und Urlaub entstünden, aufzufangen. Zitat: „Selbstredend steht dieser wichtigen Funktion ein Vergütungsmodell außerhalb des Tarifvertrages vor.“

Doch was so klingt wie eine Belohnung, erscheint in einem andere Licht, wenn man die Voraussetzungen liest, die erfüllt werden müssen: „Austritt aus der Gewerkschaft, Verzicht auf Beratung durch den Betriebsrat, Flexibilität, da die Teamzuordnung nicht mehr konstant ist, flexibler Schichtwechsel unter Einhaltung der 11-Stunden-Pausenregel.“ Als Vergütung für eine 42-Stunden-Woche wird ein Grundlohn von 1850 Euro angeboten. Weit weniger als der Tariflohn, den die IG Metall ausgehandelt hatte (siehe Übersicht unten).

Für die Gewerkschaft Verdi, aber auch für den Deutschen Gewerkschaftsbund in Hagen ist dieses Schreiben „eine ungeheure Provokation und ein Verstoß gegen verbriefte Rechte von Arbeitnehmern“. Karsten Braun, Vize-Geschäftsführer von Verdi: „Es ist ein unverschämter Versuch, die Rechte des Betriebsverfassungsgesetz auszusetzen.“ DGB-Chef Jochen Marquardt unterstützt die Kritik: „Es ist ein besonderer Ausdruck unternehmerischer Willkür.“ Nach ihren Angaben hat der Haller-Betriebsrat inzwischen Strafanzeige gegen das Unternehmen erstattet.

Der so gescholtene HL-Logistik-Geschäftsführer Gerold Haller zeigte sich gestern im Gespräch mit unserer Zeitung zunächst zerknirscht: „Es tut mir leid, wenn die Gewerkschaften dieses Angebot als Rechtsbruch ansehen. Mir ist an einem guten Verhältnis gelegen. Ich bin verhandlungsbereit.“ Zum Inhalt des Schreibens, dessen Authentizität er bestätigte, wollte Haller indes keine Stellung beziehen. Auch nicht zu dem geforderten Verzicht auf eine Gewerkschaftsmitgliedschaft. Oder zu der Frage, warum nur die rund 30 Hohenlimburger Mitarbeiter dieses Angebot bekommen haben, nicht aber andere Teil seines Unternehmens. Nur soviel sagt Haller: „Das ist ein bisschen dumm gelaufen.“

Wie ein Betrieb im Betrieb

Das Unternehmen Bilstein, das in Hohenlimburg zwei Werke betreibt, nahm gestern keine Stellung zu der Kritik an seinem Geschäftspartners Haller. Firmenchef Mark Oehler ist derzeit nicht vor Ort. Auch nicht erreichbar war der eigene Betriebsrat von HL Logistik.

Die HL-Logistik-Mitarbeiter sind ausschließlich im Werk I von Bilstein (770 Mitarbeiter) eingesetzt. Nach Angaben von Bilstein-Beschäftigten handelt es sich quasi um einen Betrieb im Betrieb. Kontakte zwischen den Arbeitnehmern beider Firmen seien nicht erwünscht. Zu dem neuen Lohn-Abgebot sagt ein Bilstein-Mitarbeiter: „Arbeit muss sich lohnen. Tut es bei 1850 Euro brutto aber nicht.“

 
 

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