Ein Atheist trotzt dem Festtagstrubel

Von Michael Schuh
Dr. Christian Brücker vom Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten e.V.
Dr. Christian Brücker vom Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten e.V.
Foto: WR Theo Schmettkamp

Hagen. Dr. Christian Brücker schmunzelt. „Ich habe sogar einige Bekannte, die mir statt ‘Frohe Weihnachten’ ein ‘Frohes Lichterfest’ wünschen“, erzählt der Hagener. Schließlich hätten schon Perser und Römer in der Weihnachtszeit den Sonnengott Mithras geehrt und zur Wintersonnenwende einen geschmückten Baum ins eigene Heim gestellt. Im Gespräch mit dem 49-Jährigen werden zwei Dinge schnell deutlich: Der Mann hat mit Weihnachten nichts zu tun – und der Mann kennt sich trotzdem bestens damit aus. Denn als Mitglied im Bundes- und Landesvorstand des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) beschäftigt er sich mehr mit Religion als so mancher stramme Kirchgänger.

Dem Trubel kann man sich kaum entziehen

Glühweinbuden, Lichterketten und Adventslieder, die in Kaufhäusern aus den Boxen dröhnen. „Komplett kann man sich diesem Rummel nicht entziehen“, sagt Brücker, „aber man muss zumindest nicht aktiv dran teilnehmen.“ Diesen Leitsatz verfolgt der studierte Physiker und promovierte Mathematiker seit vielen Jahren – ohne das Weihnachtsfest zu verteufeln. „Sicher gibt es auch Atheisten, die die Nase darüber rümpfen. Ich denke aber: Wenn die Menschen so feiern wollen, dann sollen sie. So lange sie mich nicht belästigen.“

Doch auch ein überzeugter Atheist ist nicht als solcher auf die Welt gekommen. Der Vorname Christian lässt es vermuten: Brücker wuchs in einem christlichen Elternhaus auf, ging wie viele Klassenkameraden zur Konfirmation und freute sich über Geschenke, die am Heiligen Abend unterm Baum lagen.

Während die meisten Jugendlichen sich mit anderen Dingen beschäftigten, hinterfragte er schon als junger Mann die Aussagen seiner reformierten Kirche und stellte fest, „dass sie mir irgendwie nicht gefielen.“ Vor allem mit der Lehre, das Schicksal eines jeden Menschen sei vorbestimmt, konnte der Teenager Brücker nichts anfangen.

Also versuchte er sich zunächst bei den Lutheranern und anschließend bei den Altkatholiken – mit einem ähnlichen Ergebnis. „Nach vielem Nachdenken habe ich mich dann gefragt: Was soll das überhaupt?“, erinnert sich der 49-Jährige. „Es gibt Dinge, die weiß man, und Dinge, die weiß man nicht. Im christlichen Glauben ist alles reine Spekulation und vieles sogar Unsinn. Ich bin Atheist.“

Als Wissenschaftler setzt er auf Beweise

Dass sein Interesse an Physik und Mathe bei dieser Entscheidung eine gewisse Rolle spielte, streitet Christian Brücker nicht ab. Wie die meisten Wissenschaftler hält er es eher mit Beweisen denn mit Vermutungen: „Ich sage ja nicht, es gibt keinen Gott. Ich bin vielmehr einer von denen, die sagen: Zeig ihn mir. Das hat noch keiner geschafft. Und so lange es keinem gelingt, glaube ich nicht dran.“

Deshalb besitzt Weihnachten für ihn auch keinen Stellenwert, zumal „das Fest, wie es heute gefeiert wird, mit dem Ursprung ja nichts mehr zu tun hat. Oder wer denkt an die Geburt des Erlösers, wenn er vom Christkind spricht?“ Gegen die „teilweise ganz netten Traditionen“ hat der 49-Jährige indes nichts einzuwenden; schließlich würde eine Woche später ja auch geböllert, was ursprünglich die bösen Geister vertreiben sollte. „Das hält heute niemand mehr für wahr. Sie sehen also: Man kann Traditionen pflegen, ohne daran zu glauben.“

Und wäre er nicht kinderlos – es würde wohl auch im Hause Brücker Weihnachten gefeiert: „Das machen viele Atheisten, dem Nachwuchs zuliebe.“

Er selbst verbringt das Fest übrigens bei seiner Mutter in der Pfalz. Von ihr bekommt Christian Brücker jedes Jahr ein Geschenk, das er auch annimmt. Welcher Sohn – egal, ob Atheist oder Christ – möchte schließlich seine Mutter enttäuschen?

„Sie weiß, dass ich schon lange aus der Kirche ausgetreten bin – und das ist für sie schlimm genug“, erzählt Brücker. „Dass ich aber im Bund der Konfessionslosen und Atheisten bin, habe ich ihr nicht gesagt.“