So spionierte die Stasi Hagen aus

Sogar ein Hochschullehrer war in Hagen für die Staatssicherheit der DDR aktiv.
Sogar ein Hochschullehrer war in Hagen für die Staatssicherheit der DDR aktiv.
Foto: Michael Kleinrensing
Vier Spione spitzelten für die Stasi in Hagen. Ihre Decknamen: Hauke, Peter Iglen und „das Ehepaar“. Ihre Tätigkeiten sind Teil eines deutsch-deutschen Traumas – eine Spurensuche!

Hagen.. Sie leben noch in Hagen. Sie sind ein altes Ehepaar. Gutbürgerlich. Unbescholten. Unbehelligt. Unentdeckt. Ihre echten Namen sind Teil eines deutschen Traumas. Teil eines giftigen Apparates, einer Misstrauens-Maschinerie. In der Blütephase des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR versorgten vier inoffizielle Mitarbeiter Ost-Berlin mit Informationen aus Hagen. Zwei Männer und ein Ehepaar. Die Westfalenpost ist auf Spurensuche gegangen – nach Hagens frommen Spionen.

Die Recherche ist so müßig wie das Zusammenkleben eines zerbrochenen Porzellankrugs. Als der SPIEGEL 2011 seine große Aufmachergeschichte zur Geheimdienstarbeit der Stasi im Westen veröffentlichte, tauchte auch Hagen in der Liste auf. Vier Spione arbeiteten in der Volmestadt und versorgten die Stasi-Zentrale in Ost-Berlin mit Informationen. Aus Vereinen, aus Parteien, aus Behörden – sogar von den Fluren unseres Pressehauses.

Abschöpfer und Abgeschöpfte

Helmut Müller-Enbergs ist der Herr des zerdepperten Geschirrs. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Aus dem, was die ehemaligen Stasi-Mitarbeiter kurz vor dem Untergang ihrer Behörde in aller Eile nicht mehr in den Schredder geschmissen haben, versucht Müller-Enbergs die Wahrheit zusammenzupuzzlen.

Seine Niederschrift im Deutschland-Archiv gemeinsam mit Cornelia Jabs, Mitarbeiterin der Forschungsabteilung der Birthler-Behörde, enttarnte unter anderem den West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras als SED-Mitglied und Stasi-IM „Otto Bohl“.Man muss bei Müller-Enbergs Arbeit sehr fein unterscheiden. Zwischen Abschöpfern und Abgeschöpften. Denn: Sämtliche Namen wurden in den Stasi-Akten vermerkt. Von jenen, die spitzelten und jenen, die bespitzelt wurden.

„Hauke“ war ein Werber

„Hauke“, sagt Müller-Enbergs, „war der Deckname eines Werbers.“ Also eines Mannes, der andere Personen in den Kreis der Spitzel locken sollte. Hauke taucht erstmals 1971 in den Stasi-Akten auf. Da war er gerade als Assistent in der JVA in Hagen tätig. Er übermittelte 1981 einen Lageplan eines Hagener Luftwaffendepots in den Osten. 1984 schnüffelte er auf den Fluren des Hagener Polizeipräsidiums herum. 1989 bewarb er sich beim Bundesgrenzschutz.

Nachfrage bei der heutigen JVA-Leitung. Man zeigt sich verwundert. Über solche Vorgänge sei nichts bekannt. Weitere Nachfragen erübrigen sich. Dabei soll „Hauke“ noch einen Sohn gehabt haben, der als Perspektiv-IM „Junior“ in den Akten aufkreuzt. Nach einer Ausbildung zum Fernmeldemechaniker zog er nach Düsseldorf. Dann verliert sich seine Spur.

Peter Baum ist Leiter des Archivs des Allgemeinen Krankenhauses. Viel entscheidender aber: Er ist Stasi-Utensiliensammler. Und als solcher auch ein Kenner der alten Stasi-Strukturen. Er kennt auch den Fall „Hauke“: „Es gab später eine Verurteilung gegen den Mann. Er wurde aber nur in seiner Besoldungsstufe heruntergesetzt.“

Peter Baum, über dessen beeindruckende Sammlung von alten Agenten-Kameras bis zu historischen Schriftstücken unsere Zeitung schon mal berichtete, kennt zwei der vier ehemaligen Hagener Spione persönlich. Er weiß, dass das Paar, das heute noch in Hagen lebt, damit beauftragt war, Informationsmaterial von Gabriele Gast über die Grenze von West nach Ost zu bringen. Gabriele Gast war einst Regierungsdirektorin des Bundesnachrichtendienstes (BND) und deutsch-deutsche Doppelagentin für die Hauptverwaltung Aufklärung („HV A“), den Auslandsgeheimdienst der DDR.

Kenner der alten Stasi-Strukturen

Baum recherchiert viel durch die alte Welt, die noch immer nicht so alt ist, dass sie vergessen scheint. Bei einer Buchvorstellung der sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland in Berlin im Jahr 2003, bei der Baum auch zugegen war, betrat der drei Jahre später verstorbene Markus Wolf – 34 Jahre lang Leiter des Auslandsnachrichtendienstes der Stasi – den Saal. „Da kommt der Chef“, hätten viele gesagt. 14 Jahre war der Zusammenbruch der DDR da schon her.Das spionierende Hagener Ehepaar erhielt für seine Dienste Zuwendungen von der Stasi. Geld. Oder ein Auto. Luxus in den 70er-Jahren.

Zurück nach Berlin zu Helmut Müller-Enbergs. Er hat den letzten der vier Hagener Spione für uns aus den Akten gesaugt. Deckname: „Peter Iglen.“ Über den inoffiziellen Mitarbeiter Iglen weiß man viel. 1948 geboren. Er war als Hochschullehrer in Hagen tätig. Die Stasi-Akten erfassen ihn ab 1982. Er war zum Beispiel auch unterwegs beim Bundesparteitag der Grünen, die in ihren Anfangsjahren öfter in Hagen tagten. „Grüne waren damals Leute, die man leicht rekrutieren konnte“, sagt Peter Baum. Und IM „Peter Iglen“ rekrutierte sie. Er war ein Werber, machte jungen Menschen die Spitzelei für die Stasi schmackhaft.

Spurensuche in der Innenstadt. Laut Müller-Enbergs Akten stiegen Stasi-Agenten häufiger im Hotel Lex und im Hotel Bürgerkrug in der alten Bahnhofsstraße ab. „Hagen war beliebter Treffpunkt zwischen der Führungsspitze und ihren Spionen“, sagt Müller-Enbergs. Die bahnhofsnahen Hotels waren willkommene Umschlag- und Übernachtungsorte.

Beide Hotels gibt es heute noch. Claudius Lex leitet zum Beispiel das gleichnamige Hotel. „Ist ja sagenhaft“, reagiert er auf unsere Anfrage, „selbst wenn solche Menschen in diesem Hotel genächtigt hätten, hätten wir sie doch gar nicht erkannt, oder?“ Das stimmt. Schließlich schlichen Agenten nicht wie in dunklen Hollywood-Streifen mit knöchellangem Mantel und Melonen-Hut durch die Gassen. Unauffälligkeit war ihre Tarnung.

Viele Hotels in den Stasi-Akten

Die gleiche Reaktion im Hotel Bürgerkrug: „Da wissen wir nichts von. Dieses Hotel lag schon immer so nah am Hauptbahnhof, dass hier Tausende Menschen geschlafen haben“, sagt Elmar Finke. Die Liste der Hagener Hotels in den alten Stasi-Akten ist lang. Und es ist nicht so ganz einfach, ihre heutigen Betreiber auf Hintergründe wie diese anzusprechen. Zumal keiner der Hotelinhaber wissen konnte, wer da so bei ihm nächtigte.

Hauke, das Ehepaar und Peter Iglen. Sie waren Hagener und sind es teilweise immer noch. Sie spitzelten für die Stasi. Sie bedienten den Ost-Apparat mit Informationen aus unserer Stadt, aus unseren Firmen, unseren Vereinen und Institutionen. Ihr Wirken ist mindestens 23 Jahre her. „Sie waren kleine Kaliber im deutschlandweiten Vergleich“, sagt Helmut Müller-Enbergs.

Das mag richtig sein. Man kann die Geschichte unseres Landes aber nicht erzählen, ohne ihre Geschichte zu erzählen. Die Geschichte von Hagens frommen Spionen. Sie sind Teil eines deutsch-deutschen Traumas.

 
 

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