Den ganzen Tag ohne Spielzeug im Wald

Hubertus Heuel
In der ehemaligen Waldarbeiterhütte finden die Kinder im Notfall Unterschlupf.
In der ehemaligen Waldarbeiterhütte finden die Kinder im Notfall Unterschlupf.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Die Johanniter wollen ab August im Deerth oberhalb von Wehringhausen einen Kindergarten unter freiem Himmel gründen:den ersten Waldkindergarten in Hagen.

Wehringhausen. Jetzt bekommt auch Hagen seinen Waldkindergarten: Die Johanniter wollen ab August im Deerth oberhalb von Wehringhausen einen Kindergarten unter freiem Himmel gründen. Zwar gibt es auf dem Gelände eine Unterkunft, doch die soll nur im Notfall genutzt werden, erklärte Erzieherin Yvonne Lange, Leiterin eines Johanniter-Kindergartens in Datteln: „Wir agieren nach dem Motto, dass es schlechtes Wetter im Prinzip nicht gibt, nur schlechte Kleidung.“

Die Voraussetzungen für einen Waldkindergarten sind in Hagen bestens, gilt die Volmestadt doch als diejenige Großstadt mit dem höchsten Waldanteil in Nordrhein-Westfalen. Im Unterschied zu herkömmlichen Tagesstätten verbringen Kinder und Erzieherinnen von Waldkindergärten den gesamten Tag außerhalb von Gebäuden, zumeist im Wald, in küstennahen Orten auch am Strand. Nur wenn das Wetter Sicherheit und Gesundheit der Kinder gefährdet, darf eine Unterkunft aufgesucht werden. Im Deerth ist das eine ehemalige Waldarbeiterhütte hinter dem alten Forsthaus, die von der Stadt hergerichtet wurde und über einen gut befestigten Wirtschaftsweg mit dem Auto zu erreichen ist.

Weniger Stress und Lärm

Vorgesehen ist, dass die Eltern ihren Nachwuchs um 7.30 Uhr zu dieser Hütte bringen und die Kinder dann mit ihren Erzieherinnen in den Wald aufbrechen. Auf handelsübliches Spielzeug wird vollständig verzichtet, die Kinder sollen sich mit den Materialien beschäftigen, die sie in der Natur finden. Das soll sich laut wissenschaftlichen Untersuchungen u.a. positiv auf die Sprachentwicklung auswirken, da die Kinder in einem Waldkindergarten häufiger und intensiver miteinander kommunizieren. „Es wird frei gespielt und experimentiert“, so Yvonne Lange. Auch das Immunsystem der Kinder soll durch den stundenlangen Aufenthalt im Freien gestärkt werden, zudem sind sie weniger Stress und Lärm ausgesetzt.

In einem Handbuch des Landesverbandes der Wald- und Naturkindergärten NRW heißt es dazu: „Der Wald bietet ein harmonisches und in seinen Anreizen dosiertes Angebot für ein ganzheitliches Lernen und lebendige Erfahrungen aus erster Hand.“ Lern- und Erfahrungsziele seien das Erleben der Pflanzen und Tiere in ihren ursprünglichen Lebensräumen und der jahreszeitlichen Rhythmen und Naturerscheinungen, die Sensibilisierung für ökologische Zusammenhänge und Vernetzungen sowie die Wertschätzung der Lebensgemeinschaft Wald.

Nicht für ganztätig berufstätige Eltern geeignet

Der Hagener Waldkindergarten wird Platz für 20 Kinder (davon vier Unterdreijährige) bieten, allerdings schon um 14.30 Uhr schließen, so dass er für ganztägig berufstätige Eltern eher nicht in Frage kommen dürfte. Das Mittagessen nehmen Kinder und Kindergärtnerinnen im Wald ein.

Waldkindergärten finden seit den 90er Jahren in Deutschland großen Anklang und stoßen auf immer mehr Interesse bei den Eltern. Mittlerweile gibt es schätzungsweise 300 Waldkindergärten.