Das couragierte Fräulein Richard

Widbert Felka (li.), Stefan Welzel (Mi.) und Hans Feldhege fanden heraus, dass es Fräulein Maria Richard war, die jüdische Mitbürger im Hohenlimburger Wald mit Lebensmitteln versorgte.
Widbert Felka (li.), Stefan Welzel (Mi.) und Hans Feldhege fanden heraus, dass es Fräulein Maria Richard war, die jüdische Mitbürger im Hohenlimburger Wald mit Lebensmitteln versorgte.
Foto: Michael Schuh

Hohenlimburg..  Fräulein Richard besaß unglaublich viel Zivilcourage. Das war Stefan Welzel spätestens bewusst, als er erstmals von der Dame hörte. Am 9. November 2008 war das, Welzel nahm mit vielen Bürgern an einer Gegenbewegung zur Reichspogromnacht durch Hohenlimburg teil. Dabei zitierte Prof. Dr. Hermann Zabel aus seinem Buch „Zerstreut in alle Welt“ den jüdischen Mitbürger Hans Loewenstein, der sich an die Greueltaten während der Pogromnacht in Hohenlimburg erinnerte.

„Zu erwähnen ist natürlich auch Frl. Richard, die uns zu essen in den Wald brachte“, berichtete Loewen-stein in dem Buch aber auch von einer Bürgerin, die seiner vor der Gewalt geflüchteten Familie uneigennützig half. „Es war eine unwahrscheinliche Geste, die ich, solange ich lebe, nicht vergessen kann. Denn Frl. Richard setzte wirklich für uns ihr Leben aufs Spiel“, so Hans Loewenstein.

Auch Stefan Welzel ging die Erzählung von der mutigen Frau nicht mehr aus dem Kopf – und als er die Loewenstein-Erinnerungen vor gut einem halben Jahr bei einer Gedenkveranstaltung in der reformierten Kirche noch einmal zu Ohren bekam, stand für ihn fest: „Ich wollte wissen, wer dieses Fräulein Richard war.“ Doch das war leichter gesagt als getan. Erst, als Welzel dem Heimatvereinvorsitzenden Widbert Felka von seinen Überlegungen erzählte, kam der Stein ins Rollen.

Intensive Recherche

„Das war eine echte Denksportaufgabe“, denkt Felka lächelnd an seine Recherche zurück. Zunächst versuchte er, eine Familie Richard ausfindig zu machen, die in der Nähe der Loewensteins an der Eggestraße (heute: An der Kehle) lebte. Und siehe da: Nachdem er einiges an Literatur gewälzt hatte, stieß Felka in einem Adressbuch aus dem Jahr 1934 auf acht Hohenlimburger dieses Namens; einer von ihnen war Caspar Richard, der seinerzeit an der Eggestraße 16 die gleichnamige Dampfbäckerei – die heutige Bäckerei Grobe – führte. Über diesen Betrieb fand Felka zudem einen Bericht in den Heimatblättern des Jahres 1998. „Und dass es zwischen der Bäckerei und dem Fotogeschäft Feldhege eine Verbindung gab, habe ich mir gedacht.“

Der Heimatvereinvorsitzende informierte Welzel, der sich wiederum an die Bäckerei Grobe wandte. „Und Frau Grobe bestätigte mir, dass Maria Richard stets nur Fräulein Richard genannt wurde und lange Zeit bei Feldhege arbeitete“, fährt Welzel strahlend fort. Am vergangenen Dienstag rief er deshalb beim ehemaligen Besitzer der Drogerie und des Fotofachgeschäfts, Hans Feldhege, an. Und dieses Telefonat beseitigte letzte Zweifel. Fräulein Richard war gefunden.

„Sie war die Schwester meiner Mutter und hat Jahrzehnte in unserem Geschäft gearbeitet“, kann sich Hans Feldhege noch bestens an seine Tante erinnern, die 2001 im Alter von 91 Jahren starb. „Bis zu ihrem Tode hat sie großen Wert darauf gelegt, mit ‘Fräulein’ angesprochen zu werden“, beschreibt Feldhege eine gleichermaßen resolute wie herzliche Frau.

Eine Straße nach ihr benennen

Sogar die Ereignisse jenes eiskalten Novembertages 1938, als „Fräulein Richard“ in den nahen Wald ging, um die Familie Loewenstein mit Lebensmitteln zu versorgen, sind Feldhege noch ein Begriff. „Herr Loewenstein war später nach Südamerika ausgewandert, kam aber noch zweimal zurück nach Hohenlimburg und besuchte meine Tante. Aus Dank hat er ihr dabei einmal einen wertvollen Ring geschenkt.“ Keine Frage – diese Frau, die für andere Menschen ihr Leben aufs Spiel setzte, hatte es verdient.

Damit ihre mutige Tat nicht in Vergessenheit gerät, plädiert Stefan Welzel dafür, eine Hohenlimburger Straße nach Fräulein Richard zu benennen. „Dieser Vorschlag ist durchaus zu unterstützen“, findet auch Widbert Felka, „denn mit ihrer Hilfsbereitschaft und ihrem Mut ragte sie aus der Masse heraus.“

 
 

EURE FAVORITEN