Hinterfahrung hinterfragt

Die JuLis (Jungen Liberalen) jubeln: „Glücklicherweise scheint endlich die Zeit gekommen zu sein. Nach Jahrzehnten des Diskutierens und Wartens stehen die Zeichen sehr gut, dass die Hinterfahrung bald realisiert wird. Für Hagen ist dieses innerstädtische Großprojekt ein weiterer Schritt nach vorne“, meint die Kreisvorsitzende Anna Bergenthal. Im Hinblick auf ökologische wie auch städtebauliche Aspekte sei die Bahnhofshinterfahrung der richtige Schritt für Hagen.

Natürlich sind die Jungen Liberalen Politiker mit ihrer Meinung nicht alleine. Immerhin hat der Rat der Stadt den Antrag von Hagen Aktiv, die Bürger über den Bau oder eben Nichtbau der Hinterfahrung entscheiden zu lassen, in der letzten Sitzung vor den großen Ferien mit überwiegender Mehrheit abgelehnt. Und das auf ausdrückliche Empfehlung der Verwaltung. Es sei deutlich geworden, dass dieses Projekt nicht mehr am Anfang der Überlegungen stehe, sondern bereits zu einem nennenswerten Teil abgearbeitet wurde. Die Planungen seien weitgehend abgeschlossen, der Bauzeitenplan stehe und sobald der Bewilligungsbescheid im Rathaus eintrifft, werde mit dem Abbruch von Gebäuden das Baufeld frei gemacht. 1,5 Millionen Planungskosen und rund vier Millionen für den Grunderwerb wurden bereits ausgegeben, weitere 6,86 Millionen ständen für Erwerb und Entschädigung bereit. Sollte das Projekt aus welchen Gründen auch immer begraben werden, rechnet die Stadt mit Folgekosten von weiteren 15 Millionen Euro.

Enorme Summen, die der Vorstand der Bezirksgruppe Berg-Mark der Vereinigung Freischaffender Architekten allerdings nicht gut angelegt sieht. In mehreren Briefen hat Architekt und Stadtplaner Hartwig Brettschneider sowohl den Oberbürgermeister als auch die zuständigen Ministerien in Land und Bund auf angebliche Planungsfehler, Versäumnisse, falsche Voraussetzungen und nicht zuletzt viel zu gering kalkulierte Baukosten. Der für die Stadt „billigste Verkehrsplaner“ verursache jetzt die teuerste Lösung. Und die, so der Hagener Architekt, sei mit den veranschlagten 65 Millionen Euro nicht zu machen. Nach Einschätzung der Bezirksgruppe Berg-Mark betragen die Gesamtkosten bereits heute 80 Millionen Euro. Angesichts der Überschuldung der Stadt Hagen und der Schuldenlast des Landes ein guter Grund, das Projekt zurückzustellen. Denn als Projekt erster Priorität blockiere der erste Bauabschnitt die Entwicklung der Stadt über Jahrzehnte. Andere Stadtteile wie Altenhagen, Wehringhausen oder Oberhagen würden verwahrlosen.Die Chance, Wehringhausen an die Ennepe zu bringen, werde vertan. Darüber hinaus seien die meisten Bauwerke der verfolgten Variante entbehrlich. Und das in einer Stadt, die 2020 nur noch rund 170 000 Einwohner habe und deren Feinstaubbeslastung am Graf-von-Galen-Ring künstlich herbeigemessen werde.

Die Zahl der angeblichen Schwachpunkte, die Hartwig Brettschneider nennt, ließe sich noch lange fortsetzen. Mittlerweile hat der 1. Vorsitzende auch eine Reaktion aus dem Stadtentwicklungsamt erhalten, in dem das Aufstellen der Bebauungspläne als gut gereifter und juristisch wasserdichter Prozess beschrieben wird. Für Brettschneider allerdings kein Argument. In seiner Antwort lässt er Oberbürgermeister Jörg Dehm wissen, dass nur wenige Bürger die vorgestellte Planung verstehen würden. Und er setzt noch einen drauf: „Wir bezweifeln auch, dass die ehrenwerten Mitglieder des Rates die Planungen verstanden haben, was schon für Fachleute nicht einfach ist.“

Hoffentlich ist wenigstens kein Looping drin.

 
 

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