„Minderleister“-Debatte bei Enervie

Foto: Kai Kitschenberg
Der Begriff „Minderleister“ wird zum Reizwort beim Hagener Energieversorger Enervie. Der Gesamtbetriebsrat kritisiert in einem offenen Brief, dass in einem Arbeitspapier die Führungskräfte aufgefordert werden, „Minderleister“ an die Personalabteilung zu melden

Hagen..  Der Begriff „Minderleister“ wird zum Reizwort beim Hagener Energieversorger Enervie. Der Gesamtbetriebsrat kritisiert in einem offenen Brief, dass in einem Arbeitspapier die Führungskräfte aufgefordert werden, „Minderleister“ an die Personalabteilung zu melden. Der Vorsitzende Thomas Majewski sieht die Belegschaft unter Generalverdacht, zumal in dem Papier die Mitarbeiter als eher versorgungsorientiert denn als leistungsorientiert beschrieben würden.

Der Enervie-Vorstand sieht sich missverstanden: Mit Minderleistern seien keineswegs schwächere Mitarbeiter gemeint, sondern solche, die zwar leistungsfähig seien, aber bewusst unter ihren Möglichkeiten blieben. Diese sollten nun gezielt mit Hilfe der Personalabteilung motiviert werden, mehr zu leisten.

Das sei gerade jetzt wichtig, da das Unternehmen sich in schwierigen Fahrwassern befinde und ein Arbeitsplatzabbau anstehe. Nun gelte es umso mehr, dass alle Mitarbeiter ihr Bestes geben müssten. Daher werde gerade jetzt das so genannte Projekt „Leistungsorientierte Personalsteuerung“ angestoßen. Vorstandssprecher Ivo Grünhagen gegenüber unserer Zeitung : „Gute, geschulte Führungskräfte sind uns wichtig – im Interesse der Mitarbeiter – gerade auch in schwierigen Zeiten.“

Offener Brief

In einer Erwiderung des Vorstands auf den offenen Brief des Gesamtbetriebsrates heißt es zudem, Ziel müsse es sein, Enervie schnell wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Wichtig sei dabei, dass Lasten und Verantwortung so verteilt würden, dass alle ihren Beitrag leisteten. Nach Informationen unserer Zeitung wird die Verwendung des Begriffs „Minderleister“ intern inzwischen aber als unglücklich angesehen.

Und auch offiziell wird klargestellt: Ein Minderleister sei im „personalwirtschaftlichen Sinne“ einer, der die „an ihn gestellten Anforderungen erfüllen kann, aber nicht will“. Und weiter: „Jemand, der aufgrund von Erkrankungen, wegen privater Probleme oder Überforderung nicht die Leistung abrufen kann, die für die Stelle erforderlich ist, ist selbstverständlich kein Minderleister in diesem Sinne.“

Erhebliche Verunsicherung

Dass es diese Klarstellung nach seinem offenen Brief gibt, wertet der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Thomas Majewski positiv. Er konstatiert eine erhebliche Verunsicherung in der Belegschaft durch die Wortwahl des Vorstandes, die gerade vor dem Hintergrund des angekündigten Arbeitsplatzabbaus völlig kontraproduktiv sei.

Auch er wolle nicht bestreiten, dass es in einem Unternehmen mit rund 1400 Beschäftigten Kollegen gebe, die bewusst unter ihrem Möglichkeiten blieben. Dass man dies im Einzelfall ändern müsse, sei klar.

Doch insgesamt sehe er, wie derzeit die Mitarbeiterschaft unter größtem Einsatz und trotz schwieriger Rahmenbedingungen engagiert an vielen neuen Projekten arbeite: Für diese vielen Mitarbeiter seien Begriffe wie „versorgungsorientiert“ und „Minderleister“ ein „Faustschlag ins Gesicht“.

 
 

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