In Hagen bundesweit erste Reha für Schlafkranke

Im Schlaflabor in Ambrock wird der Kopf des Patienten verkabelt, um den Schlaf genau analysieren zu können. Foto:MEISTERJAHN/Helios
Im Schlaflabor in Ambrock wird der Kopf des Patienten verkabelt, um den Schlaf genau analysieren zu können. Foto:MEISTERJAHN/Helios
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  • Klinik Ambrock schafft Reha-Station für Narkolepsie-Kranke
  • „Schlafkrankheit“ ist nicht heilbar
  • Bundesweit die erste spezielle Therapie

Ambrock.. Es ist ein Schreck-Moment: Der sportliche junge Mann ist eben noch am Netz hochgesprungen, hat versucht, beim ­Volleyballspiel den Ball zu bekommen. Dann sackt er in sich zusammen, die Muskeln erschlaffen. Wie tot liegt er am Boden, Sekunden später steht er wieder auf. Der Mann leidet an Kataplexie, einem kurzzeitigen totalen Kontrollverlust über die Muskultur, die die Körperspannung ermöglicht – und das bei vollem Bewusstsein. Ausgelöst durch Emotionen, wie dem Ärger über den verpassten Ball.

Die Kataplexie ist ein Symptom der Narkolepsie – im Volksmund „Schlafkrankheit“ genannt. In der Hagener Helios-Klinik in Ambrock ist nun die deutschlandweit erste Rehabilitationsstation für Narkolepsie-Erkrankte aufgebaut worden. Das Ziel von Leiter Dr. Ulf Kallweit (41) und seinem Team: Den Betroffenen dieser bislang nicht heilbaren Krankheit wieder mehr Kontrolle über ihren Körper ermöglichen.

Müdigkeit, auch unerwünschte Müdigkeit, kennt jeder. Narkolepsie hingegen hat eine ganz andere Schlagkraft (zu den Ursachen siehe Zweittext). „Die Betroffenen schlafen beim Essen ein oder ­mitten im Gespräch“, weiß Dr. Ulf Kallweit, der das Video von dem zusammensackenden Volleyballspieler zeigt und seit Mai stellvertretender Chefarzt der Neurologie in Ambrock und Leiter der Schlafmedizin ist. „Sie schlafen gegen ihren Willen ein, können sich dagegen nicht wehren.“

Dabei schlafen Betroffene in der Summe gar nicht unbedingt mehr als gesunde Menschen. Sie schlafen allerdings immer wieder tagsüber ein, mal nur Sekunden, mal auch 20 Minuten. Und auch der Nachtschlaf ist gestört. Wenn die Kataplexie dazu kommt, dann wird der Alltag noch schwieriger. Lachen, Weinen, Freude, Ärger – das können alles Auslöser sein, die die Betroffenen wegsacken lassen.

Hohe Dunkelziffer

Einer von 2000 Menschen, so Kallweit, leide nach Schätzungen unter Narkolepsie. Die Dunkeziffer sei aber hoch, weil es häufig nicht die richtige Diagnose gebe, Hausärzte die Krankheit oft auch nicht richtig erkennen könnten. Hier will die Helios-Klinik in Ambrock weiter helfen: Im modernen neurologischen Schlaflabor bringen exakte Messungen Sicherheit.

Mit der sicheren Diagnose soll dann in der neuen Rehabilitations-Abteilung vor allem Hilfestellung gegeben werden, um den Alltag besser meistern zu können. „Die Schul- und Berufssituation ist für die Betroffenen sehr schwierig“, sagt Dr. Ulf Kallweit. Er selbst habe schon bei Arbeitgebern angerufen, um diese aufzuklären, dass die Erkrankten ja nicht unter intellektuellen Defiziten leiden.

In der zunächst auf drei Wochen ausgelegten Reha gehe es darum, die Betroffenen zu stärken, offensiv mit ihrer Krankheit umzugehen. „Ich weiß von Betroffenen, die sich im Büro auf der Toilette einschließen, wenn sich eine Schlaf­attacke angekündigt“, sagt Kallweit. „Es kann doch nicht sein, das so etwas heute noch nötig ist.“ Vielmehr müsse es darum gehen, dass ein Betroffener es in seine Tagesplanung einarbeite, wenn er etwa in der Regel immer um 10 Uhr zu solch einer Schlafattacke neige.

Mit verschiedenen Therapien, mit Sport und Ernährungsinformationen, so Kallweit, sollten den Patienten Werkzeuge an die Hand gegeben werden, um sich selbst wieder besser steuern zu könne. „Was die Betroffenen hier gelernt haben, das können sie in ihren Alltag mitnehmen.“ Dabei helfe die Zusammenarbeit mit den anderen Disziplinen auf dem Klinikgelände im Hagener Süden.

Viele Therapieelemente sind also schon bekannt, dass aber Narkolepsie-Patienten so intensiv in den Mittelpunkt gerückt werden, ist deutschlandweit bislang einzigartig. „Und auch im europäischen Ausland ist mir in der Form nichts bekannt“, sagt Dr. Ulf Kallweit. Zwölf Patienten gleichzeitig können in der neuen Station stationär behandelt werden.

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