„Hagen hätte meine Heimat bleiben können“

Im Gespräch mit Torsten Berninghaus (rechts), stellvertretender Chefredakteur der Westfalenpost, blickt Ex-Enervie-Chef Ivo Grünhagen auf sein Wirken in Hagen zurück.
Im Gespräch mit Torsten Berninghaus (rechts), stellvertretender Chefredakteur der Westfalenpost, blickt Ex-Enervie-Chef Ivo Grünhagen auf sein Wirken in Hagen zurück.
Foto: WP
  • Als Unternehmensmanager hat Ivo Grünhagen Zeichen gesetzt
  • Vor anderthalb Jahren beendete er sein Wirken bei Enervie
  • Auf dem Drei-Türme-Weg blickt er auf seine Hagener Zeit zurück

Hagen.. Die weiße Krawatte liegt auf dem Rücksitz. Ivo Grünhagen, der einstige Vorstandssprecher des Regional-Versorgers Enervie, hat den schwarzen Anzug und eben jene Krawatte gegen Jeans und Freizeithemd getauscht. An diesem sonnigen, wenn auch nicht sonderlich sommerlichen Mittwoch hat ihn sein Mandat als ehrenamtlicher Handelsrichter am Landgericht noch einmal zurück nach Hagen geführt. Eine gute Gelegenheit, um den 51-Jährigen auf den Drei-Türme-Weg zu bitten. Das Gespräch unter den grün-belaubten Buchen und Eichen ist nachdenklich. Es fühlt sich an wie ein Resümee, bestimmt wie eine Zeitreise.

15 Monate ist es nun her, dass Ivo Grünhagen sein Amt als Vorstandssprecher des Energie-Unternehmens Enervie niedergelegt hat. Ein gutes Jahr, das der Manager rückblickend als „nicht ganz einfach“ bezeichnet. „Es war nicht leicht, aus einem voll durchgetakteten Tag zurückzufinden in ein stärker privat orientiertes Leben“, sagt er. Dazu die Unsicherheit während der Suche nach einem neuen Job „Mir war immer klar, dass die Welt nicht auf mich wartet. Deshalb hatte und habe ich vor einer solchen Situation großen Respekt.“ Nach einem „Intermezzo“ als Berater bei Kienbaum ist Grünhagen seit Anfang April wieder voll durchgetaktet. Als Finanzchef (Chief Finance Officer) bei einem Mittelständler in der Automobilbranche in Hildesheim schließt sich der Kreis. „Bevor ich nach Hagen kam, war ich Geschäftsführer der Robert Bosch Multimedia GmbH in Hildesheim – also auch im Automotive-Bereich tätig“, schmunzelt Ivo Grünhagen. Trotzdem ist es nicht dasselbe. Er ist nicht mehr derselbe. Denn die 13 Jahre in verschiedenen Positionen in Hagen haben ihn verändert.

Der Rückblick

Unter dem Oberbürgermeister Wilfried Horn war Grünhagen als Vorstand der Hagener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (HVG) an die Volme geholt worden. In diese Zeit fielen der Bau eines neuen Verwaltungsgebäudes, eine Neuausrichtung des Busnetzes, der Aufbau der Holdingstruktur des Konzerns und – ganz wichtig – das Hagener Bäderkonzept. Auf Bitten der Politik schmolz Grünhagen seinerzeit das jährliche 6,5-Millionen-Euro Defizit aus dem Betrieb der Schwimmbäder ab. Mit einer gewagten Idee. Ein neues Super-Bad sollte entstehen und andere Bäder ersetzen. „Das war emotional sehr aufgeladen. Aber das Konzept ist aufgegangen“, resümiert er. Das Westfalenbad hat mehr Besucher als seinerzeit erwartet. „Und es ist ein wunderschönes, aber auch wirtschaftliches Freizeitbad, das nur wenige Städte aufweisen können.“

Der nächste Hagener Oberbürgermeister, nämlich Peter Demnitz, holte den gebürtigen Hildesheimer zur Mark-E und schlug damit ein Kapitel auf, das unterschiedliche Assoziationen freisetzt. „Am Anfang ging es darum, das Außenbild der Mark-E zu verbessern und eine Nähe zu den Anteilseignern wie zu den Bürgern auszubauen und das Unternehmen strategisch aufzustellen“, blickt Grünhagen zurück. Er ging den Haustarifvertrag an, strukturierte um, legte Standorte zusammen und errichtete schließlich eine neue Unternehmenszentrale auf Haßley. „Die größte Leistung aber war, dass wir den Konzern ab 2012 auf die Energiewende inklusive der Krise innerhalb der Strommärkte vorbereitet haben. Damals haben wir zum Beispiel begonnen, die Schließung der Erzeugung zu diskutieren. Übrigens unter der Führung des Aufsichtsrates von Oberbürgermeister Jörg Dehm.“

Das Krisen-Management

Gleichwohl ist das Unternehmen durch externe Einflüsse in massive Schwierigkeiten geraten. Die Anteilseigner mussten 60 Millionen Euro nachschießen, Grünhagen legte das Amt nieder. „Krisen-Management bedeutet erstens, nicht alle Wünsche der Politik erfüllen zu können und zweitens, die persönlichen Interessen zurückzustellen“, formuliert Grünhagen. Ihm sei von Anfang an bewusst gewesen, dass aufgrund der vielfältigen Probleme und letztlich der ausbleibenden Dividende auch seine eigene Position in Gefahr geraten würde.

Unter dem Blätterdach des Stadtwaldes und mit dem Abstand von mehr als einem Jahr klingt das ein bisschen nach unvermeidlichem Ausscheiden, oder? „So weit würde ich nicht gehen. Alle wussten, dass ich als Sprecher des Vorstandes auch für Entscheidungen anderer Vorstandsbereiche gerade gestanden habe. Mir als kaufmännischem Vorstand persönlich anzulasten, falsch über technische Einzelheiten, wie z.B. die Insellage des Enervie-Stromnetzes berichtet zu haben, empfinde ich allerdings als ungerecht.“

„Ungerecht“, dieses Wort fällt auch im Zusammenhang mit den viel diskutierten Tantieme-Zahlungen. „Ich möchte daran erinnern, dass ich als Vorreiter und letztlich der gesamte Vorstand bereits 2013, als die Enervie-Zahlen noch ordentlich waren, auf 50 Prozent der Tantieme verzichtet habe. Dem Bespiel sind alle Führungskräfte damals freiwillig gefolgt. Das hat dem Unternehmen einen siebenstelligen Betrag gespart“, sagt Grünhagen. „Auch im folgenden Jahr habe ich sogar schriftlich einen erneuten, vollständigen Verzicht angeboten und um ein entsprechendes Gespräch gebeten. Dieses Gespräch hat letztlich allerdings nie stattgefunden. Die Berichterstattung darüber war aus meiner Sicht sehr irreführend.“

Die Trennung

Unter dem Strich sei der Weg, den Enervie eingeschlagen habe, genau der richtige gewesen. Hochachtung zollt er auch dem Betriebsrat, der viele schwierige Entscheidungen mitgetragen hat. „Und ich kann durchaus nachvollziehen, dass in einer solchen Krise auch ein personeller Neuanfang richtig und notwendig sein kann“, konstatiert Grünhagen. Ihn stört das Wie. Interna über die Presse quasi live aus Gremiensitzungen in die Öffentlichkeit zu spielen, sei kein guter Stil. „Und ich hätte mir in diesem Zusammenhang auch mehr Verantwortungsbewusstsein der Presse gewünscht“, sagt er. Man müsse schließlich nicht alles schreiben, was einem zugetragen würde.

Am Ende bleibt neben allem Verständnis auch Enttäuschung. „Ja, von einzelnen Personen bin ich sehr enttäuscht.“ Und selbstkritisch führt er an: „Sicher hätte ich mir mehr Zeit nehmen sollen, um die einzelnen Schritte zu erklären, auch wenn das in einer Krise schwer ist. Das war sicherlich ein Fehler.“

Die Zukunft

Auch die Familie habe in Situationen wie dem Bäderkonzept, den Anpassungen bei Schulbussen, oder letztlich in der Krise der Enervie viel ertragen müssen. „Da gab es auch schon mal Anfeindungen im Supermarkt oder vor der Schule. Das haben wir als extrem unfair empfunden. Und ich fühle echte Hochachtung für meine Frau und für die Kinder, die die Konsequenzen meiner Entscheidungen jederzeit mitgetragen haben.“ Auf der anderen Seite hätte die Familie auch sehr viel Zuspruch durch Weggefährten, Freunde und Nachbarn erfahren. „Es ist toll zu sehen, dass die Klassen für meine Kinder Abschiedsfeiern veranstaltet haben. Die Planung lief unbemerkt, deshalb waren das echte Überraschungen.“

Mittlerweile hat Familie Grünhagen ein Haus in Hildesheim bezogen. Die Kinder werden auf eine neue Schule gehen. „Wir fangen einen neuen Abschnitt an“, sagt Ivo Grünhagen. Für ihn, der aus Hildesheim stammt, ist es ein Zurück zu den Wurzeln. Privat wie beruflich. Obgleich das neue Unternehmen mit Produktionen in Tschechien und China nur wenig vergleichbar ist mit dem Bosch-Konzern, bei dem er vor der Zeit in Hagen beschäftigt war.

Das Fazit

Und während die Sommersonne ihre wärmenden Strahlen in den Biergarten am Kaiser-Friedrich-Turm schickt, wird es Zeit für ein Fazit. Ja, Hagen sei ganz sicher ein wichtiges Stück seines Lebens. Ihm, der sich als Sparringspartner der Politik versteht, sei es wichtig, mitzugestalten. Das habe er ja in verschiedensten Funktionen auch getan. Das Ehrenamt eines Handelsrichters der 2. Kammer wird er weiter ausüben. Allerdings künftig am Landgericht in Hildesheim. „Hagen war meine Heimat und hätte es bleiben können. Aber das war nicht gewollt“, fasst Grünhagen zusammen. Trotzdem werde er die Kontakte selbstverständlich nicht abreißen lassen. „Die vielen Freundschaften werden bleiben und die Erinnerung an eine sehr spannende Stadt – die durchaus ein bisschen selbstbewusster sein darf.“

Gremien und Ämter:

Wer mitgestalten möchte, tut das am besten in Gremien und Ehrenämtern. Diese hatte Ivo Grünhagen während seiner Zeit in Hagen inne.

  • Schatzmeister im Förderverein Emil Schumacher Museum

  • Förderndes Mitglied der Wirtschaftsjunioren Hagen

  • Vorstandsmitglied bei der Gesellschaft der Freunde der Fernuniversität Hagen

  • Stellvertretender Vorsitzender der Einigungsstelle Hagen

  • Mitglied in der Vollversammlung der SIHK

  • Mitglied im Bundes- sowie im Landesvorstand des BDEW (Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft)

 
 

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