Total digital - Wie tickt ein schlaues Haus?

Ein kleines Gerät, das viel kann: Harald Mundinger (links) und Gerald Lange im Lüdenscheider FH-Labor mit einem Prozessor zur Gebäudesteuerung.
Ein kleines Gerät, das viel kann: Harald Mundinger (links) und Gerald Lange im Lüdenscheider FH-Labor mit einem Prozessor zur Gebäudesteuerung.
Foto: Volker Hartmann
An der FH Südwestfalen beschäftigen sich Gerald Lange und Harald Mundinger mit dem schlauen Haus der Zukunft. Selbstversorgung mit regenerativer Energie.

Hagen/Lüdenscheid.. Nein. Nein. Nein. Niemand will den Kühlschrank, der selbstständig Milch nachbestellt, wenn sie zur Neige geht. „Vielleicht brauche ich ja gar keine mehr“, sagt Harald Mundinger. „Wir wollen keinen unmündigen Nutzer“, ergänzt Gerald Lange. Und wieder Mundinger: „Dieser Kühlschrank ist ein Beispiel für Gängelung durch die Technik.“

Symbol für die Zukunft des Wohnens

Dass die beiden Professoren der Fachhochschule Südwestfalen dennoch über ihn reden, liegt am lästigen Reporter. Und dass der nach ihm fragt, hängt damit zusammen, dass dieser selbstständig agierende Kühlschrank, den kein Mensch braucht, seit Jahren ein Symbol ist für die Zukunft des Wohnens, fürs sogenannte „Smart Home“, das schlaue Haus.

Das ärgert Lange und Mundinger. Denn das schlaue Haus ist genau ihr Projekt. Sie sind im Lüdenscheider Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen-Gebäudesystemtechnologie zu Hause. Mundinger kümmert sich um Systemtechnik und Automation, Lange um Sanitär, Heizung und Klima. Und beide sind überzeugt davon, dass wir schon sehr bald sehr viele Veränderungen im Wohnumfeld erleben werden, die wirklich nützlich sind.

Heizungstechnik ist zurück

Der Reporter bleibt skeptisch: Wollen wirklich viele Menschen, bevor sie nach Hause kommen, per App die Heizung anschalten oder den Backofen aktivieren? Oder vom Büro aus den Ehepartner überwachen? Falsche Frage. Darum geht es nicht. Es geht um Komfort: „Was heute im Auto selbstverständlich ist, Klimaanlage, Zentralverriegelung, automatisches Licht – das fehlt im Haus“, sagt Lange. Und niemand soll überfordert werden. Mundinger: „Die beste Technik ist die, die man nicht merkt.“ Und wenn durch bessere Energieeffizienz die Betriebskosten sinken, wird sich keiner beschweren.

Nach Auffassung von Lange sollten beim Hausbau schon heute vier Prinzipien Standard sein: automatische Lüftung, gute Dämmung, Gebäudeautomation und Einsatz regenerativer Energien. Und? „Leider machen manche Architekten und Ingenieure die Dinge so, wie sie sie immer gemacht haben. Die Hersteller müssen viel über gute Bedienbarkeit lernen. Die Heizungstechnik ist 15 Jahre zurück."

Mit Bewegungsmeldern und Licht vernetzt

Und wie sollte es sein? Mundinger: „Die Jalousien fahren punktgenau auf und ab. Sie sind mit Bewegungsmeldern und Licht vernetzt und nutzen die Wettervorhersage.“ Vernetzung ist das zentrale Wort. Big Data. Sensoren werden immer billiger. „Heutige Bewegungsmelder sind strohdoof“, sagt Mundinger. Künftig könnten sie erkennen, wo die Menschen sind, lernen, was sie voraussichtlich tun, je nach Bedarf lüften, leuchten, heizen. „Auch bei der Aktorik, also beim Bewegen und Schalten, erleben wir einen Preisrutsch.“ Bei LED-Lampen könne die Sensorik in die Leuchten verlegt werden.

Die Gebäudeautomation wird, da sind sich die Professoren einig, von Büros und Fabriken in die Privathäuser wandern. Computer habe es früher auch nur in Großbetrieben gegeben. Und die Automobilindustrie setze neue Techniken zunächst in der Oberklasse ein. Entscheidend aber sei, so Gerald Lange: „Der Mensch soll nicht fremdbestimmt werden. Er muss die Automatik jederzeit per Handbetrieb übersteuern können.“

Mit LED gegen Stürze

Ein zentrales Thema der kommenden Jahre wird die Selbstversorgung mit regenerativer Energie. Photovoltaik oder Solarthermie-Anlage auf dem Dach, Wärmetauscher, Biomasse-Heizung, Erdwärme-Nutzung. Reststrom kommt vom Energieversorger – zu Zeiten, wenn er billig ist. Und die Sicherheit: Vieles wird möglich, massiver Kameraeinsatz, Vernetzung von Häusern. Die Frage ist, wie viel Privatsphäre die Bürger dafür aufgeben wollen. „Jüngere Leute machen sich keine Gedanken über Datensicherheit“, sagt Lange.

Und die Alten? Für die werden elektrische Rollläden nicht nur aus Gründen der Energieeffizienz wichtig. Und Harald Mundiger plädiert für Bewegungsmelder unterm Bett: „Beim Aufstehen weisen LED-Leuchten den Weg zum Bad. Das verhindert Stürze.“ Und wenn der nächtliche Gang zum Kühlschrank führt, wird das schlaue Haus auch diesen Weg beleuchten. Egal, ob noch Milch da ist.

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