Dominique Caron will Ruhe in das Theater Hagen bringen

Dominique Caron wird neue Intendantin am Theater Hagen.
Dominique Caron wird neue Intendantin am Theater Hagen.
Foto: Ulrike Benthien
Es ist das erste Interview nach der Nominierung als neue Intendatin des Theaters Hagen: Dominique Caron spricht über Ziele und reagiert auf Vorwürfe.

Hagen..  Seit über zehn Jahren beobachtet sie Hagen. Schon 2006 hatte sich die Französin Dominique Caron als Intendantin an der Volme beworben. Doch damals erhielt mit Norbert Hilchenbach derjenige den Vorzug, den Dominique Caron jetzt als Intendantin beerben soll. Für ihren Amtsantritt am Theater Hagen fehlt jetzt noch die Zustimmung des Stadtrates am 24. November, die allerdings als sicher gilt. Im Interview zeigt sich Caron bereit für Hagen, wenngleich sie gedanklich mindestens bis zum nächsten Sommer im schleswig-holsteinischen Eutin als Leiterin der dortigen Festspiele sein muss. Laut Vertrag sogar bis 2018.

Frau Caron, wollen Sie mal ein paar negative Dinge über sich hören?

Dominique Caron: Wie meinen Sie das?

Kurz vor der Theater-Aufsichtsratssitzung in Hagen haben etliche Kulturschaffende aus ganz Deutschland in der Redaktion angerufen und uns erzählt, dass Sie nicht gut im Team arbeiten könnten, schlecht führen und schlecht für Hagen sein sollen.

Von dieser Kampagne gegen mich habe ich gehört. Ich will darauf ohne Groll oder Zorn antworten, weil – das können Sie mir glauben – ich ein Mensch bin, der nach vorn blickt, nicht nachtritt und nicht über Seilschaften nach oben gekommen ist. Aber: Wie hätte ich an meinen Stationen an der Oper Dortmund und bei den Festspielen in Eutin bestehen sollen, wenn ich nicht gut im Team arbeiten könnte? Ich kann nicht singen, ich kann kein Bühnenbild bauen, ich kann nicht Posaune spielen, ich kann kein Marketing. Das alles funktioniert und harmoniert nur, wenn ein Team funktioniert. Das ist immer mein Hauptthema gewesen und ich bedauere, dass genau diese meiner Stärken so in Frage gestellt wird.

Dann brauchen sich Teile der Theater-Belegschaft, die sich vor einer kompromisslosen und harten Frau Caron fürchten, die bereits auf Kündigungsfristen schielt, also keine Sorgen zu machen?

Dieses wunderbare Theater, das mich schon viele Jahre beschäftigt, hat endlich Ruhe verdient. Es soll eine starke Spielstätte sein, statt ständig nur Gegenstand von Spar-Diskussionen. Ich werde allen, die für das Theater brennen, offen und mit Herz begegnen und alle einladen, mitzuentscheiden, wie wir die Zukunft stabil bestreiten können. Die nächste Spielzeit gehen wir mit dem Ensemble an, das jetzt in Hagen hervorragende Arbeit leistet. Ich baue auf alle Mitarbeiter und stehe für offenen Dialog.

Angst vor Ihnen braucht also niemand zu haben?

Vor mir sowieso nicht. Aber ich kann verstehen, dass Menschen Angst vor Veränderung haben. Erst recht an so einem traditionellen Haus wie in Hagen, das keine kleine Spielstätte ist. Aber dazu kann ich nur sagen: Wenn wir Dinge verändern, dann gemeinsam. Und im Sinne der Zukunft des Theaters.

Es gibt viele Kritiker in Hagen, die sagen: Mit 1,5 Millionen Euro weniger Etat geht das Theater vor die Hunde. Die Politik spare die Spielstätte kaputt.

Das ist so nicht richtig. Ja, wir müssen sparen, aber die Qualität wird nicht leiden. Wenn das nicht so wäre, hätte ich mir die Intendanz auch gar nicht vorstellen können. Im Gegenteil: Ich will mit dem Team versuchen, Qualität sogar noch zu steigern. Es gibt bereits konstruktive Absprachen, wie wir das Sparziel erreichen können. Darüber werde ich mit allen Beteiligten, allen voran mit Geschäftsführer Michael Fuchs, zeitnah sprechen. Ich finde es schade, wie viel Prügel sich Politik und Verwaltung abholen.

Also wird das Haus nicht kaputt gespart?

Das ist ein finanzieller Einschnitt, klar. Aber mit den vorhandenen Rahmenbedingungen wird es weiter möglich sein, starkes Theater zu präsentieren.

Ambitioniert ist es auch, dass Sie neben dem Hagener Theater wohl auch bis 2018 noch die Festspiele in Eutin leiten werden. Steuern Sie nicht auf einen Burnout im nächsten Sommer zu? Und leidet Hagen nicht unter der Doppelbelastung?

Wenn man gelernt hat, große Theater zu disponieren, muss man sowieso auf mehreren Ebenen denken können. Das funktioniert. Ich werde im nächsten Sommer in Eutin „Die Fledermaus“ inszenieren. Mein Vertrag läuft, nach heutigem Stand, noch bis 2018. Nach meiner Bestellung durch den Stadtrat werde ich in Eutin Gespräche führen, wie es dort weitergehen kann.

Es heißt, nach Hagen hätten Sie schon immer eine besondere Beziehung gehabt.

Aus meiner Zeit in Dortmund und Düsseldorf kenne ich in Hagen viele Leute. Ich weiß, dass viele Menschen die Stadt Hagen anders sehen: Aber ich bewundere sie.

Das würde wohl jeder sagen, wenn er kurz vor der Unterschrift zur Intendanz hier stünde.

Nein, das sage ich aus tiefstem Herzen. Meine Erfahrungen in Hagen reichen lange zurück. Diese Stadt hat feste Wurzeln, die Menschen sind offen und noch viel wichtiger: Hagen ist multikulturell.

Das erachten viele hier eher als Problem. Nicht wegen der Kulturen, sondern wegen ihrer Unvereinbarkeit.

Und genau das ist eine der wichtigen Aufgaben eines Theaters. Nicht nur irgendwelche Stücke spielen und hoffen, dass die Leute schon kommen. Sondern Strömungen, Strukturen, Entwicklungen und die Vielfalt der Menschen inhaltlich abbilden. Wenn wir das hinkriegen, wird das Theater anders wahrgenommen werden.

Klingt ein bisschen so, als wenn das Theater in jüngerer Vergangenheit nicht genug auf die Stadtgesellschaft eingegangen wäre.

Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich kann Ihnen offen sagen, dass es sogar sein könnte, dass ich die Menschen in Hagen – in positiver Sicht – bald nerve, weil sie mich zu oft sehen werden. Ich überzeuge gerne Menschen, will die Gesellschaft ansprechen, sie ins Theater holen. Bürger aus allen Schichten der Gesellschaft. Ich will einfach sagen: Ich freue mich auf sie alle.

Auf die Identifikationsfigur Werner Hahn und den angesehenen Ballett-Direktor Ricardo Fernando werden Sie dabei leider verzichten müssen. Zwei Säulen des Hagener Theaters gehen. Sind Sie der Grundfür diese Abschiede?

Mit Ricardo Fernando habe ich telefoniert und unser Gespräch ging mir zu Herzen. Ich habe versucht, ihn davon zu überzeugen, in Hagen zu bleiben. Ich habe ihm gesagt, dass seine Sparte hier Zukunft hat. Aber er hat sich anders entschieden. Werner Hahn habe ich vor der Aufsichtsratssitzung im Rathaus getroffen, ihn in den Arm genommen und ihm gesagt, wie traurig mich sein Abschied macht. Ich hoffe, dass beide dem Haus, in welcher Weise auch immer, erhalten bleiben. Sie haben beide persönliche Gründe und haben mir gesagt, dass es nichts mit mir zu tun hat.

Stimmt es, dass der designierte Generalmusikdirektor, der Amerikaner Joseph Trafton, zerknirscht ist, weil Sie ihn nicht in Ihre Spielplan-Planungen einbezogen haben?

Ich weiß nicht, ob er zerknirscht ist. Aber inzwischen haben wir bereits einige Male sehr gute Gespräche geführt. Wenn ich ernannt bin und es dann an die konkrete Planung geht, werde ich sie selbstverständlich mit Trafton aufstellen. Der Blick wird gemeinsam nach vorn gerichtet sein.

Zur Person:

Caron studierte Musik in San Francisco war in Deutschland zunächst als Regieassistentin an der Oper Berlin, später als Betriebsdirektorin am Nationaltheater Mannheim tätig.

2010 leitete sie komissarisch die Oper Dortmund. Seit 2011 ist sie Intendantin der Eutiner Festspiele.

 
 

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