Jäger geht auf der A 1 auf Jagd

Joachim Karpa
Groß angelegte Kontrolle von Lastwagen an der A 1 in Hagen.
Groß angelegte Kontrolle von Lastwagen an der A 1 in Hagen.
Foto: Funke Foto Services
  • Innenminister will Druck auf Fälscher von Fahrtenschreibern erhöhen
  • Groß angelegte Kontrolle von Lkw an der Raststätte Lennhof in Hagen
  • Technisch Manipulationen Ursache für Unfälle am Ende von Staus

Hagen. Beifang. So würden Fischer es nennen. Beim 43-jährigen Fahrer aus dem westafrikanischen Guinea-Bissau gibt es nichts zu bemängeln. Die Papiere sind in Ordnung. Lenk- und Ruheezeiten hat der Mann eingehalten. Ohne Ladung ist er mit seinem 40-Tonner auf dem Rückweg nach Saragossa in Spanien. Zwei Reifen aber sind völlig abgefahren. An eine Weiterfahrt ist nicht zu denken. Keine Chance. Die Polizei zieht die Papiere ein, schraubt die Kennzeichen ab. Der Wagen ist stillgelegt. Nur mit neuen Reifen und nach Bezahlung eines Bußgeldes von 115 Euro darf er weiterfahren. Ohne Wohnsitz in Deutschland muss bar gezahlt werden. Ein kleiner Fisch.

Ursache für Unfälle am Stauende

Innenminister Ralf Jäger (SPD) will, dass die dicken Fische ins Netz gehen. Speditionen, die ohne Skrupel den Lkw technisch so manipulieren, dass elementare Funktionen wie der Abstandstempomat oder das elektronische Bremssystem nicht mehr funktionieren.

Warum das von Unternehmen gemacht wird? „Um die Überschreitung der Lenkzeiten am Steuer zu vertuschen“, sagt der Minister, „und die Ruhezeiten nicht einzuhalten. Das ist hoch kriminelles Verhalten, um sich Vorteile zu verschaffen.“ Auch wenn in der Speditions- und Logistikbranche großer Termindruck herrsche, könne dies keine Ausrede sein, um den Fahrtenschreiber mit Magneten zu verfälschen.

Der 55-Jährige will nicht die ganze Branche kritisieren. Er will Zeichen setzen, will den Druck auf die Verkehrssünder erhöhen. So ist die Autobahnpolizei Dortmund, der Zoll, das Bundesamt für Güterverkehr und die Bezirksregierung am Freitag mit einem Großaufgebot zur Raststätte Lennhof an der A 1 in Hagen Fahrtrichtung Köln ausgerückt, um sechs Stunden lang, Lkw, die Fracht und die Fahrer unter die Lupe zu nehmen.

94 Verkehrsunfälle mit Lkw

Auslöser vermehrter Schwerpunktkontrollen in den nächsten Wochen ist die Bilanz des Schreckens in den ersten sechs Monaten dieses Jahres auf den Autobahnen des Landes. Es gab 94 Verkehrsunfälle, in denen Lastwagen ungebremst in das Ende eines Staus donnerten. Sieben Menschen starben, mehr als 100 wurden verletzt. Jäger: „Dabei nimmt die technische Manipulation am Lkw bei den Ursachen für solche Unfälle eine immer größere Rolle ein.“

Dass die Entwicklung so ist, wie sie ist, bestätigt Spediteur Rudi Stegemöller aus Dortmund: „Ich will die Branche nicht anschwärzen, aber der Preiskampf ist enorm. Wer am billigsten ist, der bekommt der Auftrag. Entsprechend wird am Personal gespart. Es besteht Handlungsbedarf. Ich finde gut, wenn häufiger kontrolliert wird.“ Das wäre im Sinne von Dirk Anders, Leiter der Schwerlastprüfgruppe der Autobahnpolizei Dortmund. Personell sind dem 51-Jährigen Grenzen gesetzt. „Wir sind zehn Mann, zuständig für 540 Kilometer Autobahn.“

Personal der Polizei überschaubar

Er malt den überschaubaren Kontrolldruck nicht aus, deutet an, wie wenig in Wirklichkeit möglich ist, „wenn die Kontrolle eines Lastzuges von dreißig Minuten bis zu zwei Stunden dauern kann“. Wer den laufenden Betrieb verfolgt, sieht es. Sechs Wagen werden kontrolliert, Hunderte fahren vorbei. Dass die Veränderungen, mit Eingriffen in die Software des Lastwagens nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, ist Minister Jäger bewusst: „Der Wach- und Wechseldienst kann das nicht leisten. Wir brauchen Spezialisten, um diese Manipulationen aufzudecken.“

An diesem Morgen geht es um andere Delikte. Abfall zum Beispiel: „An Sündern bei der Entsorgung von Müll fehlt es nicht“, sagt Eberhard Schulte von der oberen Abfallwirtschaftsbehörde der Bezirksregierung Arnsberg. Der 51-Jährige schickt einen Lkw aus der Slowakei zurück nach Kassel. Die Ladung soll aus Metallteilen bestehen. „Es sind Waschmaschinen und Staubsauger, die ins Ausland gebracht werden sollen. Elektroschrott.“ Was folgt? Ein Strafverfahren, und eine Sicherheitszahlung von 500 Euro. Beifang eben.