Illegale Müllkippen boomen - und Hagen ist ratlos

Hubertus Heuel
Jaqueline Jargusch (Sprecherin HEB), Anwohner Arnd Rösler und Ratsherrr Sven Söhnchen suchen nach Mittel gegen die wilden Müllabkipper.
Jaqueline Jargusch (Sprecherin HEB), Anwohner Arnd Rösler und Ratsherrr Sven Söhnchen suchen nach Mittel gegen die wilden Müllabkipper.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Etliche Straßen in Hagen entwickeln sich zu Depots für Müllablagerungen. In der Schillerstraße wurden teilweise sogar Firmenfahrzeuge beobachtet, die ihren Abfall am Straßenrand abladen. Doch wie der unzulässigen Müllbeseitigung beizukommen ist - darauf hat niemand eine Antwort.

Hagen. Aber hallo, wo sind wir denn hier? Werner König, Chef des Hagener Entsorgungsbetriebes (HEB), glaubte nicht recht zu sehen. Da hielt doch ein Fahrzeug des Roten Kreuzes in der Schillerstraße, ein Mitarbeiter langte in den Container für Altkleider, förderte einige Gegenstände, die dort offenbar nicht hineingehörten, zu Tage und schleuderte sie vor den Augen des konsternierten HEB-Leiters - pratz! - auf den Bürgersteig: eine zerfledderte Puppe, Folie, eine Dachlatte, ein Farbeimer. Als König hinzueilte, um den Rot-Kreuzler zur Rede zu stellen, wurde er von diesem ebenso unbefangen wie selbstsicher belehrt: „Wir dürfen das.“

Wie bitte, das Rote Kreuz darf seinen Müll mitten auf dem Gehsteig entsorgen? Während der perplexe König zum Handy griff um den Vorfall aufzuklären, brauste der DRK-Mann siegessicher zum nächsten Einsatzort. Und tatsächlich erhielt er später Rückendeckung von DRK-Vorstand Jürgen Hecht: „Es gab eine Übereinkunft mit dem HEB, dass wir unsachgemäßen Abfall aus den Altkleidercontainern in der Schillerstraße abladen dürfen.“

Unrat neben den Containern

Im Hauptquartier des Entsorgungsbetriebs in der Fuhrparkstraße weiß man allerdings nichts von einer derartigen Absprache: „Das wäre ja Unfug vor dem Herrn und völlig schizophren“, so HEB-Sprecherin Jacqueline Jagusch. Auch caritative Einrichtungen dürften sich nicht auf diese Weise unerwünschter Beigaben aus ihren Sammelstellen entledigen. Auch beim DRK scheint diese Botschaft inzwischen angekommen zu sein: „Wir wissen, dass wir das in Zukunft zu unterlassen haben“, so Jürgen Hecht. Es sei aber auch nicht zu glauben, was verantwortungslose Zeitgenossen in die Altkleidercontainer werfen würden: „Wir haben schon Windeln, gebrauchte Spritzen und sogar tote Tiere gefunden.“

Auch ohne die DRK-Beigaben bereiten die Container an der Schillerstraße dem HEB viel Arbeit und Kopfzerbrechen. Denn der Standort hat sich zu einem Depot für wilde Müllablagerung entwickelt, vor allem gewerblicher Abfall wird hier regelmäßig in großen Mengen entsorgt. Arnd Rösler, der in der Nähe wohnt, beobachtet regelmäßig, dass sogar Firmenfahrzeuge mit MK- oder EN-Kennzeichen einen Stopp an der Örtlichkeit einlegen, um sich im großen Stil ihres Abfalls zu entledigen: „Es sieht oft aus wie Kioskmüll. Ich bin kein Denunziant, der andere Leute anschwärzt, aber es ist nicht einzusehen, dass der Müll hier illegal und auf Kosten der Allgemeinheit abgekippt wird.“ Rückendeckung erhält er von Sven Söhnchen, SPD-Ratsherr in Eckesey: „Das sind keine kleinkarierten Beschwerden. Die Bürger wollen wissen, was man gegen derlei Auswüchse unternehmen kann.“

Das muss angeprangert werden

Doch wie der unzulässigen Müllbeseitigung beizukommen ist, darauf hat niemand eine Antwort. Der HEB hat es schon mit Kontrollen und Detektiven versucht - vergeblich. Observierungskameras sind gesetzlich verboten. Patenschaften von Anwohnern, die die Umgebung der Container vor ihren Häusern regelmäßig säubern könnte, lehnte HEB-Chef König ab: „Es ist den Bürgern nicht zuzumuten, Gebühren zu zahlen und den Müll dann trotzdem noch persönlich zu beseitigen.“ Wer jedoch Augenzeuge des illegalen Treibens werde, solle augenblicklich Anzeige beim HEB oder bei der Stadt erstatten.

Tatsächlich sind die Sitten in einigen Straßenzügen regelrecht verwildert. Hans-Peter Mergard (68) aus der Helmholtzstraße in Altenhagen beklagt, dass die Grünflächen und Beete in der Umgebung wie selbstverständlich als Müllkippen missbraucht werden: „Meine Frau und ich beobachten täglich vom Fenster aus, wie Passanten allen möglichen Abfall zwischen die Pflanzen pfeffern. Das muss einfach mal angeprangert werden.“ Eine Mülltüte hängt mindestens drei Meter hoch in einem Baum - was vielleicht als Scherz gedacht war, erzeugt angesichts des überall liegenden Unrats ein abschreckendes Bild.

Fast scheint es, als hätten die Ordnungsbehörden vor der grassierenden Verschmutzung in den Straßen kapituliert.