Geständnis im Prozess um Geiselnahme und Vergewaltigung in der JVA Schwerte

Andreas Bartel
Der wegen einer ähnlichen Tat vorbestrafte Angeklagte, hier mit seinem Rechtsanwalt Ralf Bleicher, versteckt sich unter einer Kapuze.
Der wegen einer ähnlichen Tat vorbestrafte Angeklagte, hier mit seinem Rechtsanwalt Ralf Bleicher, versteckt sich unter einer Kapuze.
Foto: Ruhrnachrichten
Der 34-jährige Angeklagte, der im August 2012 in der Justizvollzugsanstalt Schwerte eine Lehrerin als Geisel genommen, vergewaltigt und verletzt haben soll, hat zum Prozessauftakt ein Geständnis abgelegt. Auch das traumatisierte Opfer sagte aus und sprach von Todesängsten.

Hagen/Schwerte. Es müssen schreckliche Szenen gewesen sein, die sich am 20. August 2012 in der Justizvollzugsanstalt Schwerte abgespielt haben: Ein Gefangener soll dort eine Lehrerin als Geisel genommen, sie vergewaltigt und beinahe getötet haben. „Ich hatte wirklich Todesangst“, sagte das Opfer zum Prozessauftakt vor dem Landgericht in Hagen.

Leise und gefasst, aber noch immer sichtbar traumatisiert berichtet die 64-Jährige, die als Nebenklägerin auftritt, von den wohl längsten und qualvollsten Minuten ihres Lebens. Unter einem Vorwand habe sie der 34-jährige Angeklagte, der eine achtjährige Haftstrafe wegen schwerer Vergewaltigung einer wesentlich älteren Frau verbüßt und in der Haftanstalt als Putzkraft arbeitete, in ihr Büro begleitet.

„Dann hat er mich gepackt und sofort gewürgt“

„Dann hat er mich gepackt und sofort gewürgt. Ich war völlig überrascht, wie erstarrt, ich hatte keine Chance“, erzählt die zierliche Frau. „Sei still und sag, dass du alles machst was ich sage“, soll der Angeklagte zu ihr gesagt haben. „Aber ich konnte keinen Ton mehr sagen, auch nicht um Hilfe rufen“ , so das Opfer weiter. Zudem wurde an diesem Tag die Personennotrufanlage der Haftanstalt gewartet und war nicht in Betrieb. Sie sei aber auch nicht mehr in der Lage gewesen, nach einem Notrufgerät zu greifen.

Der Angeklagte habe die Tür abgeschlossen und unter anderem mit einem Kühlschrank verbarrikadiert. Sie sei zu Boden gestürzt und wohl in Ohnmacht gefallen, noch heute habe sie Erinnerungslücken. Als sie wieder aufwachte, habe sie der große, schlanke, aber kräftige Mann mit dunklem Vollbart erneut gewürgt. „Es war so schrecklich“, sagte die Lehrerin, „ich habe nur noch die weiße Wand gesehen, hatte ein Bild von meinem Mann vor Augen und dachte, ich sterbe jetzt.“

Rasierklinge auf Zahnbürste

Dann habe der Angeklagte ihre Hände mit Geschenkband auf dem Rücken gefesselt und sie zum Oralsex aufgefordert. Dabei habe er ihr auch eine Rasierklinge gezeigt, die er auf eine Zahnbürste montiert hatte. Später habe er ihre Bluse zerrissen, sie unsittlich berührt und sie gezwungen, ihm einen Zungenkuss zu geben. „Da war ich in einer völlig jämmerlichen Situation“, erzählt die 64-Jährige. „Ich habe gar nichts mehr gespürt, keine Schmerzen, keinen Ekel. Ich dachte nur: so will ich nicht sterben.“ Später habe der Angeklagte mit seiner Mutter telefoniert. Diesen Moment habe sie genutzt, die Tür geöffnet und auf dem Flur laut um Hilfe geschrien. „Ich dachte Hopp oder Top. Dann musst du mich töten, denn ich will meine Würde behalten.“

Der Angeklagte hatte die Tat zuvor grundsätzlich eingeräumt, gab sich aber vor Gericht große Mühe, sich selbst als Opfer darzustellen. Er sei von Mitgefangenen gemobbt worden, habe Selbstmordgedanken gehabt und sei ob seiner langen Haftstrafe perspektivlos gewesen. „Ich habe keine Zukunft mehr gesehen“, sagte der 34-Jährige. Die Tat habe er nur begangen, um sich selbst in eine ausweglose Situation zu bringen und sich umzubringen. Tatsächlich schnitt er sich nach der Flucht seines Opfers in den Hals, fügte sich dabei aber keine lebensbedrohlichen Verletzungen zu. Zudem bestritt er, die Lehrerin gewürgt zu haben, obwohl sie neben einer Rippenprellung deutliche Würgemale davontrug.

Opfer wünscht sich Entschuldigung

Das enttäuschte die Frau, die von ihren Kollegen als gutmütige und hilfsbereite Person, die immer nett zu den Gefangenen sei, beschrieben wird: „Ich habe auf ein schnelles Geständnis und eine Entschuldigung gehofft, und war bereit, sie anzunehmen.“ Während sie immer wieder Blickkontakt zu ihrem Peiniger suchte, schaute der Angeklagte verschämt auf den Tisch vor sich und zeigte keine Regung. Ihm drohen nun bis zu 15 weitere Jahre Haft sowie anschließende Sicherungsverwahrung. Sein Opfer, das unter Depressionen und Panikattacken leidet, arbeitet wieder als Lehrerin in der JVA.