Ergo kündigt bundesweit 120.000 Gebäudeversicherungen

Weil Ergo mehr als 120.000 Verträge kündigen will, steht die Versicherung in der Kritik.
Weil Ergo mehr als 120.000 Verträge kündigen will, steht die Versicherung in der Kritik.
Foto: Dirk Bauer / WAZ FotoPool
Die Versicherungsgesellschaft Ergo will deutschlandweit mehr als 120.000 Gebäudeversicherungen, die vor 2006 abgeschlossenen wurden, auflösen. Wer einen Folgevertrag angeboten bekommt, muss mit einer Beitragserhöhungen von bis zu 100 Prozent rechnen. Branchenexperten sind empört.

Hagen.. Mehrere Hundert Hagener Kunden der großen Versicherungsgesellschaft Ergo werden in den kommenden Wochen überraschende Post bekommen: Die Ergo wird sämtliche Gebäudeversicherungen, die vor dem Jahr 2006 abgeschlossenen wurden, kündigen.

Bei möglichen Folgeverträgen drohen den Kunden Beitragserhöhungen von bis zu 100 Prozent. Das bestätigte Unternehmenssprecherin Alexandra Bufe auf Anfrage. Nach ihren Angaben sind deutschlandweit mehr als 120.000 Verträge betroffen.

Kritik von Versicherungsagenturen

Darunter sind auch Kunden des Hagener Versicherungsbüros Kleine. Das Traditionsunternehmen bietet bereits in dritter Generation Versicherungen von derzeit 35 verschiedenen Unternehmen an. Wegen der langjährigen Geschäftsbeziehungen zur Ergo und deren Vorgängerunternehmen wie der Viktoria-Versicherung zeigt man sich zurückhaltend in der Bewertung. Doch Prokurist Thomas Winter bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung, dass allein bei Kleine mehr als 300 Kunden betroffen seien, die von Juni bis Oktober die Kündigungs-Post erhalten würden. Mit all den Kunden werde man nun nach einer Lösung suchen: „Wir haben viele langjährige Kunden mit einer geringen Schadensquote.“

An anderer Stelle fallen in der hiesigen Versicherungsbrache unter Zusicherung der Anonymität noch viel deutlichere Worte: Man sei entsetzt über die Ergo-Informationspolitik. Vertreter vor Ort hätten nur durch Zufall von dem geplanten Vorgehen erfahren. Da den Ergo-Kunden einfach die zum Teil über Jahrzehnte bestehenden Vertragsbeziehungen gekündigt würden, ohne einen Folgevertrag anzubieten, liege jetzt der gesamte Beratungsaufwand bei den Versicherungsvertretern.

Vertrauensverhältnis wird gestört

Zudem werde das über viele Jahre aufgebaute Vertrauensverhältnis zu den Kunden gestört, wenn unvermittelt Kündigungen ins Haus flattern würden – und das auch noch sehr kurzfristig. Nur drei Monate vor dem drohenden Vertragsende würden die Betroffenen informiert. Die drohenden Beitragserhöhungen von bis zu 100 Prozent lägen weit über den Erhöhungen, die auch bei anderen Versicherungsgesellschaften üblich seien. Die Vermutung eines Branchen-Insiders: Die Ergo wolle sich ganz von der bundesweit unter Druck stehenden Gebäudeversicherung-Sparte trennen.

Die Vorwürfe weist Ergo-Sprecherin ­Alexandra Bufe zurück: Man wolle nicht den Bestand kündigen, sondern „die Verträge zu aktuellen und zeitgemäßen Konditionen fortführen“. In vielen Fälle sei aber ein automatisches Neu-Angebot nicht möglich, weil nur die Makler vor Ort über die nötigen Informationen verfügten. Verträge, bei denen eine Fortführung möglich sei, würden ordnungsgemäß in der vorgeschriebenen Drei-Monats-Frist gekündigt.

Gebäudeversicherungsbereich hoch defizitär

Das Unternehmen gehe den Schritt, weil der Gebäudeversicherungsbereich bei Ergo hoch defizitär sei: Bei Beitragseinnahmen von 185 Millionen Euro habe man allein im Jahr 2011 40 Millionen Euro Verlust erlitten.

Durch vereinheitlichte Konditionen wolle man die Verwaltungskosten deutlich senken. Die liegen derzeit bei der Ergo im Vergleich zu Mitanbietern sehr hoch. Kunden werde bei Neu-Verträgen eine Eigenbeteiligung von 2000 Euro bei Schäden angeboten, so Bufe: Dann könne etwa die Hälfte des Beitrags gespart werden.

Solch eine Selbstbeteiligung, so ein Branchenexperte, sei nichts Neues. Für Kunden, die über Jahre keine große Schäden meldeten, würde sich dies aber finanziell überhaupt nicht lohnen. Zudem öffneten die neuen Ergo-Tarife für weitere jährliche Beitragserhöhungen die Tür. Bei den alten Tarifen sei dies nicht möglich.

Verbraucherzentrale rät: Zu günstigerem Anbieter wechseln

Die Verbraucherzentrale NRW sieht die Versicherung rechtlich auf der sicheren Seite – Prämien dürften erhöht und Verträge gekündigt werden.

Allerdings rät Rita Reichard von der Verbraucherzentrale: „Betroffene Kunden sollten die Gelegenheit nutzen, Vergleichsangebote einzuholen und eventuell zu einer günstigeren Versicherung wechseln.“

 
 

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