Die letzte Hagener Straßenbahn fuhr vor 40 Jahren

Das Ende einer Ära. Die letzte Straßenbahn rollt am 29. Mai 1976 durch Hagen.
Das Ende einer Ära. Die letzte Straßenbahn rollt am 29. Mai 1976 durch Hagen.
Foto: WP
Die letzte Straßenbahn rollte am Sonntag vor 40 Jahren durch Hagen. Es war das Ende einer Ära. Wir blicken zurück und lassen Zeitzeugen zu Wort kommen.

Hagen.. Der Volksmund sprach vom „Vatikan-Express“. Weil die Linie 7 ins katholische Boele rollte. Er war es, der vor 40 Jahren noch einmal in den Mittelpunkt rückte. „An ihrem letzten Tag attraktiv wie ein Fotomodell – Abschied von der ,7’ wurde in Boele zum Volksfest“, titelte unsere Zeitung am 31. Mai 1976. Zwei Tage zuvor war der „Vatikan-Express“ zum letzten Mal gefahren. Mit dieser letzten Straßenbahnfahrt endete in Hagen eine Ära, die am 13. November 1884 um 6.40 Uhr mit der Fahrt eines Pferdewagens auf Schienen zwischen Oberhagen und dem Hauptbahnhof begonnen hatte.

Ein Freudenfest war dieser Tag keineswegs. „Für viele Hagener war das Aus für ihre Straßenbahn ein Schock. Aber schon in den 60er Jahren war bei Verkehrsbehinderungen und Unfällen der Schuldige immer schnell ausgemacht“, sagt Dirk Göbel, der gemeinsam mit Jörg Rudat die Geschichte der Hagener Straßenbahn aufgearbeitet und bislang zwei Bücher (über die Linie 11 und die Linie 4) herausgebracht hat.

„Eines der Hauptargumente war, dass die Straßenbahn den zunehmenden Individualverkehr ausbremse. Wenn man allerdings heute mal die Rembergstraße anschaut, sind ja dort ganz bewusst Buscaps gebaut worden, um den öffentlichen Personennahverkehr zu beschleunigen.“ Unter Schock stand damals auch Heinz Biermann. „Zur letzten Fahrt bin ich nicht gegangen“, sagt der überzeugte Straßenbahner noch heute, „das wäre ja so gewesen, als hätte ich an meiner eigenen Beerdigung teilgenommen.“

Grabe-Gutachten als Basis für Aus

Der Beschluss, die Hagener Straßenbahnen ein für allemal zu beerdigen, fielt bereits im Jahr 1971. Basis war das Gutachten des Ingenieurs Professor Grabe von der Technischen Universität Hannover, das zu dem Schluss kam, den Betrieb der Straßenbahn bis 1978 umzustellen und stattdessen auf Omnibusse zu setzen. Damit widersprach Grabe in Teilen einer Expertise der Technischen Hochschule Zürich, die zehn Jahre zuvor der Straßenbahn die Wirtschaftlichkeit bescheinig hatte.

Grabe allerdings setzte nicht nur auf die Einstellung der Straßenbahn, sondern flankierte diese einschneidende Maßnahme mit weiteren Vorschlägen, von denen nicht ein einziger umgesetzt wurde: Bau von aufgeständerten Busspuren vom Markt über Hauptbahnhof bis Eckesey mit Auf- und Abfahrten, Bau eines zen­tralen Busbahnhofs mit Teilabriss des Hasper Kreisels, Ausweisung besonderer Fahrspuren, Vorfahrt für alle Straßen mit Busverkehr sowie Umstellung des Fuhrparks auf einen Standardbus.

Ab Mitte der 60er Jahre reduzierte sich das Streckennetz der Hagener Straßenbahn. Aus Kostengründen wurde am 2. November 1963 die Linie 11 nach Breckerfeld eingestellt, die über ein Viadukt an der Hasper Talsperre durch Feld und Wald führte und noch heute als eine der schönsten Strecken Deutschlands gilt. Nach und nach wurden Abschnitte verschiedener Linien gekappt. Die Linie 4 (Eilpe - Herdecke) fuhr am 25. Mai 1974 zum letzten Mal, die Linie 2 (Haßleyer Straße - Vogelsang) wurde am 31. Mai 1975 eingestellt. Ein Jahr später war Schluss auf der Linie 1 (Eilpe - Loxbaum) und der Linie 7 zwischen Markt und Boele-Kabel.

Hagener winkten mit Taschentüchern

„Viele Hagener winkten mit weißen Taschentüchern aus dem Fenster und verabschiedeten so ihre Straßenbahn“, sagt Dirk Göbel. Während sich Schausteller und Einzelhändler sauer darüber zeigten, dass die Stadt Hagen ein Volksfest in der Innenstadt ablehnte, zelebrierten zumindest die Menschen im Hagener Norden am Amtshaus eine Feier. „Für die Rückfahrt hatten pfiffige Boeler vor dem Amtshaus ein Seil über die Schienen gespannt. Erst als Straßenbahn-Direktor Heinrich Siebert 50 Mark abgedrückt hatte, durfte die Bahn weiterfahren.“

Nach Würzburg, Innsbruck und Belgrad wurden Hagener Wagen verkauft. Drei Zweiachser plus ein Beiwagen wurden von der Bergischen Museumsbahn in Wuppertal erworben. „Ein Triebwagen fährt noch heute auf der Museumsstrecke“, sagt Dirk Göbel, „ein Beiwagen wird aktuell restauriert.“

 
 

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