Integration ist gerade für Hagen eine Mammutaufgabe

Deutschunterricht mit Wörterbuch: In Auffangklassen wie hier an der Hauptschule Remberg werden Kinder aus Zuwandererfamilien in den Schulalltag integriert.
Deutschunterricht mit Wörterbuch: In Auffangklassen wie hier an der Hauptschule Remberg werden Kinder aus Zuwandererfamilien in den Schulalltag integriert.
Foto: Ralf Rottmann/Funke Foto Services
In Teil 2 unserer Serie "Was braucht Hagen" geht es um Integration. In kaum einer anderen NRW-Stadt leben so viele Menschen mit Migrationshintergrund.

Hagen. „Hagen ist bunt“, heißt ein Aktionsbündnis, das sich im sozialen Netzwerk Facebook formiert hat und dessen Mitglieder sich nach Kräften in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Und der Name dieses Zusammenschlusses von Ehrenamtlichen unterstreicht eine Tatsache, die sich durch die aktuellen Zuzüge aus den Kriegs- und Krisengebieten sowie durch Migration aus Südosteuropa manifestiert: Kaum in einer anderen Stadt in Nordrhein-Westfalen leben prozentual gesehen so viele Menschen mit Migrationshintergrund wie in Hagen. Jene, die einen ausländischen Pass haben, und jene, die bereits die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben.

30.547 Ausländer leben aktuell in Hagen

30.547 Ausländer haben derzeit ihren Wohnsitz in der Stadt, 15 772 davon haben einen Pass eines Mitgliedstaates der Europäischen Union und dürfen sich von daher im Rahmen der Arbeitnehmerfreizügigkeit in Hagen aufhalten. Sie haben dann die gleichen Rechte wie deutsche Staatsangehörige.

6065 EU-Bürger sind allein in den letzten fünf Jahren nach Hagen gekommen: 2212 aus Rumänien, 1153 aus Polen und 725 aus Bulgarien. Die Zahl der Rumänen wird bald 2500 überschreiten. Damit werden sie bezogen auf die Nationalität zur fünftgrößten Gruppe hinter Türken, Griechen, Italienern und Polen. Allein 2015 sind 1810 Rumänen zugezogen, allerdings haben auch 450 Rumänen die Stadt verlassen (Stand: 31. August).

850 Asylbewerber, die der Kommune zugewiesen worden sind, leben neben jenen Flüchtlingen in Hagen, die in Notunterkünften des Landes wie in Delstern oder auf dem Spielbrink untergebracht sind. Die meisten von ihnen stammen aus Serbien (105), aus dem Kosovo (104) und aus Albanien (68), aus Afghanistan (62) und aus Syrien (55).

Viele Leser sind bereit zu helfen

Wie aber kann es gelingen, diejenigen, die dauerhaft hier bleiben, zu integrieren? Bei der Befragung unserer Leser kommt viel Wohlwollen, viel Bereitschaft zur Mitarbeit an der Integrationsarbeit zum Vorschein – etwa über den Sport in Vereinen.

Aber es gibt auch Skepsis. Hagen hat einen hohen Migrationsanteil, in Teilen ist die Integration nicht gelungen. Es gibt Bedenken in der Bürgerschaft, wie jetzt der neue Schwung an Zuwanderung bewältigt werden kann. Sprache sei zentral, sagt die CDU, die das Thema Integration auf politischer Ebene forcieren will. Der Zugang zum Arbeitsmarkt müsse erleichtert werden. Parallel dazu geht es darum, Kinder möglichst schnell an Schulen zu unterrichten. Wenngleich Jochen Becker, Leiter des Fachbereichs Bildung der Stadt, betont, dass Sorgfalt vor Eile gehe. „Wenn mir eine Schule erklärt, dass sie noch zwei Wochen brauche, um eine neue Auffangklasse vernünftig vorzubereiten, dann sind das im Zweifel zwei gut investierte Wochen.“

563 Kinder werden in Auffangklassen unterrichtet

563 Kinder werden nach Auskunft des kommunalen Integrationszentrums (zentrale Anlaufstelle u.a. in Schulfragen) im Bereich der Primarstufe in 17 Auffangklassen unterrichtet, 560 im Sekundarbereich in derzeit 25 Klassen und 108 an Berufsschulen in sieben Auffangklassen. Angesichts dieser Zahlen spricht Becker von einer Mammutaufgabe und lobt das Engagement der Schulen.

Vor einer ähnlichen Herausforderung stehen auch die Kindertageseinrichtungen. 365 Kinder aus der Gruppe der EU-Zuwanderer und der Flüchtlinge werden laut Auskunft des Fachbereichs Jugend und Soziales bereits betreut, 784 Kinder noch nicht (478 U3, 306 Ü3). Sie sollen, so das Ziel der Stadt, möglichst schnell eine Kita besuchen. „Integration funktioniert durch Bildung“, sagt Dirk Hanusch, zuständig für die Kindergartenplanung, „das können wir durch eine frühe Kita-Betreuung erreichen.“

Rechtlich gesehen liegt die Entscheidung, ob sie ihr Kind in eine Einrichtung geben, bei den Eltern. Das macht Bedarfsplanung schwierig. Neue Einrichtungen sollen nicht gebaut werden, Not-Kitas in Containern hingegen sind denkbar.

„Wir müssen die Vielfältigkeit der Menschen anerkennen“

Sükrü Budak, Vorsitzender des Hagener Integrationsrats:

"Integration ist ein sozialer Prozess, für den wir alle verantwortlich sind. Es gilt, die Herausforderungen der Verschiedenheit anzunehmen. Integration ist nicht als Einbahnstraße zu verstehen.

Die Zahl der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte wächst. In Hagen haben mehr als 50 Prozent der Jugendlichen eine Zuwanderungsgeschichte. Sie sind für unsere Gesellschaft ein wichtiges Potenzial. Das muss die Wirtschaft erkennen.

Wenn unser Ziel das Zusammenwachsen ist, dann müssen wir die Vielfältigkeit der Menschen anerkennen. Dies bedeutet auch eine erfolgreiche interkulturelle Öffnung der Verwaltung. Zukünftig müssen vermehrt Jugendliche mit Migrationshintergrund für die Verwaltungslaufbahn angeworben werden.

Durch die Änderung der Landesverfassung haben die EU-Bürger das kommunale Wahlrecht bekommen. Mein Vater lebt seit 1968 in Hagen, und er darf immer noch nicht seinen Bürgermeister wählen.

Wir müssen das Leben der älteren Migranten in migrantengerechten Pflegeheimen gemütlich gestalten, sie sollen sich wohlfühlen. Diesen Menschen der ersten Generation haben wir sehr viel zu verdanken."

„Wer hier leben will, muss Gesetze und Regeln akzeptieren“

Christian Haase engagiert sich für Flüchtlinge:

"Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Was Hagen also braucht, sind in erster Linie Sprachkurse, und zwar möglichst schnell und möglichst viele.

Doch mit dem Erwerb der Sprache ist es nicht getan. Die wenigsten Migranten kennen sich mit Flurwochen, Mülltrennung und Nachtruhe aus. Wir brauchen Menschen, die bereit sind, neuen Mitbürgern unsere Spielregeln zu erklären.

Doch die Bereitschaft zum Miteinander kann und darf nicht nur auf einer Seite vorhanden sein. Wer in diesem Land leben möchte, muss unsere Gesetze und Regeln akzeptieren. Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Akzeptanz anderer Lebensweisen und Minderheiten sind wichtige Säulen unserer Gesellschaft – und sie gelten für alle Menschen, die in unserem Land leben. Daher ist es wichtig, dass Zuwanderer schnell darüber Bescheid wissen.

Integration kann nur gelingen, wenn Migranten auch in Kontakt mit Menschen aus unserer Heimat kommen. Wir brauchen Ehrenamtliche in den Notunterkünften, Paten für Familien, die in Hagen leben, Kontaktpersonen für Fragen rund um das Thema „Leben in Deutschland“."

 
 

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