Kinder brauchen Rituale: Singen gehört dazu

Da macht Einschlafen Freude. Der Künstler Frank Walka interpretiert „Der Mond ist aufgegangen“.
Da macht Einschlafen Freude. Der Künstler Frank Walka interpretiert „Der Mond ist aufgegangen“.
Foto: Carus-Verlag / Frank Walka
Unser Liederprojekt geht in eine neue Runde: Woche für Woche stellen wir nun ein deutsches Schlaflied vor.

Hagen.. Das Singen von Wiegenliedern ist eines der schönsten abendlichen Rituale mit kleinen Kindern. Doch viele Schlaflieder geraten zunehmend in Vergessenheit. Deshalb widmen wir die neue Staffel unseres crossmedialen Liederprojektes ab heute deutschen Wiegenliedern. Bis zum 1. Advent stellen wir jeden Samstag ein neues Schlaflied vor. Diese müssen natürlich keineswegs nur abends gesungen werden. Auch im Kindergarten oder in der Grundschule gibt es viele Anlässe, ein Wiegenlied in den Tagesablauf zu integrieren, um für einige Momente zur Ruhe zu kommen.

Kinder brauchen Rituale

Viele Eltern ersetzen heute das Wiegenlied durch die Spieluhr, die am Bettchen hängt. Das ist nicht unbedenklich, denn diese Spieluhr-Melodien erklingen oft viel zu laut, sind auf die Ohren von Erwachsenen ausgerichtet. Das hoch empfindliche Gehör eines Babys können sie sogar schädigen. Deshalb sollten Spieluhren nie in unmittelbarer Nähe des Köpfchens gespielt werden.

Viel emotionaler als die Spieluhr ist es aber, wenn die Eltern oder Großeltern selber ihr Kind in den Schlaf singen oder das Aufwachen mit einem kleinen Lied begleiten. Denn gerade für Kinder sind Alltagsrituale wichtig. Das gemeinsame Abendessen, das Vorlesen vor dem Schlafengehen oder das regelmäßige Gutenachlied: Solche festgelegten Abläufe bringen Ordnung in den Alltag und vermitteln Sicherheit und Geborgenheit.

Der Krefelder Kinderarzt Jörg Baltzer sieht Rituale als eine Art Geländer, an dem man sich im alltäglichen Durcheinander festhalten kann. Das gelte besonders für Säuglinge, die noch keine Lebensroutine kennen und jeden Tag viel Neues erleben und erfahren. Für sie sind wiederkehrende Eindrücke wie das tägliche Bad, die vertrauten Gesichter und das allabendliche Gutenachtlied wichtig.

Vor und nach dem Schlafen brauchen Kinder Zeit, um sich mit sich selbst und ihrer Umwelt zurechtzufinden. Die Müdigkeit macht sie oft quengelig, sie müssen erst entspannen und vielleicht sogar weinen, bevor sie das Wachsein loslassen können. Nach dem Aufwachen sind sie oft noch desorientiert, fühlen sich möglicherweise sogar einsam. Diese Übergangssituationen können Eltern auffangen, indem sie ihr Kind mit kleinen Sprüchen und Liedern zum Schlafen bringen und nach dem Aufwachen begrüßen. Solche Rituale helfen übrigens auch den Eltern, den Tagesablauf einzuteilen und im Umgang mit dem Kind eine gewisse Selbstverständlichkeit zu entwickeln.

Alle Kulturen kennen Wiegenlieder

Möglicherweise ist aus dem Ritual des In-den-Schlaf-Lullens sogar unsere menschliche Sprache entstanden. Denn alle Kulturen seit den frühesten Urzeiten kennen bestimmte Wiegen-Rhythmen und Silben wie „Eia“, die gesummt wurden, um Babys zu beruhigen. Kulturgeschichtlich enthalten Wiegenlieder über alle Grenzen hinweg gemeinsame Merkmale. Sie alle sind in einem schaukelnden Rhythmus gehalten, der die Bewegung des Wiegens nachahmt. Die Melodieführung ist eher beruhigend, hüpfende Sprünge und allzu große Ausgelassenheit werden im Schlaflied vermieden. Dafür sind die Melodien oft sehr eingängig und können schnell mitgesummt werden.

So ist es kein Wunder, dass es nicht nur eine Vielzahl von volkstümlich überlieferten Wiegenliedern gibt, sondern dass auch viele Komponisten eigene Wiegenlieder geschrieben haben. Von „Abend wird es wieder“ bis „Nun ruhen alle Wälder“ haben wir die schönsten von ihnen für Sie ausgesucht. Beim Mitsingen und Vorsingen sollte man eines nicht vergessen: Man ist nie zu alt für ein Wiegenlied.

EURE FAVORITEN