Gute Arbeit geht jeden an

Hagen.. Arbeitsplätze sind in etlichen politischen Debatten das Argument, mit dem versucht wird, Kontrahenten ruhig zu stellen. Atomausstieg ist für viele eine gute Sache. Die Atomlobby führt gerne neben der vermeintlich gewährleisteten Versorgungssicherheit auch gefährdete Arbeitsplätze an. Den Gewerkschaften ist der undifferenzierte Umgang mit Arbeitsplätzen hingegen schon lange ein Dorn im Auge. Sie schauen genau, ob neu geschaffene Jobs ein echter Gewinn sind oder doch nur prekäre Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Forderung von DGB und Co. geht also weiter als nur nach neuen Arbeitsplätzen, sie wollen „gute Arbeit“.

„Es geht darum, wie wir den Arbeitsprozess organisieren“, stellt DGB-Boss Jochen Marquardt klar und hat da vier große Themenfelder im Blick: den demografischen Wandel, die gesundheitliche Vorsorge in den Betrieben, die Aufschwungdebatte und die Interessenvertretung der Beschäftigten.

Der demografische Wandel wird in den arbeitsmarktpolitischen Debatten neuerdings gerne mit dem viel zitierten Fachkräftemangel diskutiert. Das allerdings geht Marquardt zu weit. „Wo gibt es denn einen Fachkräftemangel? Den kann man doch höchstens in der Pflege oder bei den Ärzten erahnen“, so Marquardt. In vielen anderen Bereichen sei es hingegen noch früh genug, gegenzusteuern. „Es geht darum, wie wir den über 60-Jährigen echte Perspektiven aufzeigen können und perspektivisch müssten die Unternehmen jetzt mal über eine Altersstrukturanalyse nachdenken.“

Organisationsgrad
bestimmt Machtfülle

Zur guten Arbeit gehört nach Meinung des DGB auch eine gesundheitliche Vorsorge in den Betrieben. „Der Druck auf die Arbeitnehmer nimmt mehr und mehr zu; das führt immer häufiger auch zu psychischen Erkrankungen“, so Marquardt und fordert eine ausgeklügelte Prävention.

Schließlich ärgert es die Gewerkschaften, dass wirtschaftliche Aufschwünge kontinuierlich am Portemonnaie der Arbeitnehmer vorbei gehen. So sinke seit den 1990er Jahren die Lohnquote tendenziell und die tariflichen Lohnerhöhungen seien gerade dazu geeignet, die Preissteigerungsrate auszugleichen.

Schließlich ist natürlich die Interessenvertretung der Beschäftigten ein großes gewerkschaftliches Thema. „Welche Macht die Beschäftigten ausüben können, hängt maßgeblich vom Organisationsgrad ab. Nur mit einer großflächig organisierten Belegschaft können wir als Gewerkschaften den notwendigen Druck aufbauen“, ist sich Marquardt sicher. „Allein in unserem Bereich wird deutlich, dass es eine Kluft gibt. Während die Brauerei-Beschäftigten gut organisiert sind und so auch zu ordentlichen Abschlüssen kommen, liegt in den Bereichen Hotel- und Gaststättengewerbe oder bei den Metzgern und Fleischern einiges im Argen“, beklagt NGG-Funktionärin Monika Brandt. „Gerade im Hotel- und Gaststättengewerbe wird der Tarifvertrag häufig nicht eingehalten. Das hat mit guter Arbeit wenig zu tun.“

Trotz solcher Missstände, laufen den Betriebsräten nicht gerade die Massen zu. „Wenn ich mir ansehe, welche Knüppeljobs es etwa in der Pflege gibt, wundert es mich nicht, dass dort wenig Motivation für Betriebsratsarbeit aufkommt“, sagt Ulla Maj Lindberg, stellvertretende DGB-Kreisvorsitzende. Ohnehin scheinen sich die Menschen aktuell eher für große Themen, wie etwa Stuttgart 21 oder Atomkraft, auf die Straße zu trauen. Zwar ist auch Arbeit ein großes Thema, da es alle Bürger betrifft, doch die eigene Betroffenheit, hemmt ganz offensichtlich die Protestbereitschaft. „Die Menschen machen vieles mit, weil sie Angst um ihre Jobs haben“, sagt Maj Lindberg.

„Uns fehlt eine
soziale Bewegung

Der Tag der Arbeit am 1. Mai, wäre ein guter Zeitpunkt, seinen Unmut über schlechte Arbeitsverhältnisse auf die Straße zu tragen. Doch an den großen Zuspruch längst vergangener Tage können die Gewerkschaften heute nicht mehr anknüpfen. „Uns fehlt eine soziale Bewegung. Der gesellschaftliche Konsens für gute Arbeit ist ja da. Nur leider bekommen wir ihn nicht entsprechend auf die Straße“, bedauert Marquardt und hofft auf eine Trendwende am 1. Mai 2011.

 
 

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