Hagener Kunst aus Berliner Bombenschutt

Die Ausstellung zu den Funden in Berlin.
Die Ausstellung zu den Funden in Berlin.

Hagen/Berlin.. Was vor zwei Jahren als „Berliner Skulpturenfund“ in der Kunstszene für Schlagzeigen sorgte, schlägt nun auch Wellen bis nach Hagen. Damals wurden bei Ausschachtungsarbeiten für die U-Bahn direkt gegenüber dem „Roten Rathaus“ Skulpturen entdeckt, die die Nazis einst als „Entartete Kunst“ in deutschen Museen beschlagnahmt hatten.

So kamen elf Bronzen, unter anderem von Edwin Scharff, Otto Baum, Gustav Heinrich Wolff und Naum Slutzky aus dem Bombenschutt des 2. Weltkriegs zurück ans Tagelicht. Weitere, zerstörte Werke konnten lange Zeit nicht identifiziert werden. Mittlerweile steht aber fest, dass es sich um Arbeiten der Hagener Künstler Karel Niestrath und Milly Steger handelt.

Der Fund der Trümmer ist alarmierend

So kann die mittlerweile betagte Hagener „Gemeinde“ des Hagener Bildhauers Karel Niestrath, in der sich vor allem Heide Dettmar, Viktoria Schüßler und Fritz Temme mit sachverständiger Unterstützung der Osthaus-Kustodin Dr. Birgit Schulte bei der „Heimholung“ der Plastik „Die Hungrige“ profilierten, nach etlichen Jahren wieder lebendig werden. Der Fund der Trümmer ist geradezu alarmierend für diesen immer noch virulenten Kreis von Kunstfreunden, der vor allem die menschlich warme, sozial engagierte Kunst Niestraths schätzt. Vor allem der Hagener Bildhauer, der in seinem mit Absicht unordentlichen Atelier hinter dem Hagener Stadttheater häufig wie ein Berserker schuftete und sich in die Gesichts- Züge seiner Porträtbüsten vertiefte, hätte einen völlig anderen künstlerischen Weg eingeschlagen, wenn diese Entdeckung zu seinen Lebzeiten geschehen wäre. Er wollte nach dem Krieg nicht mehr ausstellen, weil von den Nazis beschlagnahmte wichtige Arbeiten fehlten. Der Künstler, der u. a. ein Modell der „Hungrigen“ in einem Kanalschacht neben seinem Atelier in der Konkordiastraße versteckt hatte, fuhr noch in den letzten Kriegstagen zu Käthe Kollwitz, der die ehemalige sächsische Königsfamilie ein Atelier in Moritzburg nach ihrer Ausbombung in Berlin überließ. Wie sich etwa 40 Jahre nach seinem Tod herausstellte, wurden die Trümmer von plastischen Kunstwerken an einer ehemaligen Sammelstelle, die die Nationalsozialisten für die ihrer Ideologie nach „Entartete Kunst“ eingerichtet hatten, aufgefunden.

Archäologen nahmen sich der Aufgabe an und das zur Freien Universität gehörende Kunsthistorische Institut und dessen Forschungsstelle stellten weitreichende Erkundigungen an. Nadine Bauer vom Institut verschickte Bilddokumente an Museen, Zeitzeugen und Journalisten und kann heute nach mühevollen Recherchen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Urheberschaft von Karel Niestrath an zwei Plastiken bestätigen. Eine Plastik einer Menschengestalt und eine Plastik aus der Reihe der „Einfältigen“.

Ausstellung soll auch in Hagen zu sehen sein

Kustodin Dr. Birgit Schulte, mit ausgesprochener Sensibilität für Zeitgeschichte im Bereich der Kunst, hat sich in die bewegte Berliner Kunstszene fördernd eingeschaltet. Kommenden Monat wird sie an einem Symposium zu der zusammenfassenden Ausstellung, die bereits in der Hauptstadt im Neuen Museum auf der Museumsinsel zu sehen ist, reisen. Dass sich das Osthaus-Museum darüber hinaus sehr für die ab 2012 geplante Ausstellungs-Tournee interessierte, konnte Direktor Tayfun Belgin mit Nachdruck bestätigen: „Wir haben noch diese Woche über die Funde gesprochen und wollen auch einen Termin in Hagen ins Auge fassen. Ob das aber im kommenden oder erst 2014 klappt, lässt sich jetzt noch nicht sagen.“

Zahlreiche Arbeiten erinnern an den Hagener Bildhauer, unter anderm das Ehrenmal im Hagener Stadtgarten sowie Relief und Skulpturen am Dortmunder Mahnmal Bittermark zum Gedenken an die ermordeten Zwangsarbeiter und Widerstandskämpfer, die am Tag vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Dortmund ermordet wurden.

 
 

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