Die Zukunft auf zwei Rädern

Martina Herzog
Schnell ist man auch mit dem Rad.    Foto: Thomas Lohnes/ddp Ebike
Schnell ist man auch mit dem Rad. Foto: Thomas Lohnes/ddp Ebike
Foto: ddp WP

Brüssel. Immer mehr Menschen fahren Fahrrad, in Deutschland wie in Europa. Diese Konkurrenz für den Autofahrer stellt Stadtplaner vor Probleme. Wie sieht eine Stadt aus, die für alle Verkehrsteilnehmer sicher ist?

Den Radlern gehört die Zukunft, sagt der Deutsche Städte- und Gemeindebund voraus. Fahrradvertreter wollen Platz für Radfahrer auf der Straße schaffen. Die EU-Kommission setzt auf technische Lösungen.

„Wir haben Stadtplanung aus Sicht des Autofahrers gemacht“, sagt Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. „Der öffentliche Raum ist zugestellt mit Autos.“ Auf die Dauer werde es eng in den Innenstädten. Für die kurzen Wege innerhalb der Städte sei das Fahrrad und insbesondere das Elektro-Rad „das Zukunftsmodell“. Über das Elektro-Rad werde der Sprung zum Elektroauto geschehen, glaubt der Kommunallobbyist – eine Entwicklung ganz im Sinne kommunaler Energieversorger. Landsberg hat wenig Zweifel, dass das Auto mit Verbrennungsmotor der Verlierer dieser Entwicklung sein wird: Um den „Riesenkonflikt Fußgänger-Fahrradfahrer“ zu entschärfen, müsse der Radfahrer Raum auf der Straße haben – dafür müsse im Zweifelsfall eben der Autofahrer weichen. „Die Verdrängung des Autos in den Innenstädten wird zunehmen“, sagt Landsberg. Nach Zahlen des deutschen Instituts für Verkehrsforschung legen die Deutschen mittlerweile jede zehnte Strecke mit dem Rad zurück, Tendenz steigend.

Dass Autos den Zweirädern weichen müssen, will die EU-Kommission nicht unterschreiben. „Man hilft Radfahrern nicht, wenn man den Autoverkehr minimiert“, heißt es aus dem Referat von EU-Verkehrskommissar Siim Kallas. EU-Gelder fließen derzeit eher in technische Systeme, die die verletzlichen Verkehrsteilnehmer sicherer machen sollen. Wenn Geschwindigkeits-Begrenzungen per Funksignal direkt an das Fahrzeug übermittelt würden, könnte ein entsprechend ausgerüstetes Fahrzeug den eigenen Fahrer ausbremsen:

Er könnte nur noch so schnell fahren, wie es das Tempolimit vorsieht. „Die Technologie gibt es“, sagt die EU-Expertin. Nun müssten die neuen Systeme nur noch auf den Markt. Auch Bordsysteme, die Fußgänger oder Radfahrer wahrnehmen und bei Bedarf eine Notbremsung auslösen, seien möglich. EU-Forschungsgelder flößen auch in die Entwicklung von Außen-Airbags für Autos: Diese sollen sich beim Aufprall aufblasen und so den Unfallgegner schützen.

Fahrradverbände oder der ökologisch ausgerichtete Verkehrsclub Deutschland (VCD) wollen den Radfahrer vor allem sichtbar machen.

Der VCD zum Beispiel macht sich für Radwege stark – allerdings auf der Straße. Radler und Autofahrer sollen nicht unverhofft erst in besonders riskanten Kreuzungsbereichen aufeinanderstoßen.

Präsenz zeigen will auch die Brüsseler Radler-Organisation GRACQ, nach eigener Einschätzung in einer der weniger fahrradfreundlichen Großstädte des Kontinents beheimatet. Deren Mitarbeiter bieten Kurse für korrektes Verhalten in der Blechlawine, die den Teilnehmern beibringen sollen, „dem Druck des nachfolgenden Verkehrs standzuhalten“. Das heißt konkret: in engen Baustellen und in Kreisverkehren lieber in der Mitte der Spur fahren als am unübersichtlichen Rand. Um aufspringenden Pkw-Türen ausweichen zu können, empfehlen die Aktivisten einen Mindestabstand von einem Meter zu parkenden Autos.

Die Vorsicht ist nicht unbegründet: In einen typischen Fahrradunfall ist meist ein Auto verwickelt, stellen EU-Kommission und VCD gleichermaßen fest. Die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls ist beim Fahrradfahren überproportional hoch. Doch die Statistiker halten ein Trostpflaster für Fahrradfreunde bereit: Je mehr Radfahrer die Straßen bevölkern, desto sicherer wird es für den einzelnen.