Trotz Vorgeschichte im Aufsichtsrat

Martin Stanges Engagament im HVG-Aufsichtsrat kommt nicht bei allen Fraktionen gut an.
Martin Stanges Engagament im HVG-Aufsichtsrat kommt nicht bei allen Fraktionen gut an.
Foto: WP
SPD-Ratsherr Martin Stange, Vorsitzender des Ortsvereins Vorhalle, wurde auf Vorschlag seiner Fraktion vom Rat in den HVG-Aufsichtsrat entsandt. Dieses Gremium musste er vor 13 Jahren wegen seiner Verstrickung in den Stadtwerke-Skandal verlassen. Seine erneute Benennung stößt in der Politik auf.

Hagen.. Zu Zeiten des Stadtwerke-Skandals stand er lediglich in der zweiten Reihe. Aber als willfähriger Helfer des schlagzeilenträchtigen Selbstbedienungssystems gehörte Martin Stange, damals Elektromeister und stellv. Betriebsratsvorsitzender, zu jenen Agierenden, die einst die opulenten Arbeiten an den Privatimmobilien eines Ex-Vorstandes nicht nur kritiklos organisierten, sondern er beförderte auch Schwarzarbeit und kassierte daran mit. Erst im Rahmen eines unwürdigen Abberufungsverfahrens räumte der Arbeitnehmervertreter seinerzeit zwangsweise seinen Platz im Aufsichtsrat der Hagener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (HVG). Doch genau auf diesen Stuhl kehrt der von der SPD entsandte Ratsherr aus Vorhalle jetzt nach 13 Jahren Schamfrist zurück – trotz seiner Vorgeschichte.

Korruptionsskandal

2001/2002: In Hagen tobt der Korruptionsskandal bei den Stadtwerken. Der Bericht einer Untersuchungskommission unter der Regie des ehemaligen Lüdenscheider Stadtdirektors Klaus Crummenerl rollte das System auf: eine Mischung aus Untreue, gefälschten Rechnungen, Kumpanei, Vorteilsnahme, Preisabsprachen und einer erschütternden Form von Selbstbedienungsmentalität. Vorstände und Prokuristen landeten auf der Anklagebank, Verantwortliche wurden für ihre Laissez-faire-Haltung gerügt, Aufsichtsräte aufgrund ihrer Verstrickungen abberufen. Es folgten Gerichtsverfahren, Verurteilungen, Haftstrafen und Strafbefehle. Als Scharnier agierte Martin Stange (51), der bis heute bei der Enervie-Gruppe sein Geld verdient und für sein damaliges Tun zwar ermahnt, aber nie strafrechtlich verfolgt wurde.

Im Rahmen der Affäre organisierte er laut Crummenerl-Gutachten als dienstbarer Zuarbeiter des Stadtwerke-Systems zahlreiche Arbeiten an den Privatobjekten des Vorstandes in Hohenlimburg sowie dessen Jagdhütte in Scharfenberg (Brilon). Und zwar in einem solch gewaltigen Volumen, dass sogar Fremdfirmen eingesetzt werden mussten, um die betriebseigenen Abläufe bei den Hagener Stadtwerken sicherzustellen. 1400 Arbeitsstunden im Bereich Elektroinstallationstechnik listete der Crummenerl-Bericht auf. Stange kümmerte sich um reibungslose Abläufe und räumte gegenüber der Untersuchungskommission ein, dass Rechnungen illegal bei den Stadtwerken verbucht wurden.

Gegen arbeitsrechtliche Pflichten verstoßen

Aber Stange profitierte, so die Crummenerl-Quintessenz, auch privat: So sorgte er als Vorgesetzter dafür, dass ein Stadtwerke-Geselle, teilweise während seiner Arbeitszeit, schwarz Elektroinstallationsarbeiten an dem Einfamilienhaus eines Stange-Bekannten erledigte. 16 Stunden wurden auf Kosten der Stadtwerke abgerechnet, 60 Stunden schwarz. 5500 D-Mark erhielt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende seinerzeit von seinem Bekannten, für 4000 D-Mark beschaffte Stange mit sattem Stadtwerke-Rabatt das Material, 1000 D-Mark erhielt der Geselle, 500 D-Mark, so gab der SPD-Politiker damals bei seiner Beschuldigtenvernehmung bei der Kripo Dortmund zu, seien in seine Tasche geflossen. Damit habe er durch sein Verhalten, so das Fazit des Untersuchungsberichtes, gegen arbeitsrechtliche Pflichten verstoßen, sich geldwerte Vorteile verschafft und dem Unternehmen Schaden aktiv zugefügt: „Bei Herrn Stange tritt erschwerend hinzu, dass ihm als Mitglied des Aufsichtsrates der HVG eine besondere Sorgfalts- und Treuepflicht obliegt.“ Als ein mit hohem Verantwortungsbereich ausgestatteter Abteilungsleiter habe er die für ihn erkennbar rechts- und regelwidrigen Anordnungen der Vorgesetzten kritiklos umgesetzt.

Dennoch mochte der Vorhaller, der heute den SPD-Ortsverein führt, seinen Platz im HVG-Aufsichtsrat seinerzeit nicht freiwillig räumen. Daher sah sich das Gremium genötigt, mit breitester Mehrheit ein formales Abberufungsverfahren auf den Weg zu bringen. Die einzige Gegenstimme kam von Martin Stange selbst. Die Abberufung wurde letztlich vom Hagener Amtsgericht ausdrücklich bestätigt. Der Richter erklärte damals, dass ein Vorgesetzter, der seine Kollegen zur Schwarzarbeit auf einer privaten Baustelle anstifte und anschließend zur Manipulation von Stundenzetteln veranlasse, als Mitglied eines Aufsichtsrates untragbar sei. Das Gericht formulierte zudem die Erwartung, dass an die Integrität von Aufsichtsratsmitgliedern besondere Anforderungen zu stellen seien.

Bewusster SPD-Vorstoß

Eine Erkenntnis, die 2001 auch den SPD-Nachwuchs zu der Frage trieb, warum Stange angesichts der „ungeheuerlichen Vorwürfe“ nicht einmal auf die Idee komme, bis zur Klärung der Vorfälle seine Ämter ruhen zu lassen. Im Vorstandsteam agierte als Juso-Vize damals Mark Krippner – der gleiche Mark Kripp­ner, der heute als SPD-Fraktionschef Martin Stange wieder in den HVG-Aufsichtsrat entsendet: „Aus meiner Sicht ist ihm nichts vorzuwerfen. Er hat den Aufsichtsrat damals aus eigenen Stücken verlassen“, erinnert sich Krippner heute, „um anschließend als Zeuge bei der Aufklärung des Stadtwerke-Skandals mitzuwirken. Solch eine Initiative hätte ich mir vom damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Wilfried Horn auch gewünscht.“

 
 

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