Hinter jeder Akte steht ein Mensch

Eilpe.  Das Leben in Hagen vor 150 Jahren lief noch deutlich anders ab: Wenn man eine Infektion bekam, war man dem Tode nahe. Wenn man Zwillinge erwartete, konnte man sich auf den Tod der Kinder einstellen. Diese und viele andere Tragödien werden hinter verschlossenen Türen des Stadtarchivs in Eilpe festgehalten.

Mit diesen Geschichten des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigen sich Angelika Spallek und ihre Tochter Pola Gene. Sie arbeiten ehrenamtlich im Stadtarchiv, um alte Akten zu digitalisieren.

Pola kam ganz unerwartet zum Stadtarchiv. Als sie vor einem Jahr ein Praktikum suchte, das zu ihrem Studium der Kulturwissenschaften passte, landete sie über Kontakte ihrer Mutter in der Wippermann- Passage. Angefangen hat Pola mit der Archivierung der Gesundheitsakten aus der NS-Zeit, bei der sie auf furchtbare Dokumente stieß: „Welche Gründe ausschlaggebend für die Nazis waren, dass jemand sterilisiert wurde, ist absolut erschreckend. Menschen die nicht intelligent genug waren, fielen zum Beispiel darunter.“ Danach hat sich die Studentin mit den Geburts- und Sterberegistern beschäftigt. Jede einzelne von tausenden von Seiten muss abgetippt und digitalisiert werden. Jedoch sind alle Eintragungen in Sütterlin geschrieben. Eine Aufgabe, an der die meisten verzweifeln, wie Archivar Andreas Korthals erzählt: „Wenn sie die Schrift nicht entziffern können, dann bringt es uns leider nichts.“ Doch Pola Gene beherrscht das Lesen der alten Schrift: „Ich konnte Sütterlin vorher schon ein bisschen lesen, weil ich schon mal Briefe von meinen Urgroßeltern gesehen habe. Und ich habe im Internet recherchiert.“ Schwierig bleibt allerdings für die Studentin die Entzifferung mancher Namen. So erzählt sie, dass sie kürzlich „Blondine“ als Vorname in den Unterlagen gefunden hat: „Die meisten alten Vornamen kenne ich nicht, deshalb ist es oft wirklich schwer.“

Zuhause erzählte Pola Gene nur in den buntesten Farben von ihrer Arbeit, weshalb sich ihre Mutter Angelika Spallek kurzerhand überlegte, gemeinsam mit ihrer Tochter ehrenamtliche Mitarbeiterin im Stadtarchiv zu werden: „Ich bin einer alten Leidenschaft, der Stadt- und Familienforschung nachzugehen, gefolgt.“ Auch Angelika Spallek fiel das Lesen der Schrift nicht schwer: „Da meine Oma 1884 geboren wurde und ich dadurch einiges mitbekommen habe, war es kein Problem für mich. Alle Karten und Briefe waren in dieser Schrift.“ Zusätzlich hatte Angelika Spallek glücklicherweise noch das Fach „Sütterlin“ in der Schule.

Die Sterbeurkunden der Kinder

Stadtarchivar Andreas Korthals ist begeistert von der Arbeit des Mutter-Tochter-Gespanns: „Da wir nur zwei Festangestellte in diesem Bereich sind, ist es für uns eine unglaubliche Hilfe, wenn wissenschaftlich ausgebildete Leute bei der Archivierung helfen können.“ Besonders betroffen machen die ehemalige Lehrerin Angelika Spallek die Sterbeurkunden der Kinder: „Welche Tragödien sich da teilweise in den Familien abgespielt haben, ist unvorstellbar. Mütter starben früher sehr häufig direkt nach der Geburt – oder die Kinder. Und Zwillinge haben fast nie überlebt.“

Mutter und Tochter können sich nicht vorstellen, die ehrenamtliche Arbeit an den Nagel zu hängen – zu spannend sind die herauszulesenden Geschichten von damals. Andreas Korthals kann die Leidenschaft nachvollziehen: „Hinter jeder Akte steckt eben ein Mensch. Man tippt nicht nur irgendetwas ab. Man sieht oft bei den Unterschriften, die Eltern abgeben müssen, nachdem ein Kind gestorben ist, dass diese total wackelig und zitterig sind. Was so jemand dann mitgemacht haben muss, wenn mehrere Kinder nacheinander an einer Krankheit verstarben – schrecklich, kaum vorstellbar.“