„Hinter jeder Stelle steht ein Mensch“

Andreas Reitmajer und Björn Josten
Redaktionsgespräch mit Thomas Köhler (stellv. Vorsitzender des Gesamtpersonalrates der Stadt Hagen) und Günter Brandau (Vorsitzender des Gesamtpersonalrates der Stadt Hagen)
Redaktionsgespräch mit Thomas Köhler (stellv. Vorsitzender des Gesamtpersonalrates der Stadt Hagen) und Günter Brandau (Vorsitzender des Gesamtpersonalrates der Stadt Hagen)
Foto: WR Schmettkamp
In Dortmund forderten die städtischen Personalräte den Rat jetzt in einem Alarmbrief zum Handeln auf: Ämter stünden aufgrund des Personalmangels vor dem Kollaps, Überlastung der Mitarbeiter und Wartezeiten der Bürger in den Amtsstuben sei die Folge. „Noch sind wir in Hagen nicht ganz so weit, aber wir werden genau dahin kommen“, befürchtet der Personalratsvorsitzende Günter Brandau.

Hagen.  Gemeinsam mit seinem Stellvertreter Thomas Köhler wurde er jüngst bis 2016 an der Spitze der Hagener Personalvertretung bestätigt. Vier weitere Jahre, in denen die Personalräte eine Menge Arbeit auf sich zukommen sehen. Denn der geplante Personalabbau in der Verwaltung sieht bis 2020 den Wegfall von rund 700 Stellen vor. In einem Redaktionsgespräch standen Günter Brandau und Thomas Köhler zu diesem Thema Rede und Antwort.

Oberbürgermeister Jörg Dehm würde bis 2020 gern auf rund 700 Köpfe verzichten, um so rund 21 Millionen Euro einzusparen. So ist es im Haushaltssicherungskonzept verankert. „Für mich ist nicht vorstellbar, wie das gehen soll“, sagt Thomas Köhler. „Wir sprechen hier nicht nur über Geld, sondern auch über Hände.“

Im Klartext bedeutet das, dass die Aufgaben, die die Stadt übernehmen möchte oder muss, auch von Mitarbeitern übernommen werden müssen. „In den Pflichtbereichen wie Feuerwehr oder Allgemeiner Sozialer Dienst müssen wir ohnehin verpflichtend nachbesetzen“, so Köhler. Andere Bereiche, wie die Reinigung mit ihren 500 Mitarbeitern, arbeiten kosteneffizient. Zahlreiche Kitas sind in städtischer Hand. „Das ist gut so. Wenn die freien Träger diese Aufgabe übernehmen, wird es nicht billiger“, so Köhler. Demnach müsste der Personalabbau allein in der zentralen Verwaltung – also Personalamt, Kämmerei, Zentrale Dienste etc. – gestemmt werden. „Das hieße dann, dass jede zweite Stelle wegfallen müsste“, so Günter Brandau.


Doch es gibt auch in diesen angespannten Zeiten Momente, in denen die Mitarbeiter Teilerfolge feiern können. „Unser Abschluss ist aber nur auf den ersten Blick erfreulich. Auf die Laufzeit gesehen, bekommen die Leute 2,77 Prozent mehr Lohn. Das ist nicht die Welt“, relativiert Brandau. „In den vergangenen zehn Jahren haben wir mit den Abschlüssen zehn Prozent verloren.“ Thomas Köhler hätte auch gern mehr für die Mitarbeiter herausgeholt, sieht aber auch die Zwänge der Stadt: „Natürlich sind einige enttäuscht, dass es nicht mehr geworden ist, aber dafür haben wir zum Beispiel den Reinigungsbereich gehalten.“

Überall müssen Löcher gestopft werden

Freiwilligendienste rücken immer mehr in den Fokus auch der Stadtverwaltungen. „Wir als Personalrat haben nichts gegen diese Angebote, wir möchten allerdings nicht, dass Tarifstellen wegfallen“, sagt Günter Brandau. Auch das Ehrenamt sieht Brandau durchaus kritisch. „Wenn Ehrenamtliche beispielsweise die Büchereien tragen, ist das ehrenwert, aber auch eine Qualitätsabsenkung. Dort auf das Ehrenamt zu setzen, ist für mich eine Schließung auf Raten.“

Erst am Mittwoch veröffentlichte die Verwaltung eine Pressemitteilung, in der sie Freiwillige im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes in den Bereichen Kultur, Soziales und Umwelt sucht. Die Freiwilligen sollen demnach im Kulturbüro, im Osthaus-Museum, in der Stadtbücherei, in der Gustav-Heinemann-Schule, in der Pflege- und Wohnberatung, im Seniorenbüro, im Spiel- und Sportpark Emst und im Kinder- und Jugendpark Haspe eingesetzt werden. „Hier sieht man doch schon, wo es drauf hinausläuft. Überall müssen irgendwie Löcher in der Personaldecke gestopft werden“, kritisiert Thomas Köhler. Dass die Dortmunder Verwaltung ihren städtischen Grünbereich nur halten kann, weil dort 120 Ein-Euro-Jobber tätig sind, ist für ihn kein Novum.

„Wir kriegen zurzeit ja nicht einmal unsere Telefonzentrale besetzt. Es gibt einfach keine Leute mehr in der Verwaltung, die man einsetzen kann, wenn irgendwo jemand ausgefallen ist. Jeder Amtschef und jeder Abteilungsleiter ist darauf bedacht, seine Mannschaft einigermaßen zusammenzuhalten, damit die Arbeit erledigt werden kann. Wer sich auf eine andere Stelle bewerben will, der wird nicht selten schief angeguckt.“

"Burn-out ist mittlerweile auch in der Verwaltung ein Thema"

Die Situation bei den Auszubildenden gestaltet sich weiterhin schwierig. „Wir prüfen derzeit, ob es einen einklagbaren Anspruch auf Übernahme gibt“, sagt Günter Brandau. Mit dieser Strategie hatten vorige Azubis bereits Erfolg. „Der OB ist aktuell aber nicht bereit, diejenigen mit guten Noten unbefristet zu übernehmen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass wir nicht den Versuch unternehmen, guten Nachwuchs zu halten.“

Burn-out ist mittlerweile auch in der Verwaltung ein Thema“, weiß Günter Brandau. Kürzlich hatte der Personalrat sechs Veranstaltungen zu diesem Thema angeboten. „250 Mitarbeiter sind gekommen. Das spricht eine deutliche Sprache“, so Thomas Köhler. Dabei sei man noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem nur noch Dienst nach Vorschrift gemacht wird. „Das wollen wir auch gar nicht erleben, denn dann wird es im Rathaus und in der Stadt zappenduster. Die Leute ackern und engagieren sich für diese Stadt. Deshalb haben viele diesen Berufsweg gewählt. Zum Beispiel im sozialen Sektor. Wenn aber die Arbeitsverdichtung dort so groß wird, dass die Mitarbeiter an ihre Grenzen geraten, dann wirkt sich das auf das gesamte Gemeinwesen aus“, fährt Köhler fort. Früher, so Brandau, hätte man den einen oder anderen Mitarbeiter mal aus der Schusslinie nehmen können, bis er wieder Kraft geschöpft habe. „Soziale Nischen gibt es nicht mehr. Wir haben keine Alternativen, wenn jemand seinen Dienst nicht mehr schafft, dann können wir nicht mehr helfen. Dann müssen wir sagen, geh’ zum Arzt und lass‘ dich krank schreiben.“

Verwaltung muss einschneidende Personalreduzierungen aushalten

Der Personalrat ist durchaus offen für Strategien, die die Effizienz der Stadtverwaltung erhöhen. „Allerdings bräuchte es zunächst eine Aufgabenanalyse. Wir können doch nur intelligente Lösungen finden, wenn wir auch wissen, was wir leisten sollen“, beklagt Thomas Köhler. „Wir können die Herausforderungen, die uns das Haushaltssicherungskonzept stellt, nur gemeinsam lösen: Politik, Verwaltung, Personalrat und Gewerkschaften“, sagt Brandau. „Dazu brauchen wir allerdings auch einen Chef, der sich vor seine Mitarbeiter stellt. Einen OB, der um 600 Leute reduzieren möchte ohne dass es der Bürger merkt, der ist da wenig hilfreich.“

Dass Jörg Dehm und seine Führungsebene die Auffassung vertreten, dass das System Verwaltung die einschneidende Personalreduzierung aushalten müsse, schmerzt die Personalräte am meisten. „Hinter jeder Stelle steht ein Mensch, der dann nicht mehr da ist. Wir sehen doch jetzt schon, dass unsere Parks und Straßenränder nicht mehr so gepflegt sind, wie es sein sollte, dass sich vor der Zulassungsstelle lange Schlangen bilden und dass die Busse nicht mehr so oft fahren. So etwas wirkt sich negativ auf das Image der Stadt aus.“ Geplant sei auch, die Zahl der städtischen Objektbetreuer zu reduzieren. Da habe aber niemand mal im Vorfeld eine plausible Berechnung vorgelegt. „Natürlich sparen wir auf den ersten Blick, wenn wir weniger Hausmeister beschäftigen. Aber wenn wir dann für jede kleine Reparatur an den Gebäuden oder für das Auswechseln einer Neonröhre jedes Mal einen Handwerker bestellen müssen, werden wir nicht sparen, sondern drauflegen“, meint Brandau.

Die Zwickmühle, in der das städtische Personal und insbesondere ihre Vertreter stecken, wird mit Blick auf die Beförderungen deutlich. 120 Mitarbeiter könnten noch in diesem Jahr befördert werden, so Köhler, wenn die Stadt die Haushaltssicherung genehmigt bekommt. Das passiert aber nur, wenn die Sparmaßnahmen und der damit einhergehende Personalabbau beschlossen sind.