Besser als jede Geschichtsstunde

Der Stollen am Kuhlerkamp ist für die Öffentlichkeit eigentlich gar nicht zugänglich.
Der Stollen am Kuhlerkamp ist für die Öffentlichkeit eigentlich gar nicht zugänglich.
Foto: Michael Kleinrensing
  • Die WP-Bustour wurde am Samstag für die Teilnehmer zu einer faszinierenden Zeitreise
  • An mehreren Stationen eröffnete sich die Chance, die Welt der Bunker zu entdecken
  • Die letzte Fahrt in diesem Jahr führt im November ins Busdepot der Hagener Straßenbahn AG

Hagen.  Zeitreisen kann man nicht buchen. Dies aber ist eine Zeitreise. In einem der modernsten Busse der Straßenbahn AG, im WP-Bus. Eine Zeitreise für die Leser, für die die Hagener Straßenbahn AG, der Fachbereich Kultur und die WP-Stadtredaktion diese Tour geplant haben. Und eine ganz besondere für Edith Graft, 82 Jahre alt.

Berlin 1945, die Hauptstadt vor 71 Jahren. „Wir sind aus Ostpreußen geflohen“, sagt Edith Graf, „es muss im Februar oder März gewesen sein. Als wir am Bahnhof aus dem Zug stiegen, heulten schon die Sirenen.“ Die Mutter rannte mit den Kindern los. Schnell in den nächsten Bunker. Wenige Minuten später fielen die ersten Bomben.

Schauerliche Eindrücke

Als Edith Graf im Keller des Hochbunkers an der Bergstraße steht, Michaela Beiderbeck hinter dem 25. Besucher die Tür zu dem kleinen Raum schließt und dann das Licht ausschaltet, läuft Edith Graf ein Schauer über den Rücken. „Vielleicht kriegen sie einen kleinen Eindruck davon, wie sich die Menschen damals gefühlt haben“, sagt die Frau, die hier ein privates Bunkermuseum eingerichtet hat. „Nach zehn Minuten hatte es in dem Raum 28 Grad. Um eine Massenhysterie zu verhindern, wurde er einfach abgeschlossen. Kondenswasser tropfte von der Decke. Wer ohnmächtig wurde, hatte keinen Platz, um umzufallen.“

Edith Graf kennt all das. Für viele der 50 Mitfahrer sind diese Eindrücke neu. „Interessant und erschreckend zugleich“, sagt Ingrid Köchling, die mit ihrer Tochter Claudia Fischer bei der Bunker-Tour durch Hagen mitfährt.

Geschichtsunterricht der anderen Art sind die drei Stunden für Niklas Düllmann. 2017 macht er am THG Abitur. „Das ist viel lebendiger, als Texte in einem Buch zu lesen“, sagt der Zwölftklässler, für den der Nationalsozialismus demnächst wieder auf dem Stundenplan steht. Aber auch sein Vater Thomas nimmt viele Eindrücke mit: „Wir haben interessante Orte kennengelernt, über die man auch als Ur-Hagener wenig weiß.“

Der Hochbunker an der Bergstraße ist so einer. Aber auch der Bunker Körnerstraße, in dem heute ein kurdischer Kulturverein seine Räume hat und an dem Dr. Ralf Blank, Leiter des Fachdienstes Wissenschaft, Museen und Archive der Stadt Hagen, über das größte Bunkerunglück Europas erzählt. Am 15. März 1945 traf beim letzten großen Luftangriff vermutlich eine Sprengbombe den Bunker, in dem tausende Menschen Schutz suchten. „500 von ihnen starben im Bunker und auf dem Vorplatz.“

Der Bunker an der Körnerstraße ist der erste, den der WP-Bus ansteuert. Der Atombunker im ehemaligen Aralparkhaus unterhalb der neuen Polizeiwache an der Bahnhofstraße, der Varta-Bunker in Wehringhausen und der Stollen am Kuhlerkamp die nächsten. Der Historiker Blank sowie der Archäologe und Bunker-Experte Horst Klötzer erzählen über die Bauten und ihre Geschichte.

Tunnel in den Berg hinein

„153 Meter ist der Stollen insgesamt lang“, sagt Horst Klötzer über den Tunnelbau unter dem Kuhlerkamp. „Die Menschen haben hier früher in Angst und Panik auf Bänken dicht gedrängt gesessen und darauf gewartet, dass die Luftangriffe vorübergehen.“ Der Bunker, der nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten blieb und in den 60er-Jahren modernisiert wurde, wird heute durch die Feuerwehr verwaltet. Öffentlich zugänglich ist er nicht.

Ganz anders als der Betonklotz an der Bergstraße, in dem Michaela Beiderbeck ein Museum nebst Bunker-Café im Nachbargebäude etabliert hat. In der Montur eines Bunkerwarts erzählt sie über das Gebäude („Wohl einzigartig in seinem Erhaltungszustand“) und die Menschen, die hier Zuflucht gefunden haben. So wie der ehemalige Hagener Oberbürgermeister Heinrich Vetter, der einst betrunken in den Bunker torkelte und von fünf Männern gebändigt werden musste. Oder jene Frau, die vor ein paar Wochen das Museum besuchte und unbedingt den Sanitätsraum sehen wollte: Hier hatte sie das Licht der Welt erblickt.

 
 

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