EU-Projekt zur Drogentherapie startet in Hagen

Harald Ries
Marion Wassermann koordiniert das Eu-Projekt „Oldi“.
Marion Wassermann koordiniert das Eu-Projekt „Oldi“.
Foto: Theo Schmettkamp / WAZ FotoPool
Abhängige von illegalen Drogen leben länger als vor 20 Jahren. Sie brauchen andere Angebote als Jüngere. Ein internationales EU-Projekt startet am Mittwoch in Hagen.

Hagen. Drogentherapien werden normalerweise von der Rentenversicherung finanziert. Ihr Ziel: Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Deshalb spielen neben der engeren Suchtproblematik auch Themen wie Schule und Ausbildung eine Rolle. Weil es um eine Perspektive für das neue, drogenfreie Leben geht. Aber welche Aussichten kann eine Drogenklinik älteren Abhängigen eröffnen, die keine realistischen Berufschancen mehr haben? Wo bleiben spezifische Angebote für diese Klientel, die in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat? Ideen dazu soll das EU-Projekt „Alter und Sucht“ entwickeln, zu dem sich ab heute Abend Einrichtungen aus fünf Ländern in Hagen treffen.

Die Initiative dazu geht von der AWO-Drogenfachklinik Deerth aus. Die Diplom-Sozialwissenschaftlerin Marion Wassermann beschäftigt sich dort seit Jahren mit länderübergreifenden Förderprogrammen der EU und hat bereits Projekte zu Motivation durch Sport, Mobilität sowie Abhängigkeit und Verschuldung koordiniert. Das neue Programm trägt den schönen Titel „Oldi“. Das steht für „older addicts in progress“, also etwa „ältere Abhängige in Entwicklung“. Die Gäste aus Dänemark, Kroatien, der Schweiz und der Slowakei wollen gemeinsam mit den Hagener Fachleuten in den kommenden zwei Jahren die Interessen der Betroffenen erfragen, einen Kriterienkatalog und ein Behandlungskonzept entwickeln.

Bessere Gesundheitsvorsorge

„Missbrauch und Abhängigkeit von Medikamenten und Alkohol sind bei Menschen über 50 Jahren verbreitet und haben in den letzten Jahren stetig zugenommen“, sagt Marion Wassermann. Aber mittlerweile sei auch der Altersdurchschnitt bei Abhängigen von illegalen Drogen deutlich gestiegen. Das hat mehrere Ursachen. „Die Generation, die in den 70er Jahren mit harten Drogen begonnen hat, ist eben inzwischen in einem fortgeschrittenen Alter“, erläutert Hubert Puder, Geschäftsführer des AWO-Unterbezirks Hagen/Märkischer Kreis. „Auch durch Substitutionsprogramme, durch bessere Gesundheitsvorsorge und durch die bessere Qualität der Rauschmittel werden Drogenabhängige deutlich älter als noch vor 20 Jahren“, ergänzt Wassermann.

Was eine sehr erfreuliche Entwicklung darstellt. Aber eben mit Konsequenzen, auf die man in den Therapieeinrichtungen noch nicht richtig eingestellt ist. „Bei Medikamenten und Alkohol gibt es Einrichtungen speziell für Senioren“, sagt die Projekt-Koordinatorin. Da sei möglicherweise Manches übertragbar. Aber Anderes eben nicht.

Wer über Jahrzehnte Heroin und andere Drogen konsumiert habe, sei oft mit Ende 40 gesundheitlich schon schwer angeschlagen. Der berufliche Hintergrund ist, falls überhaupt vorhanden, oft verschüttet, die Kenntnisse sind veraltet. „Statt der beruflichen Perspektive sind deshalb Alternativen gefragt, die Aktivitäten anregen und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben fördern können.“ Eine Therapieeinrichtung müsse ja Gründe vermitteln, warum es sich lohnt, ein drogenfreies Leben zu führen. „Wir müssen unseren Patienten klar machen, was sie zu gewinnen haben“, sagt Puder.

Erfahrungen weitergeben

Was das genau sein kann, will das Oldi-Projekt gemeinsam mit den Betroffenen entwickeln. Bei ersten Gesprächen hat Marion Wassermann von Interesse an kulturellen Aktivitäten gehört. Sie stieß auf Vorstellungen von ehrenamtlicher Tätigkeit, von Patenschaften, vom Weitergeben eigener Erfahrungen. Aber klar ist: „Da ist eine Lücke. Da gibt es Bedarf. Ich bin gespannt, wie man da in den anderen Ländern aufgestellt ist, wie die Partner mit Patienten von Mitte 50 umgehen.“

„Einem 25-Jährigen kann man raten, einen Gabelstapler-Schein zu machen“, meint Puder. „Damit darf ich einem über 50-Jährigen nicht kommen.“ Aber auch der braucht Möglichkeiten. Auch für ihn kommt es darauf an, sich sozial zu integrieren und seine Lebensqualität zu verbessern. „Wir sind hier noch am Anfang“, sagt Wassermann. „Aber wir wollen nicht nur Erfahrungen austauschen, sondern Ergebnisse liefern.“