Nach Suizid im Gefängnis Hagen bleiben viele Fragen offen

Ein trostloser Ort: Die Justizvollzugsanstalt Hagen ist ein Einweisungsgefängnis. Am 2. Juni 2016 hat sich hier ein 23-Jähriger erhängt. Es war der Tag, an dem das Landgericht entschied, dass er in eine forensische Klinik verlegt wird.
Ein trostloser Ort: Die Justizvollzugsanstalt Hagen ist ein Einweisungsgefängnis. Am 2. Juni 2016 hat sich hier ein 23-Jähriger erhängt. Es war der Tag, an dem das Landgericht entschied, dass er in eine forensische Klinik verlegt wird.
Foto: WP Michael Kleinrensing
  • Gutachten lässt lange auf sich warten
  • Großmutter drängt auf Klärung des Falls
  • Anwalt will Gespräch mit Staatsanwaltschaft führen

Hagen/Neuenrade.. Nichts kann ihn wieder lebendig machen. Das weiß Elisabeth Winkler (Name geändert). Kein Gebet, kein Geld der Welt und auch kein Gerichtsurteil. „Darum“, sagt sie, „darum geht es mir auch gar nicht. Ich will wissen, warum es so gekommen ist. Und ich will verhindern, dass so etwas jemals wieder einem jungen Menschen passiert.“

Nichts kann ihn wieder lebendig machen. Kevin, ihr Enkel, hat sich am 2. Juni 2016 in der Justizvollzugsanstalt Hagen erhängt. Mit einem Gürtel um den Hals haben die Bediensteten des Einweisungsgefängnisses den 23-Jährigen aus Neuenrade in seiner Zelle gefunden.

Kevin war labil und launisch

Nichts kann ihn wieder lebendig machen, weil der Tod eines Menschen endgültig ist. Auch, wenn er ihn wie Kevin selbst gewählt hat. Und trotzdem hat die Großmutter so viele Fragen, auf die sie keine Antwort erhält. „Kevin war in psychiatrischer Behandlung“, sagt sie, „er war labil, war launisch, fühlte sich verfolgt. Er hat geglaubt, alle hätten sich gegen ihn verschworen. Egal, was man angestellt hat – in so einem Zustand gehört man nicht in eine Zelle.“

Schwere Brandstiftung – so lautete der Vorwurf. Kevin, der Berufssoldat, der mit seinem Vater ständig in Streit geriet, hatte am 16. März dessen Motorrad in einem Kellerraum angezündet. Die Flammen griffen auf das Wohnhaus über. Die Feuerwehr rückte aus. Verletzt wurde niemand. Noch am Abend klickten die Handschellen. Kevin kam in das Polizeigewahrsam.

Auflagen für Unterbringung in Gewahrsam

Im ärztlichen Untersuchungsprotokoll wurde festgehalten, dass Kevin angab, an einem Trauma zu leiden und sich in psychiatrischer Behandlung zu befinden. Die Amtsärztin machte bei der Unterbringung in einer Gewahrsamszelle halbstündige Kontrollen zur Auflage.

Am nächsten Tag wurde Kevin in die JVA Hagen gebracht. Bis zu seinem Freitod saß er dort in Untersuchungshaft.

Anwalt von Todesnachricht geschockt

Dass Kevin psychisch krank war, dass er nicht wusste, was er tat – das glaubt auch sein Lüdenscheider Strafverteidiger Dirk Löber. „Ich war geschockt, als ich die Todesnachricht erhalten habe“, so der Jurist, „ich habe von Beginn der Untersuchungshaft an gesagt, dass ein Gefängnis für diesen jungen Mann der falsche Ort ist.“ Immer wieder habe er mit der Staatsanwaltschaft telefoniert, auf Kevins psychische Erkrankung hingewiesen und Anträge gestellt. „Leider vergeblich.“

Das Schreiben, in dem Kevins Psychotherapeut eine psychische Erkrankung attestierte, leitete Löber am 4. April an die Staatsanwaltschaft weiter. Eine Haftbeschwerde wurde einen Tag später vom Landgericht Hagen zurückgewiesen.

„Aufgehobene Schuldfähigkeit“

Und während eine erste Untersuchung durch einen Psychiater am 22. April keinen Befund ergab, stellte sich die Sache am 4. Mai offenbar anders dar. Am darauffolgenden Tag wurde das Gutachten fertig.

Die forensisch-psychiatrische Bewertung unterstreicht die Einschätzung von Großmutter und Anwalt. „Darin ist vorläufig festgehalten, dass mein Mandant im Zustand aufgehobener Schuldfähigkeit gehandelt hat“, sagt Dirk Löber, „spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass er nicht in ein Gefängnis, sondern in eine Klinik gehört.“

Gutachten erst später verschickt

Aber: Zwischen Untersuchung und nächstem Gerichtsbeschluss verging noch fast ein ganzer Monat. Das Gutachten, das ein Mediziner einer Hagener Klinik erstellt hatte, wurde offenbar erst am 17. Mai verschickt.

Warum? Dazu wollten sich weder Klinik noch der Mediziner äußern. Sie verwiesen auf den Datenschutz und darauf, dass es sich um ein staatsanwaltliches Verfahren handele.

Gericht befürwortet Verlegung

Die Staatsanwaltschaft Hagen stellte am 24. Mai einen Antrag auf die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik. Am 2. Juni befürwortete das Gericht die Verlegung. Am selben Tag, noch bevor Kevin von dieser Anordnung erfahren konnte, nahm er sich das Leben.

„Rein formal kann man vielleicht niemandem einen Vorwurf machen“, sagt Dirk Löber, „aber die Frage, warum so viel Zeit verstrich, ohne dass etwas passierte, muss erlaubt sein. Darüber werde ich auch mit der Leitung der Staatsanwaltschaf sprechen.“

Staatsanwaltschaft: Nicht fehlerhaft gehandelt

Ein tragischer Fall, verlautet aus der Staatsanwaltschaft Hagen, doch dort wird betont, dass in der Behörde nicht fehlerhaft gehandelt worden sei. „Das Begleitschreiben des Gutachtens trägt das Datum 17. Mai, hinzu kommt noch der Postweg“, so Oberstaatsanwalt Bernd Haldorn, „am 24. Mai haben wir den Antrag auf Unterbringung gestellt.“ Neun Tage später wurde darüber entschieden.

Zu spät für einen jungen Mann. Zu spät für Kevin (23) aus Neuenerade. „Man kann einen psychisch labilen Menschen wie ihn nicht wie einen x-beliebigen Häftling behandeln“, sagt Dirk Löber. „Ein solcher Fall darf sich nicht wiederholen.“

 

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