Speerschleuder weckt sportlichen Ehrgeiz

Christina Heße
Steinlive am Wasserschloss Wedringen.
Steinlive am Wasserschloss Wedringen.
Foto: WP

Hagen. Die Menschen haben vor tausenden von Jahren ganz anders gelebt als wir heute. Wirklich? Beim Museumsfest STEINlive im Museum für Ur- und Frühgeschichte konnten Kinder und Erwachsene am Wochenende die ausgeklügelten Techniken der Steinzeit kennenlernen und selbst ausprobieren.

Der Faustkeil war das Schweitzer Taschenmesser der Steinzeit, Feuersteine dienten den Menschen als Streichhölzer und sogar Fladenbrot buken sie in einem Erdloch, das wie ein Ofen funktionierte. Die große Wiese vor dem Wasserschloss Werdringen hat sich am Wochenende für zwei Tage in ein Lager aus einer längst vergangenen Zeit verwandelt. Rund 50 Wissenschaftler und Museumsmitarbeiter präsentierten steinzeitliches Fachwissen und leiteten die Gäste an: Mehl mit einem Mahlstein zu zerkleinern, um daraus Brot zu backen wie die Menschen vor 7000 Jahren, ist schweißtreibende Arbeit; beim Feuermachen ist nicht etwa Kraft sondern der richtige Aufschlagwinkel entscheidend.

„Hier in Hagen gibt es keine natürlichen Vorkommen von Feuersteinen“, erläuterte Museumspädagoge und Organisator Holger Flick. Erst im Münsterland und nördlicher seien die steinzeitlichen Feuerzeuge zu finden. Flick: „Dafür gibt es hier Funde von Feuersteinen, die von Menschen hergebracht worden sind.“ Das Museum beherberge sogar einen Fund aus dem Alpenraum. Dieser Feuerstein hat einen weiten Weg zurück gelegt.

Prähistoriker Ulrich Stodiek demonstrierte eine nachgebaute Speerschleuder, wie sie Menschen in der Zeitspanne von 20 000 bis 10 000 Jahren vor Christus zum Jagen verwendet haben. Der experimentelle Archäologe hat seine Doktorarbeit über die durchaus tödliche Waffe geschrieben. „Ich beziehe mich vor allem auf Funde aus den Höhlen Frankreichs“, sagte Stodiek, „aber es gibt Waffen von Aborigines, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Meiner Meinung nach war das eine parallele Entwicklung.“ Die Waffen sind dabei nicht nur schön und ihre Geschichte faszinierend, der gezielte Wurf mit der großen Speerschleuder weckte sportlichen Ehrgeiz bei einigen Besuchern.

Die vierjährige Elisa interessierte sich dagegen eher für das, was sich unter der Wiese abspielt: Bei einer archäologischen Grabung mussten Mädchen und Jungen ganz genau hinschauen. Zwar wirkte die Stätte am Rande des Parkplatzes auf den ersten Blick unscheinbar, sie entsprach aber einem realistischen Umfang, wie Johanna Dreier erklärte. Die Studentin der Ur- und Frühgeschichte an der Universität Köln zeigte den Kindern Ausgrabungstechniken und besprach mit ihnen, wonach sie eigentlich suchten, nämlich nach „Überresten menschlicher Kultur“. Die Betreuer versteckten selbstverständlich nichts, was dazu führte, dass die Kinder in erster Linie verschiedene Steine zur Fundbearbeitung trugen.

Vollständig wurde der Besuch von STEINlive mit einer Stippvisite im Museum und auf dem Burgplatz. Kinder erstellten hier Schmuck aus Naturmaterialien wie Federn, Bast und Muscheln. Durch das Reiben der Muschel auf einem Stein entstand ein kleines Loch zum Einfädeln. Dennis (11) und Aurelia (7) ritzten Urviecher in kleine Schiefertafeln. Das sei gar nicht so schwierig. Mutter Milicia Wagner fand das Museumsfest genauso interessant, wie ihre Kinder. Sie meinte: „Es ist schön, dass die Kinder hier merken, dass nicht alles selbstverständlich ist, was wir heute haben.“