Gottesdienst für einsam Verstorbene zieht großes Publikum an

Der erste Gottesdienst für Unbedachte in Hagen wurde in der Johanniskirche abgehalten. Es wurde an 42 anonym Verstorbene gedacht.
Der erste Gottesdienst für Unbedachte in Hagen wurde in der Johanniskirche abgehalten. Es wurde an 42 anonym Verstorbene gedacht.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Zum ersten Mal fand in Hagen ein Gottesdienst für Unbedachte statt. Dieser galt denjenigen Menschen, die am Ende ihres Lebens ganz alleine dastanden. Im letzten halben Jahr traf dies auf 42 Menschen in Hagen zu. Dementsprechend bewegend war die Predigt in der Johanniskirche.

Hagen-Mitte. Es ist ergreifend ungreifbar, um jemanden zu trauern, den am Ende seines Lebens niemand kannte. Die Glocken der Johanniskirche läuten an diesem Nachmittag 16 Minuten lang für diejenigen, die die Anonymität einer Großstadt verschlungen hat. 130 Menschen sind gekommen. Einige weinen. Einige schütteln verständnislos den Kopf. Weil sie sich fragen, warum an den Gräbern von Gertrud, Rainer und Anton niemand gestanden hat. Der erste Gottesdienst für die Unbedachten in Hagen war bewegend. Und eine Mahnung.

Pfarrerin Elke Schwerdtfeger und Pfarrer Jürgen Krullmann vom Evangelischen Kirchenkreis Hagen, Pfarrer Jürgen Schmitt-Aßmann vom Katholischen Dekanat Hagen-Witten und Bürgermeisterin Brigitte Kramps von der Stadt Hagen treten abwechselnd an das Mikrofon. Jedes Mal, wenn sie einen der Namen und das dazugehörige Sterbealter verlesen, wird ein Teelicht an der Osterkerze entzündet. Eine Vielzahl der Verstorbenen sind Mittfünfziger. Menschen, die doch eigentlich die schönsten, die geruhsamsten, die verdientesten Jahre noch vor sich hatten.

Menschen anonym beigesetzt

Niemand hat bemerkt, dass sie verstorben sind. Niemand ist an ihre Gräber gekommen. Das Ordnungsamt hat sie anonym ohne Trauerfeier beigesetzt.

Wie kann das sein? Wie darf das sein? Wer sind wir, dass wir als Gesellschaft mitten unter uns Menschen sterben lassen, die ohne Beziehungsgeflecht leben mussten? Pfarrer Jürgen Krullmann zitiert in seiner Predigt wenig später den Philosophen Martin Buber. „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Wir sind nichts ohne Familie. Ohne Freunde. Ohne unsere Kollegen. Wir sind auch nichts ohne unsere Feinde. Der Mensch lebt und entwickelt sich in seinen Beziehungen.

Gertrud, Rainer und Anton hatten so etwas nicht. Und auf der Kirchenbank beschleicht einen das Gefühl, dass es zu Lebzeiten für sie schon so gewesen sein muss, als hätten sie nicht gelebt. 42 Menschen sind auf diese traurige und einsame Weise im vergangenen halben Jahr in Hagen gestorben. Rund 100 sind es jährlich.

Und nun, da sie den letzten Weg allein auf der Straße oder in ihren Wohnungen gehen mussten, ist da trotz aller Traurigkeit und Anonymität, die diese Stadt auch zeigen kann, ein versöhnlicher Moment.

Letzte Ehre für die Verstorbenen 

Zum ersten Gottesdienst für die Unbedachten, den die Stadt und die Kirchengemeinden gemeinsam initiiert haben, kamen am vergangenen Donnerstag rund 130 Besucher. Menschen, die in unserer Zeitung die Traueranzeige gelesen haben, auf der die 42 Namen veröffentlicht waren. Zusammen mit einer Einladung zum ökumenischen Gedenkgottesdienst. „Es ist unglaublich, dass solche Dinge passieren. Dass Menschen unter uns alleine sterben. Umso so schöner finde ich es, dass dieser Gottesdienst den Verstorbenen die letzte Ehre erweist“, sagt Besucherin Elsbeth Keller.

Draußen vor der Johanniskirche pulsiert an diesem 20-Grad-Nachmittag die Großstadt. Autos hupen, Fußgänger queren die Straßen. Ein jeder scheint sein Ding zu machen. Nur eines ist anders als an jedem anderen Donnerstagnachmittag um 17.07 Uhr. Die Glocken läuten. So lange, bis jeder der 42 Namen verlesen wurde. Bis jeder Unbedachte ein letztes Mal genannt wurde.

Der Gottesdienst ist Würdigung und Mahnung. Würdigung für eine Lebensleistung, die jeder von uns erbringt. Das hohe Tier und der Arbeitslose, der Gesunde und der Kranke, der Geschäftsführer und der Straßenfeger. „Und die Würdigung eines Namens“, sagt Jürgen Krullmann, „jeder dieser Menschen wurde einst geboren, war einst etwas Wundervolles und Unverwechselbare. Bei Gott ist kein Name je vergessen. Die Würde hat ein Mensch, weil er ein Geschöpf vor Gott ist.“ Und nicht wegen seiner Funktion.

Eine Mahnung an uns alle

Würdigung erfahren aber auch diejenigen in unserer Stadt, die jeden Tag die Ärmel dafür hochkrempeln, um Menschen zu helfen, die am Existenzminimum oder darunter leben. „Die vielen Einrichtungen, die vielen Helfer. Dadurch wird diese Stadt menschlicher“, sagt Jürgen Krullmann.

Was bleibt, ist eine Mahnung. An uns alle. Zu mehr Achtsamkeit. Zu mehr Mut, einem Fremden Freundschaft anzubieten. Nachbarschaft. Gemeinschaft. Damit niemand mehr alleine gehen muss. Weder in Hagen, noch woanders.

Der nächste Gottesdienst für Unbedachte soll am 23. Oktober in der St.-Marien-Kirche stattfinden.

 
 

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