Der Ruder-Revoluzzer aus Vorhalle

Rudertrainer Karl Adam.
Rudertrainer Karl Adam.
Foto: WITTERS

Hagen.. Was der Mann in 64 Jahren erlebte, reicht normalerweise für mehrere Leben. Er holte den Titel eines Studentenweltmeisters im Schwergewichtsboxen, wurde bei der alliierten Invasion in der Normandie schwer verletzt, revolutionierte das Rudertraining, feierte als Coach weltweit Erfolge und wurde in die deutsche Hall of Fame des Sports aufgenommen. Und er war ein waschechter Vorhaller Junge: Heute vor 100 Jahren erblickte „Ruderprofessor“ Karl Adam an der Weststraße das Licht der Welt.

Dass er seine Boote einmal zu 29 Medaillen bei Olympischen Spielen sowie Welt- und Europameisterschaften führen sollte, war in Adams Kinder- und Jugendzeit nicht abzusehen – der Hagener hatte bis dato mit dem Rudern schlichtweg nichts zu tun. Nichtsdestotrotz war Karl ein sportlicher Junge, sodass er nach dem Abitur an der Hagener Oberrealschule 1931 ein Lehramtsstudium in den Fächern Mathematik, Physik und Leibesübungen begann.

Sportliches Ausrufezeichen

Nach dem Examen wechselte er 1937 an die Berliner Reichsakademie für Leibeserziehung und setzte im selben Jahr ein erstes sportliches Ausrufezeichen: In Paris wurde der kräftige Vorhaller, der auch im Hammerwerfen glänzte, Studentenweltmeister im Schwergewichtsboxen.

Die Einberufung zum Militär machte zunächst einen Strich durch eine weitere Sportkarriere, zumal Adam nach einer schweren Verletzung in der Normandie im Lazarett und dann in französischer Gefangenschaft landete. 1948, der Krieg war gerade drei Jahre vorbei, erhielt der Hagener seine erste Anstellung als Studienrat – an der Lauenburger Gelehrtenschule im beschaulichen schleswig-holsteinischen Städtchen Ratzeburg. Dort begann er mit der Betreuung der schulischen Ruderriege, wovon der Pauker Karl Adam anfangs allerdings wenig begeistert war.

Doch die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Aus gutem Grund, wie sein früherer Schützling im Deutschlandachter und spätere Philosophie-Professor Hans Lenk einmal treffend schrieb: „Man kann wohl ohne Übertreibung urteilen: Er revolutionierte den Rudersport der Welt.“

Veraltete Trainingsmethoden umgekrempelt

Denn Adam krempelte die seinerzeit veralteten Trainingsmethoden in diesem Sport gehörig um. Er verbesserte nicht nur die Sportgeräte, wobei ihm sein Mathematikstudium sicherlich entgegen kam, sondern passte auch das Intervalltraining der Leichtathleten dem Rudern an und führte Hantel-, Zirkel- sowie ein vielseitiges Konditionstraining ein.

Doch der Pädagoge und Psychologe Karl Adam, der mit Lederjacke und Schlägermütze im Begleitboot saß, hatte ebenfalls maßgeblichen Anteil daran, dass Deutschland zu einer führenden Ruder-Nation avancierte.

Konkurrenz fördern

Der Hagener förderte die Konkurrenz unter seinen Sportlern, indem die Athleten im Einer und Zweier ausgebildet wurden und sich in diesen Klassen für die größeren Boote qualifizieren mussten; andererseits sprach er schon früh vom „demokratischen Training“ und war stets auch väterlicher Freund.

Das Ergebnis: Seine Schüler unterwarfen sich begeistert dem Leistungsprinzip und seine Trainingsmethoden wurden weltweit übernommen, weil der Ruderprofessor nie ein Geheimnis aus seinen Erkenntnissen machte. Die übrigens noch heute gelten.

Eine beeindruckende Erfolgsbilanz sollte folgen: Die Ratzeburger Sportler holten im Achter bei der EM 1959 Gold und wurden 1960 erster deutscher Olympiasieger in dieser Klasse. Es folgten die Weltmeistertitel 1962 und 1966, der zweite Olympiasieg 1968 und und und...

Aufnahme in die Hall of Fame

Für seine Verdienste wurde der Hagener 1972 zum Dr. h.c. an der Uni Karlsruhe ernannt, doch nur vier Jahre später verstarb er plötzlich und unerwartet – mit 64 Jahren. Vergessen hat man den Ruderprofessor aber bis heute nicht: Unter anderem benannte man in seiner Heimatstadt Hagen eine Sporthalle, in Ratzeburg einen Weg und einen ICE der Deutschen Bahn nach ihm.

2008 wurde Karl Adam in Anwesenheit des Bundespräsidenten Horst Köhler im Historischen Museum Berlin in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ aufgenommen. Dort steht er in einer Reihe mit Größen wie Max Schmeling, Sepp Herberger oder Franz Beckenbauer.

An der Berechtigung dieser außergewöhnlichen Ehrung gab es zu keinem Zeitpunkt Zweifel. Der Philosophie-Professor Hans Lenk brachte es in der Laudatio auf den Punkt: „Eine der größten Persönlichkeiten und sicherlich der intelligenteste Trainer des deutschen Sports.“

 
 

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