Nur noch Grußworte am Frühstückstisch

In seiner Rolle als Oberbürgermeister kehrt Jörg Dehm am Sonntag um Mitternacht der Stadt Hagen den Rücken.
In seiner Rolle als Oberbürgermeister kehrt Jörg Dehm am Sonntag um Mitternacht der Stadt Hagen den Rücken.
Foto: WP Michael Kleinrensing

Hagen.. Selbst wenn er noch eine kleine Extraschicht einlegen und in der kommende Woche liegen gebliebene Dinge aufarbeiten wollte – es ginge nicht. Am Montag, 0 Uhr, ist definitiv Schluss. Dann ist Jörg Dehms Unterschrift als Oberbürgermeister nicht mehr gültig. Ein Gespräch zum Abschied nach fünf teilweise turbulenten Jahren an der Rathaus-Spitze in Hagen.

Herr Dehm, was macht man als Oberbürgermeister in seiner letzten Woche?

Jörg Dehm: Es gab noch eine ordentliche Verwaltungsvorstandssitzung, eine Gesellschafterversammlung der HVG und eine Präsidiumssitzung der Enervie. Ich habe noch viele, viele Briefe zum Abschied geschrieben. Und ich habe natürlich lange mit dem neuen Oberbürgermeister Erik O. Schulz gesprochen. Aber natürlich fängt man nichts Neues mehr an. Es ist schon Abklingen angesagt.

Fällt das schwer?

Dehm: Na ja, ich habe in den vergangenen Wochen schon einen längeren Urlaub gemacht. Ich konnte mich so an das Gefühl gewöhnen, nicht mehr im Amt zu sein.

Die Frage, die viele Hagener interessiert: Was macht Jörg Dehm jetzt?

Dehm: Ich werde mich zunächst mal selbstständig machen in dem Bereich, in dem ich mich auskenne: in der Kommunalverwaltung. Das heißt, ich werde ein Beratungsunternehmen aufbauen. Genaueres kann ich dazu aber noch gar nicht sagen. Ich bin noch ganz am Anfang, muss schauen, wie ich im kommunalen Bereich tatsächlich sinnvoll beraten kann.

Werden Sie den Hagener Boden dann für immer verlassen?

Dehm: Nein, ich mache natürlich keinen Bogen um Hagen. Ich bin weiter ansprechbar. Und ich habe meinem Nachfolger auch angeboten, bei Fragen immer zur Verfügung zu stehen. Es gibt so viel komplexe Sachverhalte. Da macht es keinen Sinn, das seinem Nachfolger in stundenlangen Monologen übermitteln zu wollen. Und das nächste Mal bin ich schon Anfang Juli wieder in Hagen. Dann kommen unsere Freunde aus der Partnerstadt Bruck. Das ist mir sehr wichtig.

Hat Ihre Frau schon Angst, dass Sie jetzt immer zu Hause sind?

Dehm: Es gab wohl einige Befürchtungen, dass ich mich jetzt hilfreich in die häuslichen Abläufe einmischen werde . . . Ich hab meiner Frau und meinen Töchtern auch schon angekündigt: Wenn der Entzug nach öffentlicher Rede zu groß sein wird, dann muss ich halt längere Grußworte am Frühstückstisch sprechen . . . Spaß beiseite: Neben dem Aufbau eines Beratungsbüros will ich auch mehr Sport machen. Im August will ich bei der Tour der Hoffnung mitmachen. Da muss ich noch ein bisschen auf dem Rad trainieren.

Erinnerung an den baldigen Ex-Oberbürgermeister

Was denken Sie: Mit was werden die Hagener in 20 Jahren die Amtszeit von Jörg Dehm verbinden?

Dehm: Das ist immer schwer zu sagen, das müssen eigentlich andere tun. Aber ich hoffe, dass mit mir auch der Kurswechsel verbunden wird, den wir eingeleitet haben. Als ich nach Hagen gekommen bin, hatten wir ein geplantes jährliches Defizit von 160 Millionen Euro – und kein Anzeichen, dass sich etwa ändern würde. Wir haben dann einen deutlich anderen Weg eingeschlagen. Heute liegt das geplante Defizit bei nur noch 25 Millionen Euro. Das ist auch ein Verdienst von Kämmerer Christoph Gerbersmann. Wir haben einen erheblichen Personalabbau in der Stadt eingeleitet. Es arbeiten einige hundert Menschen weniger in der Verwaltung. Auch die Neuordnung der städtischen Beteiligung war sicherlich sehr wichtig. Da haben wir eine ganz andere Kultur der Transparenz erreicht.

Es gibt da auch noch die Schilder . . .

Dehm: Ja, die Posse um die Bezeichnung „Stadt der Fernuniversität“ auf den Ortseingangsschildern, die uns zunächst von der Bezirksregierung untersagt wurde, wird sicherlich auch mit meiner Amtszeit verbunden werden. Immerhin haben wir damit Geschichte geschrieben und eine Gesetzesänderung erwirkt.

Und welches war Ihr größter Fehler?

Dehm: Ich habe sicherlich ganz viele Fehler gemacht. Das bleibt auch nicht aus, wenn ich daran denke, wie unglaublich viele Entscheidungen ich in den fünf Jahren treffen musste. Aber der größte Fehler war sicherlich die Beratervertrag-Sache mit dem Beigeordneten Christian Schmidt, wegen der es ja letztlich auch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen mich gab, die nur gegen eine Zahlungsauflage eingestellt wurden.

Im Wahlkampf 2009 haben Sie die Wirtschaftsförderung als Ihr oberstes Ziel benannt. Die von Ihnen initiierte Hagen-Agentur sollte ein entscheidendes Werkzeug sein. Haben Sie Ihr Ziele erreicht?

Dehm: Nein, das muss man ganz klar sagen, da habe ich mein Ziel nicht erreicht. Wobei ich betonen will: Es ist nicht die falsche Struktur. Die Bündelung und die Einbindung der privaten Wirtschaft in die Wirtschafts- und Stadtentwicklungsförderung war und ist richtig. Aber wir haben nicht die Schlagkraft entwickelt, die ich mir gewünscht hätte. Dazu wird sicherlich auch ein personeller Neuanfang nötig sein.

Hagen sollte seine Minderwertigkeitskomplexe abbauen

Wenn Sie auf die vergangenen fünf Jahre zurückblicken: Welche Begegnung mit Bürgern ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Dehm: Da gab es sehr viele. Ich muss überhaupt sagen, dass man aus diesen direkten Begegnungen als Oberbürgermeister viel mehr Kraft zieht, als ich am Anfang meiner Amtszeit gedacht hätte. Aber eine Begegnung fand ich besonders einprägsam. Da traf ich an der Volme eine Oma, die mit Zwillingen im Kinderwagen unterwegs war. Die bat mich, als Oberbürgermeister doch den Kindern über den Kopf zu streichen. Das bringe auf jeden Fall Glück.

Hand aufs Herz: Wie viele der 58 Ratsmitglieder werden Sie tatsächlich vermissen?

Dehm: Rein menschlich werde ich eine sehr große Zahl von ihnen vermissen. Nein, das muss ich schon sagen. Es gab im Rat sicherlich oft einen rauen Ton und auch ich bin manchmal übers Ziel hinausgeschossen. Aber menschlich war das Verhältnis ganz überwiegend wirklich gut.

Haben Sie eigentlich einen Lieblingsplatz in Hagen?

Dehm: Da gibt es eigentlich mehrere. Als ich noch in Wehringhausen gewohnt habe, bin ich gerne hoch zum Kaiser-Friedrich-Turm, da gibt es den herrlichen Biergarten. Ich war immer sehr angetan vom Hohenhof und geradezu ein Fan des Freilichtmuseums. Am Forsthaus Loxbaum habe ich mich auch immer sehr wohl gefühlt. Da biegt man einmal ab, und schon ist man aus dem städtischen Trubel in der Natur.

Zum Schluss: Was möchten Sie Hagen ins Poesiealbum schreiben?

Dehm: Hagen sollte daran arbeiten, dass dieser seit Jahren offenbar antrainierte und ausgeprägte Minderwertigkeitskomplex verschwindet. Die Stadt hat unheimlich viel zu bieten und kann mehr, als ihr selbst viele Hagener zutrauen.

 
 

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