Familie Külpmann kämpft allein auf weiter Flur

Hengstey.  Ein warmer Frühlingswind weht über die weiten Flächen des Böhfelds. Friedrich Wilhelm Külpmann weist auf den Geländekamm, hinter dem er, schon außerhalb der Wasserschutzzone, einen neuen Stall für sein Rindvieh bauen lassen will. Es soll ein Außenklimastall werden mit allem Komfort, den ein Bauer seinem lieben Vieh heutzutage bieten kann, darunter eine selbstdrehende Bürste, an der sich die Kühe behaglich den Hintern schrubben lassen können. Dass es lausekalt werden könnte in der offenen Unterkunft, sei für die Tiere kein Problem, so Külpmann: „Kühe fühlen sich bei Temperaturen zwischen einem und fünf Grad am wohlsten.“

Bauantrag eingefroren

Doch die forschen Zukunftspläne von Familie Külpmann, die über eine Million Euro in den Stall sowie eine Maschinenhalle, ein Futterlager und einen Güllebehälter investieren möchte, liegen auf Eis. Die Stadt Hagen möchte auf dem Böhfeld, einer der letzten zusammenhängenden Freiflächen im gesamten Stadtgebiet, ein Gewerbegebiet einrichten, hat deshalb einen Bebauungsplan eingeleitet und Külpmanns Antrag für ein Jahr eingefroren: Erst wenn endgültig über das zukünftige Nebeneinander von landwirtschaftlicher und gewerblicher Nutzung auf dem Böhfeld entschieden sei, könne über eine mögliche Erweiterung des Bauernhofes befunden werden, heißt es dazu in einer vom Stadtrat abgesegneten Stellungnahme der zuständigen Fachabteilung im Rathaus.

Ein Beschluss, der Friedrich Wilhelm Külpmann (64), seine Frau Martina (54) und Sohn Christoph (28), designierter Nachfolger auf dem traditionsreichen Hof, eine nebelhafte Perspektive verheißt. Der Betrieb könne nur weiter geführt werden, wenn die beantragten Gebäude auch genehmigt würden und das Böhfeld komplett für die Landwirtschaft erhalten bleibe, betont der Altbauer: „Was mein Sohn braucht, ist Planungssicherheit. Und das nicht nur für fünf Jahre, sondern über einen langen Zeitraum, sonst können die beabsichtigten Investitionen nicht wieder hereingeholt werden.“ Das Böhfeld sei die einzige Fläche, die dem Hof noch eine Perspektive biete, da er in der Vergangenheit schon Grundstücke in Herbeck zugunsten des dort entstandenen Gewerbegebietes habe aufgeben müssen.

Milchwirtschaft und Kälberzucht

Friedrich Wilhelm Külpmann ist Bauer in der neunten Generation auf dem 1874 gegründeten Hof unweit der Ruhr. Er hält 90 Milchkühe, züchtet Kälber und erwirtschaftet auf seinen Ländereien das Futter für die Tiere, vor allem Gerste, Weizen, Mais und Raps. So werde die Fruchtfolge gewährleistet und der Boden nicht einseitig belastet, erklärt Jungbauer Christoph, staatlich geprüfter Agrarbetriebswirt und Bauer mit Leib und Seele: „Ich habe mir schon als Kind nichts anderes vorstellen können als den Hof einmal zu übernehmen. Ich bin ja hier hinein gewachsen.“ So ganz nebenbei ist das Bauerngut der einzige landwirtschaftliche Ausbildungsbetrieb in Hagen, zurzeit arbeitet ein Geselle bei Külpmanns, der auch hier gelernt hat.

Rund die Hälfte der für das Gewerbegebiet vorgesehenen Fläche befindet sich im Besitz der Familie. Külpmanns klagen nicht gern über das schwere Los der heutigen Landwirte, über sinkende Milchpreise oder mangelnde Unterstützung seitens der öffentlichen Hand. Den alten Stall gleich neben dem Wohnhaus misten sie noch mit der Forke aus und schleppen Heu und Kraftfutter für die Kälbchen mit der Handkarre herein, weil der Durchgang für den Futtermischwagen zu schmal ist. „Unsere gesamte Nachzucht wird so aufgezogen“, erläutert Martina Külpmann, ebenfalls staatliche geprüfte Landwirtin, die Versorgung des Jungviehs.

Und das ist auch ein Grund für das Vorhaben, den Betrieb zu modernisieren. „Die Technisierung hält doch überall Einzug, auch wir müssen uns anpassen, um mithalten zu können“, sagt Martina Külpmann. Vor sieben Jahren hat die Familie schon einmal Wiesen und Äcker hinzugekauft oder gepachtet, um den Hof weiterführen zu können. Und überhaupt, im Existenzkampf sind Külpmanns gestählt, sie haben schon gegen eine geplante Müllkippe, einen Campingplatz und den Evolutions-Park ins Feld ziehen müssen. Haben gewonnen. Und sind geblieben auf ihrer angestammten Erde, auf ihrem Besitz, auf dem sie seit über 300 Jahren verwurzelt sind.

Schwebezustand

Derzeit befindet sich Familie Külpmann in einer Art Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Zukunft. Er habe nicht damit gerechnet, dass die Stadt seinen Expansionsplänen einen Strich durch die Rechnung machen würde, gibt Friedrich Wilhelm Külpmann zu: „Ich dachte, wir könnten die neuen Gebäude ohne Schwierigkeiten realisieren, da die Parzellen im aktuellen Regional- und Flächennutzungsplan für die Landwirtschaft ausgewiesen ist.“ Das Schreiben der Stadt mit der Begründung, warum der Bauantrag für ein Jahr hintangesetzt worden sei, liegt zur Prüfung beim Landwirtschaftlichen Kreisverband in Schwelm.

Politiker keineswegs einig

Die Einrichtung des 27 Hektar großen Gewerbegebietes ist umstritten in der Hagener Politik, das zeigt sich nicht nur bei den derzeitigen Diskussionsrunden der Oberbürgermeister-Kandidaten. Die Bezirksvertretung Nord hat das Vorhaben abgelehnt, Hans Georg Panzer (Grüne) glaubt gar, die Zurückstellung von Külpmanns Antrag sei rechtlich bedenklich, da sie den Landwirt im Ungewissen über die mögliche Erweiterung seines Hofes lasse: „Es könnten Entschädigungsforderungen in erheblicher Höhe auf die Stadt zukommen.“

Christoph Külpmann hat ausgerechnet, dass der Hof in Hengstey 5000 Menschen in Deutschland ein Jahr lang mit Milch versorgt. Er ist jetzt startbereit, er möchte den Hof des Vaters übernehmen wie Generationen von Külpmanns vor ihm, er möchte die Weiden und Wiesen beackern und nicht Fabrikhallen weichen: „Ein Gewerbegebiet würde mir die Zukunft nehmen. Das wäre das Aus für unseren Hof.“

 
 

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