Sinas Eltern müssen ihre Haftstrafen absitzen

Sina P. starb fünf Tage nach ihrer Aussage vor Gericht. Ihre Mutter soll sie über Jahre hinweg misshandelt haben.
Sina P. starb fünf Tage nach ihrer Aussage vor Gericht. Ihre Mutter soll sie über Jahre hinweg misshandelt haben.
Foto: WP

Hagen.. Die Haftstrafen gegen die Eltern der im Alter von nur 17 Jahren verstorbenen Sina P. sind rechtskräftig, die Mutter und der Stiefvater des Mädchens müssen im Gefängnis bleiben. Das Landgericht Bochum lehnte eine Wiederaufnahme des Verfahrens ab, das Oberlandesgericht (OLG) Hamm verwarf anschließend eine Beschwerde der Verteidigung gegen diesen Beschluss.

Damit bleibt das Urteil der Jugendschutzkammer des Landgerichts Hagen, die die Mutter (38) am 20. Mai 2010 wegen Kindesmisshandlung zu viereinhalb und den Stiefvater (42) zu drei Jahren Gefängnis verurteilt hatte, bestehen. Die Eltern waren für schuldig befunden worden, ihre Tochter Sina über viele Jahre hinweg erniedrigt, gequält und geschlagen zu haben.

Unvorstellbares Martyrium

Das Mädchen durchlitt ein unvorstellbares Martyrium. Bereits 1992, als Sina noch ein Säugling war, drohte Mutter Maike an, das Baby „in den Wald zu bringen“ und schlug ihm brutal ins Gesicht. Das „problematische Verhältnis“ steigerte sich noch, als die seinerzeit Sechsjährige begann, nachts einzunässen. „Ein quälendes System von Erniedrigungen“ setzte ein, befanden die Richter. So musste das Mädchen nachts in einer Dusche mit Wasser sitzen oder es wurde morgens mit einem eiskalten Wasserstrahl geweckt.

Viele Nächte verbrachte Sina auch nackt auf dem Fußboden eines dunklen Kellers. Gegenüber Ärzten und Jugendamts-Mitarbeitern bezeichnete die Mutter ihr Kind oft als „die Pisserin“. Zudem stellte die Kammer „permanente Prügel“ fest: mit Kochlöffeln oder Hosenträgern. „Ihr Rücken war von blutunterlaufenen Striemen übersät“, so Richterin Heike Hartmann-Garschagen. „Ein ganzes Arsenal von Kochlöffeln lag dafür stets griffbereit.“ Die Behauptungen der beiden Angeklagten, man habe „nie eine Hand gegen Sina erhoben“ und sie sei „eine freche Lügnerin“, wurde nach Auffassung der Richter durch die Beweisaufnahme „vollständig widerlegt“.

"Ich kann nun nicht mehr"

Der Fall und der Prozess hatten in Hagen viel Aufsehen erregt. Ein Rechtsmediziner hatte die Misshandlungen in einem Gutachten als „Folter“ bezeichnet. Sina hatte ihre Eltern selbst angezeigt und war wenige Tage, nachdem sie vor Gericht gegen die eigene Mutter ausgesagt hatte, ins Koma gefallen und im Alter von 17 Jahren gestorben. „Ich kann nun nicht mehr“, soll sie kurz vor ihrem Tod gesagt haben.

Gegen ihre Verurteilung hatten die Eltern durch ihre Anwälte Revision beim Bundesgerichtshof beantragt, was jedoch verworfen wurde. Im Gefängnis verlangten sie daraufhin eine Wiederaufnahme des Verfahrens sowie eine Unterbrechung der Strafvollstreckung, bis ein neues Urteil gefällt worden sei.

Im Zentrum des Wiederaufnahmeantrags stand offenbar der Bruder des toten Mädchens, dessen Aussage im Hagener Prozess sich zu einer kleinen Tragödie entwickelt hatte. Mit den Worten „Ich möchte nichts mehr sagen“, hatte er seine Befragung weinend abgebrochen. Der Wiederaufnahmeantrag war u.a. damit begründet worden, der Junge wolle nun umfassend aussagen. Das Landgericht Bochum sah darin jedoch keine Beweiserhebung, die geeignet gewesen wäre, den bisherigen Erkenntnisstand grundlegend zu erneuern und einen Freispruch zu begründen.

Kellerbesichtigung beantragt

Die Verteidigung hatte auch eine Ortsbesichtigung des Kellers beantragt; der sei nämlich so vollgestellt, dass Sina dort überhaupt nicht hätte übernachten können. Auch dieser Logik vermochte das Landgericht Bochum nicht zu folgen, da der Keller heute natürlich ganz anders aussehen könne als zu jener Zeit, in der Sina dort eingesperrt wurde.

Den von der Verteidigung angekündigten Bekundungen sei „allenfalls ein so geringer Beweiswert beizumessen, dass sie nicht geeignet erscheinen, die angefochtenen Urteilsgründe sowie die ebenfalls vom Bundesgerichtshof unbeanstandet gebliebene Beweiswürdigung der Strafkammer zu erschüttern“, sagte Landgerichtssprecher Volker Talarowski. Das sah auch das Oberlandesgericht so, das Anfang Mai eine Beschwerde gegen den Beschluss der Bochumer Justiz ablehnte.

Sinas Eltern müssen ihre Haftstrafen absitzen.

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