„Menschen können sich bei uns öffnen“

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Hagen..  Kurt Bernhofen wird nach 37 Jahren im Dienst beim Diakonischen Werk als Leiter der Einrichtung des Hagener Arbeitslosenzentrums (HALZ) in den Ruhestand verabschiedet. Im Gespräch blickt er auf die letzten vier Jahrzehnte zurück.

Das HALZ in der Böhmerstraße 19 und die angegliederte Beratungsstelle sind Treffpunkte für Erwerbslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen. Hier finden sie Unterstützung und unabhängige Ansprechpartner.

Frage: Können Sie sich an die Anfänge des Hagener Arbeitslosenzentrums erinnern?

Kurt Bernhofen: Ja sicher. Ich denke, man kann sagen, der leider viel zu früh verstorbene Roland Keller und ich haben die Gründung der Einrichtung in Hagen damals angestoßen. Es gab Ende der 70er Jahre, als die Arbeitslosigkeit sich der Zwei-Millionen-Marke näherte, den Auftrag der Landessy­node, dass man sich stärker dem Problem der wachsenden Arbeitslosigkeit zuwenden solle. Roland kam aus der Erwachsenenbildung, ich aus der Sozialarbeit. Es gab zunächst Gesprächswochen im Haus Villigst und wöchentliche Treffen. Die Begegnungs- und Bildungsangebote in den 80ern Jahre wurden dann später um Beratungs- und Qualifizierungsangebote ausgebaut, woraus letztlich das Hagener Arbeitslosenzentrum erwachsen ist. Die Arbeit hat sich über die Jahrzehnte gewandelt und bedarfsgemäß weiterentwickelt, weniger geworden ist sie aber nicht.


Frage: Mehr als 30 Jahre sind eine lange Zeit. Mit welchen Anliegen kamen Ihre Klienten früher zu Ihnen?

Bernhofen: Trotz der steigenden Arbeitslosigkeit damals war der Arbeitsmarkt nicht so dicht wie heute. Vor 25 Jahren war es zwar auch schlimm, arbeitslos zu werden. Die Menschen sind aber nicht so hart gefallen. Die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes war länger. Und wegen der im Durchschnitt höheren Löhne erhielten sie auch höhere Bezüge. Den einen oder anderen musste man dazu bringen, dass er sich möglichst schnell intensiv bemüht, bald wieder Arbeit zu bekommen. Unser Argument war: „Je länger du raus bist, desto schwieriger kommst du wieder rein.“ Beraten haben wir die Menschen früher wie heute. Nur war es früher vielleicht etwas einfacher, Hilfen zu vermitteln. Das Leben ist eben komplizierter geworden. Es war leichter an Qualifizierungsmaßnahmen zu kommen. Und für ungelernte Arbeiter gab es noch Hilfsarbeiterjobs. Diese ungelernten Tätigkeiten gibt es doch heute kaum noch.


Frage: Inwiefern hat sich die Beratung in den vergangenen Jahren verkompliziert?

Bernhofen: Mit der Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe, den Hartz-Reformen, ging ein enormer Anstieg der Anfragen und Anforderungen einher. Schon die Antragstellung für das Arbeitslosengeld II ist schließlich eine Wissenschaft für sich. Auch die Bescheide haben es in sich und sind schwer zu lesen. Heutzutage das Wissen zu haben, was sind als Arbeitslosengeld-II-Em­pfänger meine Rechte und Pflichten, das ist doch sehr umfangreich. Wo liegen die Zuverdienstgrenzen, wie hoch ist das Schonvermögen, Fragen zur Rentenversicherung, und, und, und. Das ließe sich fortsetzen. Die Unsicherheit in diesen Fragen ist bei Akademikern genauso groß wie bei dem einfachen Arbeiter. Außerdem geht es für manche Menschen, die in die Arbeitslosigkeit fallen, sofort ums Ganze. Denn die Zunahme von Arbeitsstellen im Niedriglohnbereich bedeutet auch, dass ein Familienvater, der gerade erst seinen Arbeitsplatz verloren hat, trotzdem sofort an der Schwelle zu Hartz IV steht, weil ihm einfach nur ein paar hundert Euro übrig bleiben.


Frage: Die Zeiten sind komplizierter geworden, dennoch mussten viele Einrichtungen wie Ihre schließen, da 2008 Fördergelder vom Land gestrichen wurden.

Bernhofen: Die Streichung der Landesmittel halte ich für einen Fehler. Die neue Landesregierung will zunächst für 2011 und 2012 die Mittel neu auflegen. Das ist gut so, denn wir konnten zwar durch Spenden unser Angebot aufrecht erhalten, mussten es aber reduzieren. Ich denke, es ist etwas anderes für einen Arbeitslosen, ob er vom Leistungsträger, also von der Arbeitsagentur oder der Arge, beraten wird, oder von unabhängiger Stelle. Ich denke, wir genießen ein anderes Vertrauen. Die Menschen, die in einer persönlich sehr schweren Lage sind, können sich bei uns öffnen. Das werden sie so beim Berater der Arbeitsagentur nicht wollen.


Frage: Das Menschliche spielt bei Ihren Beratungen also immer auch eine Rolle.

Bernhofen: Soweit das möglich und gewünscht ist, ja. In den letzten beiden Jahren war das wegen Zeitmangels leider nicht so zu realisieren, wie wir es vielleicht gerne gehabt hätten. Wir mussten wegen der fehlenden Fördermittel unser Angebot zeitlich reduzieren. Die Anfragen, die bei uns auflaufen, sind aber nicht weniger geworden. Ich hoffe, dass die psychosoziale Begleitung im nächsten Jahr wieder mehr Raum einnehmen kann.

Frage: Wie schwer fällt Ihnen persönlich der Abschied nach 37 Jahren?

Bernhofen: Es ist ja kein kompletter Abschied. Ich werde ehrenamtlich weiterarbeiten. Aber dabei eher im Hintergrund das Team unterstützen.


Frage: Was würden Sie sich von der Politik wünschen zu Ihrem Abschied?

Bernhofen: Ich würde mir wünschen, dass die Politiker endlich wach werden und in das wahre Leben schauen. Auch unsere jetzige Arbeitsministerin steht neben der Realität. Die drei Millionen Arbeitslosen, die die Statistik ausweist, sind doch nicht die Realität, über die wir uns so freuen können, dass Hilfen jetzt zu reduzieren sind. Die Zahlen stimmen nicht. Die tatsächliche Zahl liegt doch viel höher. Stattdessen werden jetzt auf dieser Basis die Eingliederungshilfen gekürzt. Das ist der falsche Weg.

 
 

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