Eine Prise Dolce Vita nach Hagen importiert

Der italienische Gastronom Nicola Bucco lebt seit 50 Jahren In Deutschland.
Der italienische Gastronom Nicola Bucco lebt seit 50 Jahren In Deutschland.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Seine Wurzeln liegen in Apulien, sein Herz schlägt für die Familie, aber seine Leidenschaft gehört seit fünf Jahrzehnten den Menschen in Hagen. Vor 50 Jahren betrat Nicola Bucco, den alle nur Nico rufen, am Hauptbahnhof erstmals deutschen Boden.

Hagen.. Aus dem 2000-Seelen-Dorf Celenza kam er in ein Zwei-Familien-Haus in Vorhalle zu Familie Rafflenbeul. „Sehr nette Leute“, erinnert sich der heute 64-Jährige. Dennoch hat er in der ersten Zeit in der Isolation eines bis dahin fremden Landes, dessen Sprache der 14-jährige Teenager mit italienischer Volksschulbildung nicht verstand, so manche Verzweiflungsträne vergossen. „Ein Sprung ins kalte Wasser und ins Ungewisse.“ Aber eben zu einem Zeitpunkt, als noch das gesamte Leben vor ihm lag. Fünf Jahrzehnte ist Nicola Bucco inzwischen Hagen treu geblieben und hat in dieser Zeit als Gastronom und Veranstaltungsmanager ein Stück Stadtgeschichte mitgeschrieben.

Lehre bei Funcke & Hueck

Als die Schmiede-Werkstatt seines Vaters, der als Bürgermeister der demokratischen Linken in dem durch vier Ziegeleien sehr reichen Heimatdorf auch zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt war, bei einem Erdbeben zerstört wurde, orientierte sich die Familie Bucco in Richtung Deutschland. In der Schraubenfabrik Funcke & Hueck an der Plessenstraße wurde der italienische Schmied schnell zu einem gefragten Kollegen. Auch für Nicola eröffnete sich dort 1966 die Chance, eine Betriebsschlosser-Lehre zu absolvieren. Bis dahin hatte sich der Jugendliche vor allem als Fußballer bei Vorhalle 09 einen neuen Freundeskreis aufgebaut und dabei kickend die deutsche Sprache erlernt.

„Während der Ausbildung habe ich dann einen Kollegen kennengelernt, der auch Musiklehrer war und mir das Gitarrenspiel beibrachte.“ Seine erste Band trug als Namen die Ziffernfolge 1-2-4. „So hieß das Fiat-Modell, mit dem wir damals unterwegs waren.“ In den 70-er Jahren wurde daraus die fünfköpfige Formation „The Young People“. „Vier Jahre lang tourten wir bis rauf nach Dänemark, verdienten 2000 D-Mark im Monat, das war richtig viel Geld und eine tolle Zeit“, erinnert sich der quirlige Italiener gerne zurück.

Die erste italienische Gaststätte in Hagen

Parallel zu Nicolas musikalischer Karriere etablierte sein Vater an der Altenhagener Straße in einem ehemaligen Gemüseladen mit dem „Ristorante bei Salvatore“ die erste italienische Gaststätte in Hagen. „Damals gab es für die 3000 bis 4000 Landsleute in der Stadt lediglich im Bahnhofsviertel das Nachtlokal ,Bei Carlo’“, erinnert sich Bucco. „Mein Vater wollte hier eine kulinarische Anlaufstelle für Italiener schaffen.“ Doch das Konzept mochte nicht zünden. Erst als Sohn Nicola zusammen mit Ehefrau Liliana, deren Herz er in einer Gevelsberger Eisdiele erobert hatte, die Regie übernahm, entdeckten auch die Hagener zunehmend die „Cucina Italiana“.

Zum endgültigen Eisbrecher wurde letztlich ein Besuch des Moderatoren-Duos Max Schautzer und Hans Rosenthal nach einem Auftritt für die Radiosendung „Spaß muss sein“ in der Ischelandhalle: Begleitet von Stadtdirektor Klaus Müller und OB Rudolf Loskand ließen sich die Promis anschließend in Altenhagen kulinarisch verwöhnen. „Das Pressefoto am nächsten Morgen wurde für uns zum Entree in die Hagener Gesellschaft.“

Das Restaurant mit seinen 48 Plätzen galt unter allen Fans südländischer Küche und „Ars vivendi“ schnell als absolute In-Adresse. „Unsere Arbeitstage reichten bis spät in die Nacht, 1000 Pizzen an einem Wochenende waren keine Seltenheit. Und wer mich beim Flippern schlug, bekam eine Pizza gratis.“

Gigantische Lichterbögen

Als Dankeschön lud Bucco zum 15-jährigen Jubiläum im Jahr 1988 zur italienischen Nacht in den Saal der SIHK ein. Die 300 Besucher waren so begeistert, dass dieses gesellschaftliche Event bereits im Folgejahr in der Stadthalle wiederholt wurde und letztlich in die legendären „Italienischen Nächte“ in der Hagener Innenstadt mündete. Für 60.000 Mark ließ Bucco zu Beginn der 90er-Jahre dreimal gigantische Lichterbögen, die die gesamte Fußgängerzone überspannten, aus seiner Heimat importieren. Im Zwei-Jahres-Rhythmus wälzten sich bis zu 100 000 Menschen fünf Tage lang durch die City, ließen sich vom Zauber der Illumination bannen: „Das Radio warnte damals auswärtige Besucher davor, mit dem Auto die Innenstadt anzusteuern“, lassen die Erinnerungen heute noch Buccos Augen blitzen.

Bucco hatte zu dieser Zeit sein ursprünglich bodenständiges Restaurant längst zu einem Edel-Italiener weiterentwickelt. Zehn Jahre lang gaben sich dort Schauspieler, Künstler, Show-Größen und Gutbetuchte die Klinke in die Hand. Ein Niveau deutlich jenseits des klassischen Pizzeria- und Ristorante-Levels, das allerdings Mitte der 90er weder zum Altenhagener Umfeld noch zum Geldbeutel der meisten Hagener passte. „Zehn goldene Jahre“, blickt Bucco dennoch selbstkritisch zurück, „aber wir haben damals unsere treuen Stammgäste aus den Augen verloren.“

Inzwischen ist Bucco nach einem beruflichen Intermezzo im Musik-Management zusammen mit seinem Sohn Salvatore längst zu seinen gastronomischen Wurzeln zurückgekehrt. An der Freiligrath­straße begrüßt er heute das gleiche Publikum, das sich einst auch schon in Altenhagen verwöhnen ließ. „Hagen hat uns alles gegeben, und ich empfinde gegenüber der Stadt und ihren Menschen ganz viel Dankbarkeit.“ Nach Italien zieht es ihn heute vor allem noch wegen des Klimas. „Aber nach 14 Tagen freue ich mich auch wieder auf Hagen“, schätzt er die Harmonie zwischen deutscher und italienischer Mentalität – also die Mischung aus Pünktlichkeit, Seriosität und Ordnung auf der einen sowie legerer Ungezwungenheit und Gelassenheit auf der anderen Seite.

Traum vom großen Hagen-Fest

Ein für Nicola Bucco fruchtbares Miteinander der Nationalitäten, das in seinen Augen in einer Stadt mit stetig steigendem Migrantenanteil die Umgangskultur in Zukunft prägen sollte. Natürlich gibt der 64-Jährige am Sonntag seine Stimme bei der Europawahl ab, natürlich geht er zur Kommunalwahl und hat selbstverständlich auch einen OB-Favoriten. „Aber vor allem träume ich noch immer von einem großen Hagen-Fest – und das muss gar nicht teuer sein.“ Hoffnungen, die einen Italiener nach 50 Jahren in Deutschland zu einem echten Hagener machen. Und dabei blitzen seine Augen schon wieder.

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