Strategieberater durchleuchten Daten bis tief in die Nacht

Hagen..  Nicht nur die Vorstände und Abteilungsleiter der Enervie AG arbeiten in diesen Tagen am End­anschlag. Auch die externen Profis der Unternehmensberatungsgesellschaft Roland Berger, die sich mit Akribie durch die Zahlenkolonnen und Bilanzen der letzten Jahre ackern, machen in der Konzernzen­trale auf Haßley selten vor Mitternacht das Licht aus. Das gemeinsame Ziel aller: mit einer abgestimmten sowie von Banken und Gesellschaftern getragenen Strategie den kommunal getragenen Energie-Konzern aus der tiefsten Krise seiner Unternehmensgeschichte wieder herausführen.

Die Situation

Die Hauptlast stellt dabei die dramatisch hohe Verschuldungssituation dar, die sich in den vergangenen fünf Jahren auf 600 Millionen Euro aufaddiert hat. Ein Level an Altverbindlichkeiten, das von den Banken nicht mehr akzeptiert wird. Daher lautet angesichts der weggebrochenen Einnahmen aus der Erzeugung die zentrale Forderung der Kreditgeber: Die Bilanzergebnisse müssen deutlich gesteigert werden, damit der Schuldenberg kontinuierlich abgetragen werden kann. Die Banken, so die Wahrnehmung des Aufsichtsrates, seien auf die bedrohliche Situation letztlich erst durch das März-Memorandum des Vorstandes aufmerksam geworden, das dieser an den Gremien des Unternehmens vorbei an die Kreditgeber verschickt hatte. Kurz zuvor war bereits eine weitere Verschlechterung der Liquiditätssituation aufgepoppt, als die Verhandlungen mit der Bundesnetzagentur ergaben, dass die angedachte Erhöhung der Netznutzungsentgelte nicht durchsetzbar sei. Nach dem Wegbrechen der Erzeugungssparte aufgrund der Verwerfungen der Energiewende ein weiteres Alarmsignal, das die Banken letztlich die Notbremse ziehen ließ.

Die Prüfer

Seitdem durchleuchten die Strategieberater von Roland Berger die Enervie-Zentrale bis in den hintersten Winkel, um einen Restrukturierungsplan zu entwickeln. Grundlage hierfür ist ein Gutachten, das die Zukunftsfähigkeit des Energieversorgers hinterfragt. Darin sei bereits offenkundig geworden, so erfuhr die Redaktion aus der Konzernzentrale, dass das ursprünglich favorisierte 2014er-Bilanzjahr der Bereinigung (Trennung von allen Belastungen in einem Schritt) an der katastrophalen Liquiditätssituation der Aktiengesellschaft nichts verbessert habe. Im Gegenteil: Vielmehr, so wird jetzt deutlich, sei in der Vergangenheit nicht ausreichend berücksichtigt worden, dass die bilanziellen Maßnahmen des Jahres 2014 in den Folgejahren zu deutlichen Liquiditätsabflüssen führten.

Grundsätzlich ist der Enervie-Jahresabschluss 2014, der am 10. August der Hauptversammlung präsentiert wird, abgeschlossen und geprüft. Er könnte somit von der für das Abschlusstestat verantwortlichen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) abgesegnet werden. Das Konzernergebnis weist einen Jahresfehlbetrag von 115 Millionen Euro bei einer Eigenkapitalquote von gerade noch neun Prozent aus. Voraussetzung für die Erteilung des PwC-Testats ist jedoch noch der Nachweis einer ausreichenden Liquidität bis mindestens zum Jahr 2017.

Der Plan

Der Sanierungszeitraum des von Roland Berger erarbeiteten Restrukturierungsplans wird zunächst auf fünf Jahre angelegt sein. Dabei wird die bisherige Zukunftskonzeption der Enervie pulverisiert und eine neue Planung auf Grundlage der operativen Ist-Ergebnisse (es umfasst neben dem Finanz- und Beteiligungsergebnis auch das sog. betriebliche Ergebnis) erstellt. Dazu gehört – angelehnt an einen Branchenvergleich – auch ein scharfer Blick auf die Personaldecke und das Gehaltsgefüge. Darauf aufgesattelt werden konkrete Maßnahmen und Handlungsempfehlungen, bei denen die Banken der Enervie nur geringe Spielräume für Modifikationen einräumen dürften.

Die Maßnahmen

Grundsätzlich gibt es keine Tabu-Ecken mehr, um der Enervie zeitnah flüssiges Geld zu verschaffen. Priorität hat dabei die Veräußerung von nicht-betriebsnotwendigem Vermögen. Dazu gehört beispielsweise ein Verkauf der Alt-Immobilie an der Körnerstraße. Selbst ein Rückmietverkauf (Sale-and-lease-back-Verfahren) der neuen Konzernzentrale auf Haßley steht nach Informationen dieser Zeitung auf dem Prüfstand. Gleiches gilt für das Wassernetz, von dem sich Enervie aus strategischen Gründen weiterhin nur ungern trennen möchte, das jedoch durch ein Sale-and-lease-back-Geschäft kurzfristig hohe Millionenbeträge in die Kassen spülen könnte.

Offen bleibt derweil, wie es mit der von der Politik mit breiter Mehrheit beschlossenen Sanierung des Wasserwerks in Hengstey weitergeht. Aktuell kann Enervie die 15 Millionen Euro für das Invest kaum aufbringen. Vor diesem Hintergrund wird ebenfalls ausgelotet, ob eine Verschiebung der Installation der neuen Reinigungsstufe noch möglich ist. Auszuschließen ist aber auch nicht, dass angesichts der wirtschaftlichen Not die kostspielige Ertüchtigung von Hengstey doch noch einmal grundsätzlich in Frage gestellt wird und die Politik einen Alternativvorstoß unternimmt. Im Rathaus werden schon wieder Stimmen mit der Forderung laut, das Wasserwerkareal in ein so dringend benötigtes Gewerbegebiet zu verwandeln und gleichzeitig Enervie durch den Grundstücksverkauf zusätzliche Liquidität zu verschaffen.

Außerdem prüft die Enervie, ihren kommunalen Großkunden Discount-Angebote zu offerieren, wenn diese bereit sind, ihre Stromrechnung bereits vorab zu begleichen, um zeitnah Bares in die Konzern-Kassen zu spülen. Gleichzeitig wird mit Kommunen im Versorgungsgebiet darüber verhandelt, den Zahlungsrhythmus für Konzessionsabgaben nach hinten zu verschieben, um auf diesem Wege Liquiditätsengpässe elegant überbrücken zu können. Mit der Frage, wann der Energieversorger denn wieder über ausreichend Liquidität verfügt, um Dividendenzahlungen an die Anteilseigner ausschütten zu können, beschäftigt sich auf Haßley derweil niemand.

Die HVG-Risiken

In Hagen trifft dieses Dilemma zunächst einmal die Hagener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (HVG), die das städtische Aktienpaket hält und in ihrem Etat bislang mit einer jährlichen Enervie-Dividende von etwa sieben Millionen Euro kalkulieren konnte. Doch seit diese Quelle nicht mehr sprudelt, muss zur Deckung des Busbetrieb- und Bäder-Defizites in die Fonds-Rücklagen der HVG gegriffen werden. Daraus, so ist aus der Hagener Politik zu vernehmen, soll jetzt auch das 30-Millionen-Euro-Gesellschafter-Darlehen kommen. Eine Belastung für das städtische Tochterunternehmen, die zwar dem Hagener Kämmerer Luft zum Atmen für seinen Etat verschafft, aber auch für die ohnehin defizitär agierende HVG keinesfalls von Dauer sein darf. Natürlich müsse man aufpassen, dass mit der einen Krise nicht eine zweite erzeugt werde, warnte daher Oberbürgermeister Erik O. Schulz bereits mehrfach, der in seiner Funktion als Hagener Verwaltungschef gleichzeitig auch Aufsichtsratsvorsitzender bei Enervie und HVG ist. Gleichzeitig betonte er aber auch, dass im Gegensatz zu den Dividenden-Ausfällen der Darlehensbetrag ja wieder an die HVG zurückfließe. Man dürfe die HVG über die Enervie nicht in einen Strudel bringen, der diese städtische Gesellschaft wiederum gefährde. Am Ende werde man die Gesellschaft mit einer Erhöhung des kommunalen Zuschusses versehen müssen. Geld, das am Ende der Steuerbürger aufbringen muss.

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