„Hagen ist ein attraktiver Standort“

Emil Schumacher Museum und Osthaus sind Wirtschaftsfaktoren für Hagen.
Emil Schumacher Museum und Osthaus sind Wirtschaftsfaktoren für Hagen.
Foto: WR
Als Wirtschaftsstandort wurde Hagen in einer neuen Bewertungsliste nicht gerade gelobt. Wo steht Hagen wirklich, welche Ziele können erreicht werden? Die WR fragte Hagens obersten Wirtschaftsförderer Gerhard Schießer nach seiner Einschätzung.

Hagen.. Von 412 aufgeführten Städten und Kreisen liegt Hagen bei der Prognosanalyse auf Platz 305. Nicht besonders erfreulich, oder?

Ich finde es problematisch von Handelsblatt und Prognos, wenn bei solchen Bewertungen Kreise und Städte zusammengefasst werden. Da lassen sich die Strukturen oftmals nicht vergleichen. Es gab im vergangenen Jahr eine Bewertung von Wirtschaftswoche und dem Institut Neue soziale Marktwirtschaft der 50 größten Städte, da sind wir von Platz 38 auf Platz 28 vorgerutscht. Hier wurde auch das Dynamikranking mit einbezogen. Es wurden Stärken und Schwächen dargestellt, die wir nachvollziehen konnten. Mir ist wichtig, dass bei uns eine Dynamik drin liegt. Wir sind sicherlich nicht Spitzenreiter und werden es nie werden, aber wir sind mit unserem Branchenmix gut aufgestellt.

Gerade in der Krise zeigte sich die Hagener Wirtschaft als relativ stabil. Welche Hintergründe hat das?

Unsere Wirtschaftsstruktur wird gebildet von kleinen und mittelständischen Unternehmen und ist daher nicht abhängig von großen Industriebetrieben. Wir sind hier ein Teil Ruhrgebiet mit dem angrenzenden Sauerland. Ich nenne das immer die produzierende Südkurve des Ruhrgebiets. Das ist sehr wichtig, denn damit sind wir im Vorteil gegenüber anderen Ruhrgebietsstädten. Neueinstellungen und die Sorge um ausreichend Facharbeiter zeigen schon jetzt, kurz nach der Wirtschaftskrise, dass unsere Unternehmen auf einem guten Weg sind. Dazu tragen nicht nur die Metall- und Elektroindustrie bei, sondern auch Handelsunternehmen wie Douglas, SinnLeffers, Nordwest oder die mittelständischen Logistiker. Nicht zu unterschätzen ist auch unsere sehr gute Handwerkerstruktur, die Arbeitsplätze schaffen und auch halten kann.

Obwohl offensichtlich Arbeitsplätze angeboten werden, trifft Hagen der demografische Wandel besonders hart. Zurzeit werden 192 000 Einwohner gezählt, in den kommenden Jahren soll die Zahl auf 175 000 sinken. Wie gefährlich ist das für ein Oberzentrum?

Wir dürfen den Wandel nicht als gottgegeben ansehen. Bei Prognos wurden beispielsweise die Regionen gut bewertet, die gewachsen sind. Wir müssen den Standort attraktiver machen. Da sind wir nach den Arbeitsplätzen ganz schnell bei Kultur und Freizeit, da sind wir bei Theater, Sport und anderen so genannten weichen Standortfaktoren. Das widerspricht natürlich dem, was in unserem Sparpaket steht. Das Theater ist ebenso ein Wirtschaftsfaktor wie das Schumacher-Museum oder das Schloss Hohenlimburg. Wir müssen da mit Augenmaß vorgehen. Dazu kommt die Familienfreundlichkeit einer Stadt. Junge Familien achten sehr darauf, und Wirtschaftsunternehmen, die sich hier ansiedeln wollen, fragen nach Versorgungseinrichtungen. Welche Kindergärten sind vorhanden, welche Schulen und Freizeitmöglichkeiten?

Objektiv betrachtet hat Hagen in dieser Hinsicht eine ganze Menge zu bieten. Vieles wird aber nicht wahrgenommen oder schlecht geredet. Müssen sie am Image der Stadt arbeiten?

Das ist sicher eine große Aufgabe für die neue Wirtschaftsförderung, unter deren Dach ja ab dem kommenden Jahr alle relevanten städtischen Einrichtungen wie Hagen-Touristik, Stadtmarketing oder das Servicezentrum Wirtschaft zusammengefasst werden. Bei der Außendarstellung helfen uns natürlich die Basketballer von Phoenix ebenso wie das Freilichtmuseum, die Museen überhaupt oder die Natur rund um Hagen als Werbeträger. Das alles müssen wir breit aufstellen, noch besser vermarkten und auch nach außen transportieren. Nehmen wir beispielsweise unsere Nachbarn in Holland. Die kommen verstärkt nach Hagen, gehen in die Museen, kaufen ein und nutzen den Standort für Ausflüge ins Sauerland. Eine ideale Kombination.

Kommen wir noch einmal zurück zu den harten Standortfaktoren. Hat Hagen noch ausreichend Grund und Boden für Gewerbeansiedlungen zu bieten?

Das ist aufgrund unserer Tallage natürlich nicht einfach. Unna oder Hamm haben da Vorteile. Daher hoffe ich, dass die Diskussion um Herbeck jetzt schnell beendet ist und wir das Gelände nach den Ausgrabungen, die ja bereits laufen, als Gewerbegebiet veräußern können. Wir können nicht warten, bis das Justizministerium seine Überlegungen zu einem Gefängnisbau endlich abgeschlossen hat. Wir müssen aktiv werden, denn wir haben zurzeit Anfragen von Unternehmen für insgesamt 125000 Quadratmeter Gewerbefläche. In Herbeck sind es aber nur 55000 Quadratmeter bebaubare Fläche. Hinzu kommt, dass ein Investor jetzt auf der nahe gelegenen Fläche im Barmerfeld sein Unternehmen erweitern wird. Das Gelände steht also auch nicht mehr zum Verkauf. Auf der Haßleyer Insel planen Enervie und Sonneborn. Jetzt sind wir aktuell mit einigen Interessenten an der Volmar-steiner Straße unterwegs, wo ein weiteres Gelände erschlossen werden kann. Das sind teilweise Unternehmen von außerhalb, die sagen, dass Hagen für sie aufgrund der strategischen Situation sehr attraktiv ist. Die Verkehrsanbindung ist optimal. Das ist ein Pfund. Was den Ausbau der Bahnstrecke angeht, da hat sich ja bereits die Industrie- und Handelskammer eingeschaltet und dem Bundesverkehrsminister einen Brief geschrieben.

Gibt es auch Interessenten für Industriebrachen?

Es gibt sogar Interessenten für die Nahmer, aber erst muss das alte Krupp-Werk dort abgebrochen werden. Das wird jetzt hoffentlich schnell passieren. In Wehringhausen wird ein Gewerbepark entstehen. Wir sind bereits in Gesprächen mit den Eigentümern der Flächen. Es gab auch schon eine Veranstaltung bei der SIHK gemeinsam mit dem Planungsamt und wir haben uns dort als Wirtschaftsförderung angeboten, gemeinsam mit den Eigentümern und den Interessenten ein Gewerbegebiet zu entwickeln. Für die kommende Woche haben wir alle eingeladen, auch die berühmt-berüchtigte Tegernsee GmbH, die das Schlachthofgelände gekauft hat. Einige von den zehn oder zwölf Flächeninhabern haben sich bereits positiv geäußert und würden ihre Grundstücke auch für die weitere Nutzung aufarbeiten. Dem gegenüber haben wir einen Pool von Unternehmen in unserer Kartei, die Flächen suchen, aber nicht unbedingt auf die grüne Wiese wollen. Die wollen wir schon im Vorfeld zusammenbringen. Enervie ist mit dabei. Darüber hinaus wollen wir versuchen, über das Landesprogramm Flächen-Pool NRW an Fördermittel zu kommen. Dieses Programm fördert die Aufarbeitung innerstädtischer Brachflächen. So etwas gab es schon einmal bei der Landes-Entwicklungs-Gesellschaft. Andere Ruhrgebietsstädte haben sich in dieser Hinsicht bereits an das Land gewandt. So etwas diskutieren wir auch bei den Treffen im Rahmen der Metropole Ruhr. Dabei zeigt sich immer wieder, dass es für Hagen wichtig ist, zum Ruhrgebiet zu gehören. Das hat nichts damit zu tun, das wir unsere Kontakte zum Märkischen oder zum Hochsauerlandkreis, besonders was den Tourismus angeht, nicht ebenfalls ausbauen.

Was ist mit der Brandt-Brache. Gibt es für das Gelände eine Zukunft?

Im Moment nicht. Wir haben auch schon einmal an die Möbelbranche gedacht, aber das wird ja jetzt durch Sonneborn abgedeckt. Ich gebe dem Brandt-Gelände in Haspe nur eine Chance, wenn der Denkmalschutz aufgehoben wird und wir gemeinsam mit Brandt und dem Land das Gelände ganz neu entwickeln. In Haspe wird deutlich, dass wir als Wirtschaftsförderung alleine eine Stadt nicht retten können. Wir brauchen in Hagen und überregional Partner, die am gleichen Strang ziehen, um die Stadt wirtschaftlich aber auch kulturell nach vorne zu bringen. Daher werden wir gute Ideen und Aktionen mit entsprechender Auswirkung sicherlich in Zukunft verstärkt unterstützen.

 
 

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