Kirche befragt Priester nach ihrer psychischen Verfassung

Foto: WP Michael Kleinrensing

Hagen. Acht Stunden. Zehn Stunden. Zwölf Stunden. Der Zeitumfang ist nicht die Antwort auf den Fragebogen des Erzbistums Paderborn, der jüngst in den Briefkasten von Dechant Dieter Osthus flatterte. Die Studie soll erheben, in welcher psychischen und physischen Verfassung sich die heimischen Priester befinden. Osthus sieht in diesem Zusammenhang weitreichendere Probleme, vor denen nicht nur die Geistlichen im Einzelnen, sondern die gesamte Institution Kirche steht.

Dieter Osthus könnte lamentieren. Über zu wenig Personal. Über immer größer werdende Zuständigkeitsgebiete. Über stetig steigende Anforderungen an die Geistlichen. Er betreut vier Gemeinden in Hagen, ist noch dazu Dechant. Insofern wäre der vom Hagener Pastoralpsychologen Christoph Jacobs entworfene Fragebogen, der die emotionalen Befindlichkeiten der Priester abklopft, eine willkommene Gelegenheit zu lauterer Kritik.

„Das ist aber nicht das Problem, über das wir diskutieren sollten“, sagt Dieter Osthus. Denn die Kirche, und da ist er mit den Äußerungen des verstorbenen Kardinals Carlo Maria Martini konform, diene nur noch sich selbst und nicht mehr dem Menschen.

Geistliche als Verwalter

„Unter der vielen Asche, die auf unserer Kirche liegt, gibt es immer noch eine Glut. Um sie zu entfachen brauchen wir aber Menschen, die glühen“, beschreibt der Dechant die Problematik metaphorisch. Im Klartext soll das heißen: Die Kirchen sind leer, die Menschen entfernen sich weit von den Sakramenten und die Geistlichen mutieren von Inspiratoren zu Verwaltern.

8500 Mitglieder haben die von Osthus geleiteten Gemeinden im Nord-Westen Hagens. Fünf bis acht Prozent davon kommen in die Messen. Osthus verweist noch einmal auf ein Zitat des Kardinals Martini: „Unsere Kultur ist alt, unsere Kirchen sind groß, Häuser sind leer, die Organisation wuchert, unsere Gewänder sind prächtig. Doch drücken sie aus, was wir heute sind?“ Osthus glaubt es nicht. Oder nicht mehr.

Denn: Vor zwanzig Jahren seien die Gotteshäuser voller gewesen. „Ich habe Angst um die Zukunft. Höheren Verwaltungsaufwand kann ich delegieren, aber einen Paradigmenwechsel herbeizuführen, dafür braucht es Menschen, die Visionen umsetzen.“

Das wiederum führt zurück zum Fragebogen des Erzbistums. Darin wird auch nach „Druck“ gefragt. „Ja, das ist etwas, was bei Priestern zu psychologischem Druck führt. Diese Diskussion sollten wir eher führen als die über Einsamkeit und Leistungsdruck.“

Menschen gesucht

Menschen sind also gesucht. Menschen, die beseelt sind von einer Idee. Das könnten laut Osthus normale Gemeindemitglieder sein. Aber auch, oder vor allem, an Priestern fehle es. „Wir müssen in diesem Zusammenhang auch darüber diskutieren, ob sich der Zölibat nicht in einer Krise befindet. Und wie gehen wir mit Geschiedenen um, die zur Kommunion gehen möchten? Wir müssen eine neue Lebensform für Priester finden“, sagt Osthus.

Der Leistungsdruck auf die Geistlichen wird steigen. 2015/2016 werden die pastoralen Räume im Dekanat von neun auf vier reduziert. Weniger Priester arbeiten dann auf noch mehr Fläche.

„Wir“, ist sich Dieter Osthus sicher, „können diesen Spagat zwischen mehr Verwaltung und Versorgung und der Neuausrichtung der Kirche nicht alleine schaffen.“ Es sei nicht so, dass die Menschen nicht auf der Suche seien, sagt Osthus. „Wir müssen aber das Ohr an die Zeit kriegen und einen besseren Glaubenszugang für den modernen säkularisierten Menschen schaffen.“

 
 

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