Zu Gast in der Heimat

Jürgen Wagner im Ratsgymnasium. Foto: Ulla Michels / Archiv
Jürgen Wagner im Ratsgymnasium. Foto: Ulla Michels / Archiv
Foto: WAZ
Aussteiger Jürgen Wagner („Öff Öff“) stattete seiner ehemaligen Schule wieder eine Visite ab.

Gladbeck.. Er lebt mit seiner Familie zuweilen in einem Hühnerstall, isst, was die Natur hergibt. Er lebt ohne Geld, beteiligt sich nicht am System, was für ihn bedeutet, wenn der Zahn schmerzt, selbst zur Zange zu greifen und den Schmerzverursacher abzubrechen. „Öff Öff“, alias Jürgen Wagner, ist Deutschlands bekanntester Aussteiger. Seine bürgerliche Kindheit und Jugend verbrachte er in Gladbeck.

Und dahin kam er am Freitag zurück. Am Ort seiner schulischen Ausbildung, dem Ratsgymnasium, wollte er Zeichen setzen. Er kam, um zu diskutieren, den Menschen seine Systemkritik und seine Lösungsansätze näher zu bringen. Gemeinsam mit seiner Frau, der gemeinsamen Tochter und dem Hund war er gekommen und warb er für globale Verantwortung. Und es dauerte nicht lange, bis sich für ihn die Türen öffneten, eine faszinierte Schülerschar auf den Aussteiger zustürzte und ihn herein bat zur Diskussion.

Schnell kam der studierte Theologe dabei auf den Punkt: „Wir müssen lernen, so sehr gewaltfrei miteinander zu teilen, in schenkender Liebe zusammen zu leben, dass wir gesamtwohlkonsenzfähig werden, also miteinander eine Konsensgemeinschaft globalen Teilens werden.“ Sehr philosophisch ist solch ein Reden. Und philosophisch ist auch der ganze Mann. Seit Jahren eifert er pilgernd seinen Vorbildern nach, zu denen Buddha, Jesus, Franziskus zählen.

Abtun, das merkten die Schüler schnell, kann man die Aussagen von „Öff Öff“ nicht so einfach. Denn heutzutage sind seine Anliegen salonfähig geworden. Auch wenn seine Art, dieses vorzubringen, durchaus außergewöhnlich ist. So schickte Jürgen Wagner schon vor Jahren seinen Ausweis an den Bundespräsidenten zurück. Ein Ausdruck seiner Forderung nach einer Strukturrevolution. Denn die brauche die Welt, um zu überleben. „Globale Verantwortung muss zur Regie im Inneren des Einzelnen werden.“ Bisher aber sieht er solche Ansätze nicht.

Er selbst sieht sich als lebendige Provokation

„Man ist so damit beschäftigt, das Wasser aufzuwischen, dass man es nicht schafft, den Hahn zuzudrehen.“ „Öff Öff“ weiß um seine Radikalität. Er selbst sieht sich als lebendige Provokation und gleichsam als Vorbild für andere. „Obwohl es Menschen gibt, die noch viel vollkommener sind, als ich“, hält er auch mit einem gewissen Ego nicht hinterm Berg, während er posiert mit Schülern, die ein Foto machen mit ihrem iPhone und seine Kleidung bestaunen.

Der Mann nämlich kombiniert zu langen Haaren ein Stirnband mit der Aufschrift „Global Love“, trägt dazu einen dicken Wollpullover, eine weite Hose. Seine Füße stecken in dicken Wollsocken und die in Sandalen. Für die Schüler ist sein Auftritt ein Spektakel. Das rundet sich ab, als er antwortet auf die Frage, ob er sein Kind zur Schule schicken werde: „Kinder sollen frei sein – wenn sie zur Schule gehen wollen, dann sollen sie hin gehen.“

Manchmal gibt sich der Gladbecker auch versöhnlicher, erklärt, dass er nicht immer im Hühnerstall lebe. „Ich bewege mich zwischen unseren verschiedenen Projekten. Da wohnen wir manchmal auch in einem Haus“, so Wagner, der ebenso bereits mit seinem Plan Furore machte, solle sich die Welt nicht bessern, ab seinem 50. Lebensjahr zu fasten bis zum Tod.

 
 

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