Erinnerungen an den Krieg und sein bitteres Ende sind bis heute geblieben

Vielleicht ist die Zeit stehengeblieben – der mächtige Flügel, die Schränke an der Wand mit den Fotos, die Sitzgruppe vorn in dem rundlichen Erker zur Straße hin, auf die das helle Sonnenlicht durch die Fenster fällt. Die Zeit mag stehengeblieben sein an einem Tag, an den Liselotte Geißen keine Erinnerungen hat. „Was an einem bestimmten Datum vor 20, 30 oder 40 Jahren war“, sagt sie, „das weiß ich oft nicht mehr. Aber was sich vor 70 Jahren ereignet hat, dass war so gravierend, die Gefühle so intensiv. Das vergesse ich mein ganzes Leben lang nicht mehr.“

Die Wände wackelten

Frühling 1945, Fleyer Straße. In dem Haus, in dessen Erdgeschoss die 88-Jährige noch heute lebt, hat sie die letzten Kriegstage in Hagen erlebt. Auch den letzten Großangriff am 15. März 45, den das Haus, in dem die junge Frau damals mit ihren Eltern und Großeltern wohnte, wie durch ein Wunder überstand. „Ich weiß noch wie die Wände gewackelt haben, wie alle Fensterscheiben zersplitterten und sich die Zimmerdecke gesenkt hat. Mein Opa hat sich über mich gebeugt, um mich zu schützen“, sagt Liselotte Geißen, „im Wohnzimmer ist durch ein Fenster eine Bombe eingeschlagen. Die Vorhänge, die Möbel – alles stand in Flammen. Ich habe mir ein Tuch vor den Mund gehalten und habe gelöscht.“

Eine weitere Brandbombe hatte die Dachziegel durchschlagen und war in einer Zinkwanne mit Löschwasser gelandet, die man damals auf den Dachböden aufstellen musste. „Nur deshalb ist sie nicht explodiert“, sagt Liselotte Geißen. Den letzten Großangriff wird Liselotte Geißen niemals vergessen. Und auch nicht den Tag der Befreiung. Eine Befreiung, vor der sie sich damals fürchtete. Hagen, 14. April 1945. Die Menschen ahnten, was kommen würde. Liselotte Geißen, damals 18 Jahre jung, saß mit ihrer Familie im Keller des Hauses. So, wie sie es immer getan hatte, wenn die Sirenen die Menschen alarmierten.

„Wir hatten schreckliche Angst“, sagt sie, „es gab Gerüchte, dass farbige Soldaten ausrasteten, so bald sie Alkohol tranken. Vor die Tür des Vorratskellers, in dem auch Wein lagerte, hatten wir extra einen schweren Schrank geschoben.“

Das Ausharren, das Warten, das Zittern. „Wir haben das irgendwann kaum mehr ausgehalten“, erzählt Liselotte Geißen, „wir haben gehört, dass am Ischeland noch geschossen wurde. Dann haben wir vorsichtig durch das Kellerfenster herausgeguckt. Da haben wir gesehen, wie zwei amerikanische Soldaten an einem Löschteich hinter unserem Haus in Deckung lagen. Sie haben ihre Gewehre von links nach rechts geschwenkt. In ihren Augen hat man die Angst gesehen. Ihre Furcht war mindestens so groß wie unsere.“

Auf die Truppen, die Hagen einnahmen, folgten weitere Soldaten. Jeeps, Panzer, Mannschaftswagen rollten die Straße hinauf. Und die Besatzer brauchten Unterkünfte. „Sie haben zunächst die Häuser schräg gegenüber besetzt“, sagt Liselotte Geißen, „später dann mussten auch wir für drei Tage unser Haus räumen. Wir hatten 20 Minuten Zeit, mussten mit einer anderen Familie, die ausgebombt worden war, in unsere eigene Garage ziehen.“

Liselotte selbst dolmetschte, half und bekam ihren ersten Kaugummi. „Ich hatte ja in der Schule Englisch gelernt. Den Menschen ging es darum, möglichst ihr Hab und Gut mitnehmen zu dürfen“, sagt sie. „Den Kaugummi hatten wir gegen Rhabarber getauscht. Wir wussten damals nicht, ob wir ihn runterschlucken oder irgendwann ausspucken mussten.“ Rund 20 amerikanische Soldaten zogen in das Gebäude an der Fleyer Straße. „Sie lagen in unseren Betten, haben in unserer Küche die Verpflegung aus der Gulaschkanone gegessen“, erinnert sich Liselotte Geißen, „und sie haben auch deutsche Frauen empfangen.“

Nach drei Tagen zogen die Soldaten weiter. „Ich durfte nicht sofort ins Haus“, sagt Liselotte Geißen und lächelt, „meine Eltern sind vor. Sie haben mir erklärt, es gäbe Dinge, die eine junge Frau vielleicht nicht sehen dürfte.“

Die Soldaten waren fort. Die Erinnerungen an die Tage vor 70 Jahren blieben. Bis zum heutigen Tag.

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