Ungewöhnliche Lehrstunde im Fluss

Haspe..  Die Ennepe war einst ein verschmutzter, ein ruinierter Fluss. Kein Leben regte sich mehr in dem durch Schwermetalle und andere Abfälle der Kleineisenindustrie verseuchten Gewässer. Doch inzwischen tummeln sich wieder Tiere in dem kleinen Strom, der die Stadt Hagen auf einer Länge von gut sechs Kilometern durchfließt. „Die Wasserqualität ist durchschnittlich bis gut“, urteilt Dietmar Schruck von der Natur- und Umweltschutzakademie NRW.

Der Umweltpädagoge erteilte den Achtklässlern des Wahlpflichtkurses Naturwissenschaften der Gesamtschule Haspe einen Unterrichtstag mitten in der Natur. Mitten im Fluss. Mitten in Haspe. Einige Schüler schlüpften in Gummianzüge, stiefelten in die Ennepe, schnürten eine Schnur über den Fluss und maßen die Wassertiefe. „An der frischen Luft fühlt man sich viel aufgeweckter und konzentrierter“, jubelte Sarah Aurgachioaie (13) über die ungewöhnlichen Lehrstunden: „Ich habe gedacht, die Ennepe sei viel schmutziger. Man sieht ja oft Plastik im Fluss treiben.“

Lebende Fossilien

Diesmal sahen die Jugendlichen genauer hin. Mit Sieben und den bloßen Fingern lasen sie Napfschnecken, Rollegeleier und Köcherfliegenlarven, die sich sogar aus Scherben eine Hülle gebaut hatten, vom Gestein im Wasser ab. Unumstrittener Star der Ennepe-Menagerie war jedoch ein Neuntöter, ein Aal-ähnliches Geschöpf, das mit seinem Saugmaul vergebens an der Innenwand eines Plastikbehälters Halt zu finden suchte. „Ich dachte zuerst, es handele sich um einen Wurm“, berichtete Theo Solenski (14), der das eigenartige Tier an einem Felsbrocken haftend entdeckt hatte (Neunaugen gehören nicht zu den Fischen, sondern sind lebende Fossilien, die sich seit 500 Millionen Jahren kaum verändert haben). Nachdem seine Klassenkameraden das auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten ausgiebig bewundert hatten, setzte Dietmar Schruck das fremdartige Wesen zurück in den Fluss.

Vieles in unserer Umwelt, das lernten die Schüler an diesem Tag, liegt im Verborgenen. Die Faszination der Natur ist häufig erst im Detail zu erkennen, aber auch im Verständnis der Zusammenhänge.

Verrostetes Fahrrad

„Im Schatten haben wir eine Wassertemperatur von 12,5 Grad gemessen, in der Sonne jedoch nur 9,8 Grad“, wunderten sich Mithursan Sinnathambi (13) und Chantal Masciangelo (14). Den Grund für dieses nur scheinbar paradoxe Ergebnis erläuterte der Umweltpädagoge: „An der beschatteten Messstelle ruhte das Wasser, in der Sonne floss es schnell dahin.“

Derweil zogen Felix Seifert (13) und Ahmed Alp (15) die verrosteten Reste eines Fahrrades aus der Ennepe, das schon vor Jahren jemand in den Fluss geworfen haben muss. „Ich finde es richtig schockierend, wie die Umwelt verdreckt wird“, schüttelte Sarah den Kopf. Da kann man es fast als kleines Wunder bezeichnen, dass in der Ennepe wieder Krebse, Insektenlarven und Neunaugen leben.

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