Jörn Klares Heimweg ist 600 Kilometer lang

Jörn Klare wanderte 600 Kilometer von Berlin nach Hohenlimburg.
Jörn Klare wanderte 600 Kilometer von Berlin nach Hohenlimburg.
Foto: Michael Schuh

Hohenlimburg..  Was – und vor allem wo – ist Heimat? Diese Frage beschäftigt fast jeden Menschen irgendwann einmal, so auch den gebürtigen Hohenlimburger Jörn Klare. Der 50-Jährige, der seit 29 Jahren in Berlin lebt, beantwortete sie jedoch auf ganz eigene Art. Er packte seinen Rucksack, zog sich die Wanderschuhe an und ging von seinem Wohnort an der Spree zurück zu seinen Wurzeln an der Lenne. Ein Fußmarsch von einem Monat, auf dem Klare viele Gedanken und Gespräche notierte. Die sollen im Frühjahr in Form eines Buches und als Radioreportage unter dem Titel „Nach Hause gehen“ erscheinen.

Unsicherheit lässt ihm keine Ruhe

Die Idee zu dem ungewöhnlichen Projekt kam dem Journalisten, als er mit seiner Frau darüber nachdachte, in Berlin eine Wohnung zu kaufen. „Da stellte sich mir plötzlich die Frage: Empfinde ich Berlin eigentlich als Heimat?“, denkt Klare, der 21 Jahre in Oege wohnte, zurück. „Zu meiner Überraschung lautete die Antwort: Nein, eigentlich ist das immer noch Hohenlimburg.“ Doch die Unsicherheit ließ ihm keine Ruhe: „Ich wollte der Sache im wahrsten Sinne des Wortes nachgehen.“

So machte sich der Vater von zwei Töchtern am 30. April auf den 600 Kilometer langen Weg durch Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Die Vorbereitungen für die Wanderung waren vor allem theoretischer Natur: „Denn ich treibe ohnehin regelmäßig Sport.“ Deshalb hielten sich auch die Nebenerscheinungen mit ein paar Blasen in überschaubaren Grenzen.

Unterwegs lernte der gebürtige Hohenlimburger fast so viele unterschiedliche Auffassungen von Heimat wie Menschen kennen. So bezeichnete ein Professor aus Sachsen-Anhalt Halberstadt als seine Heimat. „Der Grund dafür war schon originell“, schmunzelt Klare, „denn der lautete: ‘In keinem anderen Ort der Welt als in Halberstadt gibt es mehr Menschen, die mich verstecken würden, falls die Polizei mich suchen sollte.“

Klare durchquerte Dörfer namens „Elend“ oder „Alte Hölle“, sprach mit jungen und alten Leuten, mit Asylbewerbern und Vertriebenen, wollte die Meinung von Heimatvereins-Mitgliedern ebenso erfahren wie die von Menschen, die sich nicht in ihrem Wohnort engagieren. Ein 86-jähriger Benediktiner-Mönch aus Meschede erzählte, dass seine Heimat heute in der Ewigkeit liege; aber erst der Verlust seiner Herkunftsregion Schlesien habe ihn einst dazu bewegt, ins Kloster zu gehen. „Und dann“, fährt Jörn Klare fort, „sagte der alte Mann einen bewegenden Satz: ‘Sie sind in 60 Jahren der Erste, der mich nach meiner Heimat gefragt hat.“

Kurz vorm Erreichen des Ziels am 31. Mai machte der Wahl-Berliner noch einen Halt in Wiblingwerde, wo er sich das Fußballspiel TuS Wiblingwerde gegen TuS Stöcken-Dahlerbrück II anschaute. Denn auch Lokalsport ist ein Stück Heimat – egal, in welcher Liga.

Treffen mit alten Freunden

In Hohenlimburg verweilte der Familienvater vier Tage und traf sich unter anderem mit alten Freunden, um mal wieder Doppelkopf zu spielen. „Wie früher eben.“ Außerdem wohnte er den Proben eines Hohenlimburger Amateurtheaters in der Realschulaula bei; nicht zuletzt, da der Titel des Stücks geradezu für Klares Projekt maßgeschneidert schien: „Unsere kleine Stadt“.

Nach jeder Menge Kilometern und noch mehr Gedanken zieht Jörn Klare nun ein Fazit: „Heimat kann vieles sein. Unter anderem der Ort, für den man bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Das ist mir unterwegs klar geworden; deshalb werde ich mich demnächst mehr zu Berlin bekennen und mich in unserem Viertel engagieren.“

Und wo möchte er selbst einmal begraben werden? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Neben meiner Frau.“

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