Das Hakenkreuz leuchtete an der Spitze des Rathausturms

Die Nationalsozialisten feierten den von ihnen eingeführten Tag der Arbeit auf der Springe vor der ehemaligen Stadthalle.
Die Nationalsozialisten feierten den von ihnen eingeführten Tag der Arbeit auf der Springe vor der ehemaligen Stadthalle.
Foto: WP
Im Grunde bildet der 30. Januar 1933 den Anfang vom bitteren Ende. Es ist der Tag, an dem das vermeintlich 1000-jährige Reich so etwas wie seine Geburtsstunde erlebte. Es ist der Tag, an dem Adolf Hitler in Berlin zum Reichskanzler ernannt wurde.

Hagen. Der Tag, ab dem Terror und Unterdrückung den Alltag bestimmen sollten und der Beginn einer Zeit, die Millionen Menschen den Tod bringen sollte. Vier Tage später feierten die Anhänger der NSDAP mit einem Fackelzug durch Hagen die Machtübernahme in Berlin. 80 Jahre ist das jetzt her.

Unterdrückung und Verhaftung

„Diese Tage läuteten auch in Hagen und in der benachbarten Kleinstadt Hohenlimburg die Abschaffung der demokratischen Rechte und Freiheiten ein“, sagt Dr. Ralf Blank, Historiker und Leiter Wissenschaft, Museen und Archive im Fachbereich Kultur. „Der preußische Ministerpräsident Hermann Göring ordnete am 22. Februar die Bildung einer Hilfspolizei aus Mitgliedern der SA, der SS und des Stahlhelms an. Mit Armbinde patrouillierten uniformierte und bewaffnete Angehörige der nationalsozialistischen Kampfeinheiten in den Straßen.“

Bei reinen Kontrollgängen blieb es nicht. Bereits im Februar setzte in Hagen eine groß angelegte Verhaftungswelle ein, die sich vor allem gegen die Mitglieder und Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) richtete. Bis Mai wurden rund 400 Menschen inhaftiert. Auch gegen Sozialdemokraten und Politiker der bürgerlichen Parteien gingen die Nationalsozialisten gezielt vor. „Die Repressionen wurden vor den Wahlen zum Reichstag am 5. März und zur Stadtverordneten-Versammlung am 12. März verstärkt“, sagt Blank.

Die Reichstagswahlen

Bei den Wahlen zum Reichstag holte die NSDAP 36,8 Prozent der Stimmen, die KPD 22 Prozent, das Zentrum 17,6 Prozent sowie die SPD 11,2 Prozent. „Schon einen Tag später hissten SA-Männer auf dem Rathausturm eine Hakenkreuzfahne“, so Blank, „sie sollte den Beginn der zwölf Jahre währenden nationalsozialistischen Herrschaft in Hagen symbolisieren, an deren Ende die Stadt vollständig in Trümmern lag.“

Hagens OB untersagte Wahlkampfauftritt von Goebbels 

Hingenommen wurde das Auftreten der Nazis in der Anfangszeit nicht allenthalben. Hagens Oberbürgermeister Cuno Raabe (1888 bis 1971) untersagte einen Wahlkampfautritt von Joseph Goebbels, seinerzeit einflussreicher Gauleiter in Berlin sowie ab 12. März Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda. Auf den Plakaten war zu lesen: „Für Juden und Jesuiten verboten“. Auch als die Hakenkreuzfahne auf dem Rathausturm weht, legte Raabe sein Veto ein.

Hagener NSDAP-Größen plädierten zwei Tage später für die Entlassung Raabes durch den neu eingesetzten Regierungspräsidenten Dr. Max von Stockhausen. Dem aber kam Raabe zuvor. Noch am selben Tag ließ er sich aus Krankheitsgründen beurlauben. „Den Nationalsozialisten“, so Blank, „war es damit noch vor der Kommunalwahl gelungen, die politische und administrative Führung der Stadtverwaltung auszuschalten.“

Ausschluss der KPD

Den politischen Durchbruch brachten die Wahlen indes nicht. Zwar wurde die NSDAP stärkste Fraktion, allerdings reichte es sowohl in Hagen als auch in Hohenlimburg nicht zur Mehrheit. Grund genug zu handeln. „Bei der konstituierenden Sitzung am 6. April im Kuppelsaal der Stadthalle waren die KPD-Mitglieder ausgeschlossen“, so Dr. Ralf Blank, „ihre Mandate wurden zugunsten der NSDAP aufgehoben. Die Stadtverordneten von Zentrum, SPD und kleineren Parteien bildeten für Nazis im Grude nur Staffage, um einen demokratischen Anschein aufrechtzuerhalten. In Hohenlimburg wurden SPD-Politiker von SA-Männern an der Teilnahme an der ersten Sitzung gehindert.“

Wichtigster Tagesordnungspunkt der Sitzung war die Ernennung von Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg zu Ehrenbürgern der Stadt. Ein Unterfangen, mit dem Hagen nicht allein dastand. In 4000 Städten im Deutschen Reich war man der Meinung, dass sich der nationalsozialistische Führer um ihre Gemeinde große Verdienste erworben habe.

Ehrenbürger Hitler

Was Hagen allerdings von vielen Kommunen unterscheidet, ist die Tatsache, dass die außergewöhnliche Ernennungsurkunde nach mehreren Versuchen von einer Delegation Hitler selbst in der Reichskanzlei am 6. Juli 1934 übergeben werden konnte. Auch dass die Spezialanfertigung aus zwei naturbelassenen Stahltafeln mit einer Stärke von zwei Millimetern ihren Weg zurück nach Hagen fand, unterscheidet die Volme­stadt von vielen anderen. „2002 konnte das historische Centrum den Ehrenbürgerbrief erwerben“, sagt Ralf Blank, „diese Relikt hat Krieg und Zerstörung wohl nur überdauert, weil es von Form, Inhalt und Material schon zu Zeiten seiner Herstellung durch den Hagener Bildhauer Hans Dorn als einzigartig galt.“

Wenig Akzeptanz in der Stadtverordneten-Versammlung 

In Auftrag gegeben hatte den „Brief“ schließlich Oberbürgermeister Heinrich Vetter, der am 24. April gewählt worden war.

„Stellung und Machtfülle des Oberbürgermeisters wurden durch eine neue Kommunalverordnung erheblich gestärkt und kam dem Führerprinzip der Nationalsozialisten entgegen“, erklärt Ralf Blank, „die Wahl Vetters stieß in der Stadtverordneten-Versammlung auf wenig Akzeptanz.“ Dabei ging es vor allem um Vetters fehlende Qualifikation – dieser war bis zum Einzug in den Reichstag 1930 als ungelernter Arbeiter und Pförtner tätig gewesen.

„Wichtigster Beamter wurde im Frühjahr 1933 unter Nichtbeachtung aller rechtlichen Voraussetzungen Fritz Feldtscher, der aus dem mittleren Dienst heraus Verwaltungsdirektor wurde“, so Ralf Blank. Feldtscher war noch im März flugs in die NSDAP eingetreten. Er behielt seine Position bis Mai 1945.

Die Gleichschaltung

Das wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Leben wurde Bereits ab März gleichgeschaltet. „Sport-, Gesangs-, Krieger- und sonstige Vereine wurden nach dem Führerprinzip ausgerichtet“, erklärt Ralf Blank, „sofern es nicht zur Auflösung kam, erfolgte die Integration in Verbände und Gliederungen der NSDAP. In der Heimatbewegung, die sich seit den 20er-Jahren in Hagen und Hohenlimburg etabliert hatte, sahen die Nationalsozialisten eine wichtige kulturpolitische Aufgabe.“

Mehrere Hauptverkehrsstraßen wurden am 24. April kurzerhand umbenannt. Namensgeber waren führende NS-Politiker. „Das bildete den Auftakt zu einer zunehmenden historischen Verklärung der sogenannten Kampfzeit der NSDAP“, so Blank. Auf der „Kuhweide“ in Delstern wurde feierlich eine Hitler-Eiche gepflanzt, um an eine Großveranstaltung im Sommer 1932 zu erinnern.

Als der Prähistoriker und NSDAP-Funktionär Dr. Gerhard Brüns als städtischer Museumsleiter eingesetzt wurde, begann 1934 eine neue Phase in der Kulturpolitik. Die Hagener Museen wurden ausgebaut, das Theater „neu ausgerichtet“ und die „Große Sauerländische Frühjahrsausstellung“ wurde zur zentralen Gauausstellung.

Nazi-Organisationen

„Die NSDAP und ihre verschiedenen Gliederungen drangen ab 1933 in nahezu alle Bereiche des alltäglichen Lebens der Hagener Bevölkerung ein“. so Dr. Ralf Blank, „die Stadt war Sitz der SA-Brigade 69 und der SS-Standarte 69 ,Sauerland’. Die Hitler-Jugend hatte sich in Hagen mit dem HJ-Bann 138 eingerichtet.“ Der Bund Deutscher Mädel habe sich in Hagen in dem für das gesamte Umland zuständige Untergau Mark formiert. Daneben existierten noch viele lokale und regionale Dienststellen von weiteren Organisationen.

Rüstungsindustrie

Schon im Mai 1933 wurden die Beschäftigten und leitenden Angestellten der Accumulatoren Fabrik AG Berlin-Hagen in Wehringhausen politisch überprüft. In Schutzhaft wurden Werksdirektor Hermann Clostermann und der Aufsichtsratsvorsitzende Günther Quandt genommen. Freigelassen wurden sie erst einige Wochen später. „Beide erhielten ihre alten Positionen zurück“, sagt Blank. „So sicherte sich die NSDAP ein konformes Verhalten der Führungskräfte und Einfluss auf das Hagener Stammwerk, das vor allem als Rüstungswerk von großer Bedeutung war.“

 
 

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