Medizinisch mehr auf alte Patienten einstellen

Das Pflegepersonal in den Hagener Krankenhäusern arbeitet am Anschlag. Der Mindestpersonalschlüssel ist in den meisten Häusern erreicht. Das sorgt dafür, dass für viele Patienten weniger Zeit bleibt.
Das Pflegepersonal in den Hagener Krankenhäusern arbeitet am Anschlag. Der Mindestpersonalschlüssel ist in den meisten Häusern erreicht. Das sorgt dafür, dass für viele Patienten weniger Zeit bleibt.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was braucht Hagen? Hagen braucht mehr geriatrische Spezialisierung und weitere Zentrenbildung. Das Personal arbeitet am Anschlag.

Hagen. Gesundheit, das spüren wir bei unserer Befragung und bei allen Gesprächen mit Medizinern und Verantwortlichen aus der Praxis, ist ein unglaublich vielschichtiges Thema – besonders in Hagen, einer Stadt, die stetig älter wird.

Genau das ist auch der größte Knackpunkt, wenn man in Sachen Gesundheit die Frage stellt: „Was braucht Hagen?“

Thema Alterspatienten

Diese Stadt wird älter, aber ihre medizinische Versorgung ist nicht weit genug, dass sie allen Symptomen von Alterspatienten auch gerecht werden kann. Zwar gibt es im Marienhospital eine geriatrische Abteilung, „aber die altersgerechte Versorgung rund um Operationen ist in Hagen absolut ausbaufähig“, sagt Dr. Reiner Markgraf, Chefarzt für Innere Medizin am Allgemeinen Krankenhaus.

Hagen brauche ein Großklinikum, in dem all diese Versorgungsangebote gebündelt werden müssten. Im Sinne kurzer Wege und gebündelter Expertise für Alterspatienten. Hagen brauche solche gebündelte Spezialisierung auch, um im Wettbewerb mit dem Ballungszentrum Ruhrgebiet nicht hinterher zu laufen.

Thema Zentrumsbildung

Bei den Themen Darm- und Brustkrebs ist Hagen mit den dazugehörigen Zentren schon gut aufgestellt. „Aber Zentren müssen in allen Fachbereichen noch viel öfter geschaffen werden“, sagt AKH-Chef-Chirurg Thomas Gelis.

„Zum Beispiel ein alle Krankenhäuser übergreifendes Herzzentrum, das über den bestehenden Katheter-Bereitschaftsdienst hinausgeht. „Wir haben bald zum Beispiel drei Endo-Prothesen-Zentren in Hagen. Da sind wir zu zersplittert. Wenn wir Expertise bündeln, stärkt das den gesamten Standort Hagen.“

Thema Personal

In allen Hagener Krankenhäusern arbeitet das Pflegepersonal auf Hochdruck und teilweise am Anschlag. Unsere Leser erkennen diese Leistung in unserer Befragung an und akzeptieren damit auch, dass für den einen oder anderen Patienten schlichtweg viel zu wenig Behandlungszeit bleibt.

„Wir sind beim Mindestpersonalschlüssel angelangt. Es gibt eine hohe Arbeitsverdichtung in den Häusern“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Timmermann, Ärztlicher Direktor am AKH. Einen Springer-Pool könne man sich heute nicht mehr leisten. Im Grunde brauchen die Hagener Häuser dringend eine Personalaufstockung

Thema Jugendpsychiatrie

Hagen benötigt ganz dringend weitere Jugendpsychiater. Davon gibt es nur einen in der Stadt, was dafür sorgt, dass viel zu viele Kinder, die zum Beispiel in der Schule auffallen oder in Familien leben, in denen viele psychische Probleme vorliegen, viel zu spät begutachtet werden. „Eine psychiatrische Ambulanz wäre zudem in Hagen sinnvoll. Zum Beispiel angedockt an die bestehende Kinderklinik“, sagt Monika Brück-Paschko, Leiterin des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes beim Gesundheitsamt.

Die Behörde würde es begrüßen, wenn übrigens viel mehr Einrichtungen wie Kitas, Schulen und Betriebe die präventiven Angebote des Gesundheitsamtes wahrnehmen würden. „Auch wenn viele Institutionen es schon wahrnehmen. Hagen braucht noch viel mehr medizinische Aufklärung“, sagt Richard Matzke vom Hagener Gesundheitsamt.

„Großklinikum könnte Hagens Attraktivität für Ärzte erhöhen“

Gastbeitrag Dr. Claudia Sommer, Leiterin Gesundheitsamt

„Es wird immer schwieriger, gute und junge Ärzte nach Hagen zu locken“, sagt Dr. Claudia Sommer, Leiterin des Hagener Gesundheitsamtes.

„Zum einen entstehen auf dem bundesweiten offenen Markt hohe Preisforderungen, zum anderen hat der Standort Hagen gegenüber größeren und aus Ärztesicht attraktiveren Städten oft schlechte Karten. Ein Großklinikum, das ein größeres Spektrum an Ausbildungsmöglichkeiten böte, könnte die Attraktivität in diesem Bereich deutlich erhöhen. Aber diese Idee ist ja vorerst wieder vom Tisch.

Auch als Kommune wird es schwieriger, Ärzte zu finden, weil die Schere zwischen den tariflich fixierten Gehältern und den Summen auf dem freien Markt immer weiter auseinander geht. Was Hagen dringend bräuchte, wären weitere Psychiater und Psychotherapeuten. Die Zahl der Krankheitsfälle in diesem Bereich steigt mehr und mehr an und mittlerweile wartet man auf einen Termin beim Psychiater fast drei Monate.

Dazu kommt, dass die Alterstruktur bei fast allen niedergelassenen Ärzten in Hagen sehr hoch ist. Bei vielen steht in den nächsten Jahren die Schließung der Praxis bevor. Und dann? Wie lange kann das gut gehen? Es ist sehr, sehr schwierig, in Hagen Nachfolger für Ärzte zu finden, die ausscheiden.“

„Bessere Strukturen für Alterspatienten schaffen“

Gastbeitrag Dr. Reiner Markgraf, Chefarzt für Innere Medizin

„Hagen befindet sich in einem Wettbewerb mit dem Ballungszentrum Ruhrgebiet“, sagt Dr. Reiner Markgraf, Chefarzt für Innere Medizin am AKH.

„Vor diesem Hintergrund müssen in der immer älter werdenden Stadt Hagen bessere Strukturen zur Behandlung von Alterspatienten geschaffen werden. Es gibt zwar eine Geriatrie, aber wo gehen alte Patienten hin, die spezialisierte Medizin benötigen? Ein 85-Jähriger mit Oberschenkelhalsbruch kann zum Beispiel nicht einfach durch die chirurgische Brille betrachtet werden, er hat wahrscheinlich noch mehr internistische Probleme.

Es bedarf daher vermehrt interdisziplinär arbeitender Teams, Fachabteilungen oder Zentren, die vor Ort mit altersmedizinischer Kompetenz verknüpft sind. Nach operativen Eingriffen oder längeren sonstigen Klinikaufenthalten wäre eine tagesklinische Versorgungsmöglichkeit für alte Menschen wünschenswert. Quasi eine Lösung zwischen Akutversorgung und Reha.

So eine Einrichtung müsste an einem Krankenhaus liegen, damit die Wege für die Patienten kürzer werden. So eine Tagesklinik wäre wichtig für den Standort, weil sie dem Eindruck entgegenwirken würde, dass man als alter Mensch für eineoptimale Folgebehandlung in andere Städte fahren muss.“

 
 

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